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Lobbyisten-Serie (Teil 5) Atom adieu

Atomausstieg 2022: Seit der Katastrophe im japanischen Fukushima ist für das Deutsche Atomforum nichts mehr so, wie es war. Bei der Suche nach einer neuen Identität stößt die Lobby an ihre Grenzen.
7 Kommentare

BerlinDer Vorstoß von Angela Merkel am 12. März 2011, er kam über Nacht, er kam auf Drängen der Länder und auf Druck der Bevölkerung. Obwohl es sonst so gar nicht ihre Art ist, eilige Entscheidungen zu treffen, tat sie es diesmal: der Atomausstieg, er war beschlossene Sache. Die Zustimmung des Parlaments im Ende Juni: nur noch Formsache. Das Todesurteil der deutschen Atomindustrie, es schien gesprochen.

Zweieinhalb Jahre später, zu Beginn einer neuen Legislaturperiode, ist daher die Frage berechtigt, sie drängt sich regelrecht auf: Hat die deutsche Atomlobby, namentlich das Deutsche Atomforum (DAtF), eine Zukunft? 80 Mitglieder zählt das Atomforums, darunter die vier großen Energiekonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall sowie Forschungszentren, etwa in Jülich oder Karlsruhe. Doch für was können sie noch kämpfen, welche Meinung können sie noch machen, wenn sie sich doch –  wie Experten bestätigen – mit den Gegebenheiten abgefunden haben? 

Ein paar Dinge gäbe es da wohl noch. Die Frage der Endlagerung etwa. Sie ist für die Lobby nicht zuletzt deshalb ein Thema, weil die großen Energieerzeuger die Kosten für deren Erschließung tragen müssen. Im Moment sind sie gezwungen, in ihren Bilanzen Rückstellung für die Endlagersuche zu bilden.

Ärgerlich wäre es für die Energieriesen allemal, sollte die Endlager-Kommission beschließen, den Standort Gorleben nicht zu Ende zu erkunden. Milliarden Euro wären dann dahin; die Investitionen gingen von vorne los. Wenn der Präsident des Atomforums Ralf Güldner in der Endlager-Kommission mitarbeitet, wird er genau das zu verhindern suchen. Güldner ist hauptberuflich in der Geschäftsführung von Eon.

Auf die Endlagerdebatte Einfluss nehmen könnte die Lobby schließlich auch über Kontakte in die Ausschüsse für Wirtschaft und Technologie beziehungsweise Bildung und Forschung.  Entscheidend könnte für das Atomforum sein, welche Abgeordneten hier landen.

Endlagerung und Rückbau – diese Streitpunkte wird die Lobby die nächsten Jahre beschäftigen. Allerdings muss der Verband seinen Mitgliedern auch eine echte, eine langfristige Perspektive bieten. Eine Idee, wie die neue Identität aussehen könnte, gibt es bereits: Deutschland soll als Forschungs- und Technologiestandort im Bereich Kernenergie erhalten bleiben, seine Expertise im Ausland noch stärker vermarkten. Und hier könnte tatsächlich wieder Lobbyarbeit gefragt sein.  

Die Zukunft beim Namen nennen

Während durchaus ein bundesdeutsches Interesse daran besteht, die deutsche Endlagerforschung voranzutreiben, wird es die Forschungsdisziplin Reaktorsicherheit in Zukunft schwer haben. Zwar sei die deutsche Forschung angehalten, in Europa die Expertise im Bereich Reaktorsicherhit auch nach 2022 aufrecht zu erhalten, heißt es etwa am Karlsruher Institut für Technologie. Allerdings müsse die Bundesregierung darüber entscheiden, wie viel Hilfestellung Deutschland dem restlichen Europa bei der Atomsicherheit zukünftig geben – also finanzieren – will.

Wenn es nach dem unabhängigen Energieberater Mycle Schneider geht, hat es die Atomindustrie bislang nicht geschafft, umzudenken. Er schätzt die Forschung immer noch als zu rückwärtsgewandt ein. „Wir brauchen junge Leute, die in die Kerntechnik reingehen und nach vorne sehen“, sagt Schneider. Nach welchen Kriterien zum Beispiel soll radioaktiver Müll zukünftig endgelagert werden? Wie kann man erreichen, dass die Umwelt Strahlen nur minimal ausgesetzt ist? Dem Karlsruher Forschungsinstitut zufolge fließt bereits viel Kapazität in derartige Forschungsfragen. Das Ministerium für Bildung und Forschung etwa finanziere diverse Projekte im Bereich Strahlenschutz.

„Lobbyisten sind Überzeugungstäter“

Was Schneider dennoch vermisst: dass die Atomlobby solch zukunftsgewandte Forschungsthemen beim Namen nennt. Ähnlich sieht es auch die deutsche Umwelthilfe. Für den gemeinnützigen Verein besteht die Bedeutung der Atomlobby aktuell darin, mitzuarbeiten – am sicheren Rückbau stillgelegter Anlagen und an Lösungen zur Zwischen- und Endlagerung des radioaktiven Materials. „Das Deutsche Atomforum muss aufpassen, nicht als ewig gestrige Techniksekte zu enden“, sagt Sprecher Gerd Rosenkranz.

Am Ende würde eine offenere Kommunikation wohl allen nützen. Denn das schlimmste, was dem Mitarbeitern des Deutschen Atomforums am Berliner Robert-Koch-Platz passieren könnte, wäre, dass ein Mitgliedsunternehmen nach dem sich dafür entscheidet, sich und seine Interessen fortan nur noch selbst zu vermarkten.

