Masernausbruch Regierung erwägt Impfpflicht

In Berlin wurden in diesem Jahr bereits 447 Masernfälle gemeldet. Politiker diskutieren nun über eine gesetzliche Impfpflicht. Die Opposition stemmt sich dagegen und argumentiert mit dem Selbstbestimmungsrecht.
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Sich nicht impfen zu lassen ist asozial!

BerlinAls Reaktion auf den Masernausbruch in Berlin erwägt die Regierungskoalition eine gesetzliche Impfpflicht. „Wenn wir es nicht schaffen, mit verstärkter Aufklärung und Beratung die Impfraten bald zu steigern, sollten wir über eine Impfpflicht in Kindergärten und Schulen nachdenken“, sagte der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn der „Welt am Sonntag“. Die Forderung wird auch vom Koalitionspartner SPD erhoben – und von der Opposition kritisiert.

„Wir brauchen jetzt eine konzertierte Aktion von Gesundheitspolitikern aller Parteien und von den Ärzteverbänden, um eine große Impfwelle in Gang zu setzen“, sagte der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach der Zeitung. Wenn es nicht gelinge, die Impfbereitschaft zu steigern, „muss eine Impfpflicht für Kleinkinder der nächste Schritt sein“.

In Berlin wurden dem Bericht zufolge in diesem Jahr bereits 447 Masernfälle gemeldet und damit mehr als bundesweit im gesamten vergangenen Jahr. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kritisierte Impfgegner scharf. „Die irrationale Angstmacherei mancher Impfgegner ist verantwortungslos“, sagte Gröhe dem Blatt. „Wer seinem Kind den Impfschutz verweigert, gefährdet nicht nur das eigene Kind, sondern auch andere – das kann zu schweren Gesundheitsschäden führen.“

Impfen oder nicht?
Masernimpfung
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Große Masern-Ausbrüche in Berlin und Bayern haben 2013 die Diskussion um die Impfung gegen die Infektionskrankheit neu angefacht. Die Politik erwog sogar eine Impfpflicht. Manche Eltern sehen Impfungen dagegen generell kritisch. Fakten und Argumente im Streit um den kleinen Pieks gegen die Masern:

Krankenhaus
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Gefahren einer Masern-Infektion

Masern sind hochansteckend. Sie schwächen auch das Immunsystem. „Dadurch können zusätzlich bakterielle Super-Infektionen auftreten“, erläutert Dorothea Matysiak-Klose vom Berliner Robert Koch-Institut (RKI). So kommt es bei einigen Erkrankten zu Mittelohrentzündungen (7-9 Prozent) oder einer Lungenentzündung (1-6 Prozent).

In einem von 1000 Fällen folgt sogar eine Gehirnentzündung. Sie kann tödlich enden oder schwere Schäden wie geistige Behinderungen verursachen. Sehr selten tritt Jahre nach der überstandenen Infektion eine Entzündung des Gehirns und des Nervensystems auf - an diesen Spätfolgen starb im Juni ein 14-Jähriger in Nordrhein-Westfalen.

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Masern-Impfung

Die Impfung bietet nach Angaben des RKI einen sehr hohen Schutz. Ein Rechenbeispiel des Instituts: Falls in einer Grundschule, in der die Hälfte der Kinder geimpft ist, die Masern auftreten, sei damit zu rechnen, dass nur zwei bis drei Prozent der Geimpften erkrankten - aber fast alle nicht Geimpften. Das Ziel ist es, 95 Prozent der Bevölkerung zu immunisieren. Denn dann könnten die Masern sich nicht mehr weiter verbreiten. Weil der Schutz beim ersten Mal nicht immer anschlägt, werden zwei Dosen empfohlen.

Deutsches Thermometermuseum Geraberg
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Nebenwirkungen

„Auch für Impfstoffe gilt, dass Sie keine Wirkung ohne Nebenwirkungen haben“, sagt Michael Pfleiderer, Leiter des Fachgebiets Virusimpfstoffe am Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das für die Zulassung der Stoffe zuständig ist. Unerwünschte Nebenwirkungen seien jedoch rare Einzelfälle. Die Impfstoffe seien seit Jahrzehnten auf dem Markt und sehr gut verträglich.

