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Coronavirus

Ein Mitarbeiter führt in einem Corona-Abstrichzentrum in Nürtingen einen Test auf das Coronavirus Sars-Cov-2 durch.

(Foto: dpa)

Maßnahmen gegen die Pandemie An der Kapazitätsgrenze: Deutschland hat ein Coronatest-Problem

Bund und Länder wollen dem Rat der Experten folgen und Testkapazitäten auf das Coronavirus ausweiten. Die lassen sich aber nicht beliebig erhöhen.
02.04.2020 - 17:54 Uhr Kommentieren

Berlin, Düsseldorf Das Hochhaus von Bayer überragt den Berliner Stadtteil Wedding, hier forscht der Konzern an neuen Arzneimitteln. Nun bekommt das Betriebsgelände des Pharmaunternehmens eine weitere Bestimmung: Es wird zum Corona-Testlabor.

Auf zwei Stockwerken hat Bayer seinen Forschungsbereich umgebaut. Rund 140 Mitarbeiter werden dort ab Montag in Proben von Verdachtsfällen nach dem Virus suchen, das Deutschland und die Welt lahmgelegt hat. „Der Einsatz ist nicht zeitlich begrenzt, da noch gar nicht abzusehen ist, wann wir in die Normalität zurückkehren“, sagt Stefan Oelrich, der für Pharmaceuticals zuständige Bayer-Vorstand.

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie müssten mehr Menschen auf das Virus getestet werden. Das fordern Experten, das will die Bundesregierung erreichen. Wer viel testet, kann Infizierte schnell isolieren. Und er kann dann unter den Kontakten nach weiteren Fällen suchen und die Ansteckungsketten unterbrechen. Allerdings können die Testkapazitäten nicht beliebig ausgeweitet werden.

In Deutschland wird im internationalen Vergleich bereits sehr viel getestet. Allein in der vergangenen Woche wurden nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) rund 313.000 Proben analysiert, mittlerweile gibt es bundesweit etwa 400 Testzentren. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat mehrfach seine Empfehlungen angepasst, wer einen Test bekommen soll.

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    Ausschlaggebend ist mittlerweile vor allem, ob jemand Symptome zeigt und Kontakt zu einem Coronafall hatte. Auch wenn sich viele Menschen durchchecken lassen wollen, hält KBV-Chef Andreas Gassen eine Änderung der Kriterien für wenig zielführend: „Symptomfreie Gesunde zu testen macht medizinisch keinen Sinn.“

    Grafik

    Das liegt an den begrenzten Kapazitäten, die trotz einer Verdopplung in den letzten Wochen für einen Massentest nicht ausreichen. Das Kanzleramt und die Landesregierungen setzen Hoffnungen auf leistungsfähigere Testautomaten. „Der Bund wird mit der kurzfristigen Entscheidung zur Neubeschaffung entsprechender Automaten, abhängig von der Marktlage, einen eigenen Beitrag zur weiteren Erhöhung der verfügbaren Testkapazitäten leisten“, heißt es in einem dem Handelsblatt vorliegenden Beschlusspapier. Außerdem könnten Labors von Tierärzten in Corona-Testzentren umgewandelt werden.

    Bei Bayer fragten die Behörden schon vor etwa zwei Wochen an, der Konzern sagte Unterstützung bei den Coronatests zu, unentgeltlich. Das etablierte Verfahren, um eine Sars-CoV-2-Infektion nachzuweisen, ist ein PCR-Test. „Der gehört in der pharmazeutischen Forschung zum Brot-und-Butter-Geschäft“, so Bayer-Vorstand Oelrich.

    Bei dieser sogenannten Polymerase-Kettenreaktion wird die molekulare Struktur der Erbsubstanz des Virus untersucht. Das ist in diesem Fall die RNA, die in einem ersten Schritt beispielsweise aus der Speichelprobe extrahiert werden muss.

    In einem zweiten Schritt wird die RNA dann vervielfältig. Die Auswertung erfolgt mithilfe von Farbstoffen. Dabei wird untersucht, ob ein bestimmter Abschnitt des Erbguts des Virus im Untersuchungsmaterial vorhanden ist oder nicht. Am Bayer-Standort Berlin sollen nun täglich 700 bis 1000 Abstriche aus Berlin und Brandenburg auf Corona analysiert werden. „Das Testen ist essenziell für den Kampf gegen das Coronavirus“, sagt Oelrich.