Der Kerntechnik-Konzern Areva etwa leistet sich auf der Berliner Friedrichstraße eine Niederlassung in bester Lage. Auch die großen Energiekonzerne unterhalten bereits eigene Repräsentanzen in Berlin und Brüssel. Wenn es um Novellierung des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) geht, vertreten sie heute ihre Interessen schon selbst. Ähnlich könnte es bei anderen Gesetzesvorhaben auch laufen.  

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7 Kommentare zu "Lobbyisten-Serie (Teil 5): Atom adieu"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • "Die Japaner haben in Fukushima nur noch Land unter und Unmengen an verstrahltem Wasser, das nur eine langfristig gute Wetterlage unter Kontrolle halten kann"

    das was dort passiert ist, ist im Vergleich mit dem was uns bevorsteht ein Kindergeburtstag.

    Ich glaube die Mehrheit macht sich keine Vorstellung davon, was passiert wenn die Energieversorgung in der Zukunft zusammenbricht und einige Milliarden Menschen nicht mehr genug zu essen haben...

    In Fukushima hat es keinen Toten gegeben. Dies wird Millionen Tode geben...

    Aber das werden wohl unsere Enkel erleben...

  • Sicher haben die Befürworter und Lobbyisten der Kernkraft einiges verschlafen um nicht zu sagen verpennt. Damals als noch Reaktoren in Deutschland gebaut wurden, hatte man wohl gedacht, daß man es nicht nötig hat die Allgemeinheit informationsmäßig mit ins Boot zu nehmen. Das haben dann die "Freunde der Erde" und die Grünen als Angriffspunkt genutzt um der Kernkraft langsam aber sicher den Gar aus zu machen. Was aber aktuell zu dem "Atom-Ausstieg" geführt hat scheint mir anders begründet zu sein. Ich glaube, daß es sich wie folgt abgespielt hat : Siemens war zu 30 % in Framatom investiert und wollte mehr zu sagen haben. Der kleine Napoleon aus Frankreich wollte aber Siemens ihr Zusatz-Häppchen nicht geben. Da hat sich Siemens wohl gedacht, gehen wir doch raus aus Framatom/AREVA und flüsstern der Mutti mal, sie soll den Franzmännern die Gewinne im deutschen Geschäft so richtig vermiesen. Wenn wir (Siemens) hier nicht groß mitmischen dürfen, dann soll AREVA hier auch kein Geschäft mehr machen. Dafür verkaufen wir dann unsere teuren Windmühlen und zwingen die Bürger dazu den teuren Öko-Strom zu kaufen. Ist natürlich alles nur meine Theorie, aber bisher habe ich nichts gehört, was unseren "Atom-Ausstieg ohne Not" besser erklärt hätte. Politiker verschenken doch keine Asse und mit ein paar Reaktoren die man abschalten kann, hätte sie (die Mutti) doch ein paar Asse im Ärmel gehabt. Warum also hat die Physikerin die Kraftwerke, welche letzlich das deutsche Volk bezahlt haben, einfach verschenkt !?

  • Generation IV ist ein Schlagwort mit dem alle möglichen Reaktorentwicklungen zusammengefasst werden.

    Wenn Sie die heutige Generation IV Seite mit der vor 5, oder 10 Jahren vergleichen, werden Sie feststellen, dass sich nicht viel geändert hat.

    Das Land mit der zielstrebigsten und effektivsten Reaktorentwicklung ist Russland.
    Vandale

  • Kernkraftbefürworter sind für den links-ökologisch sozialisierten Journalisten "Lobbyisten", Greenpeace Angestellte "Umweltschützer".

    Wenn man die Methoden der Oekolobby betrachtet, Finanzierung des Wahlkampfs einzelner Abgeordneter, eine sehr selektive Kommunikation, Beherrschung der Medien ist die Oekolobby die erfolgreichste Interessenvertretung Deutschlands.

    Insgesamt war das Atomforum aufgrund seiner Passivität die vielleicht ineffektivste Interessenvertretung Deutschlands.

    Vandale

  • Die Kernenergie wird die Zukunft der Energieversorgung der Menschheit darstellen. Wind und Sonne werden schon aus Kostengründen keine Chance haben, zumal sie nicht grundlastfähig sind. Reaktortypen der 4. Generation - maßgeblich von chinesischen Wissenschaftlern entwickelt - sind im Kommen, d.h. erste kommerzielle Reaktoren sind bereits im Bau. Die Industrie wird dorthin gehen, wo solche Reaktoren künftig günstigen Strom bereitstellen. Die Aussichten für den Wirtschaftsstandort Deutschland sind indes düster. Hier werden die Bürger gnadenlos von einer Ökomaffia abgezockt, während hoch qualifizierte Arbeitsplätze in der Kerntechnik und das technische Wissen um diese Schlüsseltechnologie dauerhaft verloren gehen.

  • Man was bin ich froh, dass Deutschland aus dieser unheiligen Technik aussteigt!

    Die Japaner haben in Fukushima nur noch Land unter und Unmengen an verstrahltem Wasser, das nur eine langfristig gute Wetterlage unter Kontrolle halten kann. Leider ist die Insel sehr klein, so dass ein Umgang damit a la Russland nicht funktionieren kann.

    Ab und an nehme ich mein Strahlungsmessgerät mit in den Supermarkt, wenn ich ausländische Waren aus GB, Frankreich, Japan, Russland, Indien, China oder USA kaufen will. Früchte aus Übersee sind eh tabu für den Kauf, weil mit Elektronenstrahlen und Chemie "behandelt" bis die Kerne tot sind. Das kann einfach nicht gesund sein.

  • die Japaner fahren ihre Atomkraftwerke wieder an...

    Weil es im Moment noch alternativlos ist.

    Der Hals über Kopf Ausstieg der Deutschen ist rational nicht zu begründen...