Zu den häufigeren Reaktionen auf die Impfung gehören Fieber und leichter Hautausschlag. „Die Masernimpfung ist eine Lebendimpfung. Sie erzeugt somit eine milde Masern-Infektion mit sehr abgeschwächten Masernviren und damit den Schutz gegen die Infektion“, sagt Matysiak-Koch. Bei allen Impfungen kann es zudem zu Rötungen und Schwellungen kommen. „Die Gefahr, die von Masern ausgeht, ist deutlich größer als das Risiko der Impfung“, betont die RKI-Expertin.

Massenimpfung gegen Schweinegrippe gestartet
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Kritiker der gängigen Impfpraxis bemängeln dagegen, es fehle an Kenntnissen zu den Risiken von Impfungen. „Wir wissen wenig über die Langzeitfolgen von Impfstoffen, wir wissen wenig über die Häufigkeit schwerer Nebenwirkungen“, sagt der Münchner Kinderarzt und Homöopath Martin Hirte. Das PEI verweist dagegen auf anspruchsvolle Zulassungsverfahren mit zahlreichen Studien.

Masern
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Masern ausrotten

Die Weltgesundheitsorganisation will die Masern ausrotten, in Europa bis Ende 2015. Denn weltweit sterben schätzungsweise 140.000 Kinder pro Jahr an der Krankheit. Die deutsche Debatte ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen: Deutschland sorge mit seinen Masernfällen immer wieder für Ausbrüche in anderen Ländern, sagt Matysiak-Koch. „So trat in Bulgarien ein sehr großer Ausbruch mit 24 000 Fällen auf, der durch einen Deutschen verursacht wurde.“

Daniel Bahr
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Impflicht

Falls die Impfquote nicht steigt, will Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) eine Pflicht zur Masernimpfung erwägen. „Ich finde es verantwortungslos, seine Kinder nicht impfen zu lassen“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Eine Pflicht ist allerdings umstritten, da sie in das Recht auf körperliche Unversehrtheit eingreift.

Die Überlegungen für eine Impfpflicht werden von der Opposition abgelehnt. „Impfzwang kann nicht die richtige Antwort sein“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, der „Saarbrücker Zeitung“ (Montagsausgabe). Stattdessen führten Transparenz und Aufklärung zu guten Impfraten. Wenn „offen und ehrlich“ über Vorteile und Risiken von Schutzimpfungen informiert werde, sei auch mit einer größeren Bereitschaft dazu in der Bevölkerung zu rechnen, sagte die Grünen-Politikerin.

Auch der Gesundheitsexperte der Linksfraktion, Harald Weinberg, lehnte einen gesetzlichen Impfzwang ab. Das Selbstbestimmungsrecht der Eltern müsse weiter gelten, sagte Weinberg der „Saarbrücker Zeitung“.

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Die hoch ansteckende Virusinfektion kann zu schwerwiegenden Komplikationen und sogar zum Tode führen. In Deutschland kommt es immer wieder zu regionalen Ausbrüchen. Der Erreger wird durch Tröpfchen übertragen, die beim Niesen, Husten oder Sprechen in die Atemluft gelangen.

Zwischen Ansteckung und ersten Symptomen vergehen etwa acht bis 14 Tage. Die Krankheit beginnt mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Schnupfen und Husten, dann kommt der typische Hautausschlag hinzu. In zehn bis 20 Prozent der Fälle kommt es zu Komplikationen, wie Mittelohr- und Lungenentzündungen sowie Gehirnentzündungen, die sogar lebensbedrohlich sein können.

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2 Kommentare zu "Masernausbruch: Regierung erwägt Impfpflicht"

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.


  • Der Kern ist: Wer seine Kinder nicht impft, riskiert nicht nur deren Gesundheit, sondern auch die Gesundheit Anderer. Und damit hat es sich mit der "Selbstbestimmung".

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich. 

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