    Auch Hilfsmittel fehlen

    Neue Labors allein reichen aber nicht aus. So klagte der Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL), dass die benötigten Testmaterialien knapp würden. Die Industrie bemüht sich, die Produktion von Materialien und chemischen Stoffen hochzufahren, die für den Virus-Nachweis benötigt werden.

    Der Verband der Diagnosticaindustrie (VDGH) hält einen Anstieg auf 400.000 Tests pro Woche durchaus für möglich. VDGH-Geschäftsführer Martin Walger schränkt aber ein: Das hänge nicht nur von der weltweiten Nachfrage ab, sondern auch davon, wie schnell neue Tests zugelassen werden, die auf den großen Labormaschinen laufen können.

    Das Hildener Diagnostikunternehmen Qiagen beispielsweise erhöht derzeit massiv die Produktion der Materialen und Instrumente, die für die Extraktion der RNA nötig sind. Wurde im Januar Material für 1,5 Millionen Virusisolierungen hergestellt, sollen es im Juni bereits zehn Millionen sein und am Jahresende 20 Millionen.

    Bei den beiden großen Laborausrüstern Abbott und Roche ist die Nachfrage nach deren bereits zugelassenen Coronatests ebenfalls sehr groß. Abbott hat zudem einen Schnelltest entwickelt, der allerdings nur auf in den USA verbreiteten Analysegeräten zum Einsatz kommen kann. Weltweit erreicht Abbott derzeit eine Kapazität von fünf Millionen Tests pro Monat, so eine Sprecherin. Bei den in Europa verbreiteten Analysegeräten des Unternehmens werden bis zu 470 Patientenergebnisse in 24 Stunden verarbeitet.

    Roche gibt an, bei seinem derzeitigen Produktionstempo weltweit insgesamt pro Monat 8,5 Millionen Coronatests für seine unterschiedlichen Labormaschinen bereitstellen zu können. Bei dem größten Laborsystem des Schweizer Konzerns können rund 1000 Proben in acht Stunden analysiert werden.

    Alle Staaten sollten sich nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bemühen, mehr Menschen auf das Coronavirus zu testen. „Du kannst kein Feuer löschen, wenn du nicht weißt, wo es brennt“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

    Doch selbst wenn es in Deutschland ausreichend Laborräume, Fachpersonal und Teststoffe gäbe, bleibt ein anderes Problem: Es ist fraglich, ob die Infektionszahlen bei einer deutlichen Ausweitung der Tests ein geeigneter Feuermelder sind. Mehr Tests könnten zu einem offiziellen Anstieg neuer Fälle führen, obwohl womöglich nur die hohe Dunkelziffer besser erfasst wird.

    Problematische Daten

    Die Bundesregierung orientiert sich bei ihren Maßnahmen an der Zahl der Neuinfektionen. Am Mittwoch machte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einer Telefonschalte mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer noch einmal deutlich, dass eine Entscheidung über eine Lockerung des Kontaktverbots maßgeblich davon abhänge, mit welcher Geschwindigkeit die täglich vom Robert Koch-Institut ausgewiesenen Zahlen zu den Neuinfektionen ansteigen.

    Einen besseren Messwert zum Seuchenstand in Deutschland dürfte eine Studie liefern, an der sich unter anderem das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig beteiligt. Die Wissenschaftler wollen Blutproben von mehr als 100.000 Menschen auf Antikörper gegen das Virus Sars-CoV-2 untersuchen.

    Das Helmholtz-Zentrum erklärte auf Handelsblatt-Nachfrage, dass die Finanzierung noch nicht abschließend geklärt sei. Die Laborarbeiten würden aber schon vorbereitet. Die Hoffnung der Helmholtz-Forscher ist, dass Ende April erste Ergebnisse vorliegen. Damit könnte es mehr Gewissheit geben, wie stark das Virus in Deutschland tatsächlich verbreitet ist.

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