Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Industrie in Ostdeutschland Wandel im dreckigsten Dorf der DDR

Als „schmutzigstes Dorf der DDR“ wurde Mölbis vor 25 Jahren berühmt. Tonnen von Braunkohledreck rieselten auf das kleine Dorf nieder. Nach dem Mauerfall begann das große Aufatmen.
26.10.2014 - 17:26 Uhr Kommentieren
Das Betriebsgelände des einstigen VEB Rotasym im ostthüringischen Pößneck: In der ehemaligen DDR waren die Industriebetriebe eine Bedrohung für die Gesundheit der Menschen. Quelle: dpa

Das Betriebsgelände des einstigen VEB Rotasym im ostthüringischen Pößneck: In der ehemaligen DDR waren die Industriebetriebe eine Bedrohung für die Gesundheit der Menschen.

(Foto: dpa)

Mölbis Grau. Braun. Schwarz. Im Winter konnte man in Mölbis, dem schmutzigsten Dorf der DDR, an der Farbe des Schnees erkennen, welcher Teil des VEB Braunkohleveredlungswerkes Espenhain gerade Dreck spuckte. „Grau war das Kraftwerk. Braun war die Kohletrocknung. Schwarz war die Schwelerei“, erinnert sich Karl-Heinz Dallmann, der frühere Pfarrer von Mölbis. Heute sitzt Dallmann auf der Terrasse seines Hauses - und blickt auf ein verwandeltes Dorf. Der Mauerfall vor 25 Jahren und der Untergang der DDR waren die Rettung für Mölbis.

Kaum einen Kilometer Luftlinie lag der unglückliche Ort von den rauchenden Schloten entfernt. Südwestwind - und der wehte oft - brachte unvorstellbare Mengen Dreck nach Mölbis. „Wir hatten dann 300 Meter Sichtweite - und rundum war Sonnenschein. Mölbis lag unter einer Dunstglocke. Das kratzte im Hals, man wusste nicht, wie man atmen sollte“, erzählt der 68-jährige Dallmann. Espenhain - der Tagebau war in der geschundenen Leipziger Braunkohleregion das Synonym schlechthin für Dreck, Gestank und hemmungslose Umweltzerstörung.

In den 80er Jahren, so erzählt es der Kirchenmann Dallmann ebenso wie der damalige Mölbiser SED-Bürgermeister Ditmar Haym, konnte eigentlich niemand mehr den Blick vor der Realität verschließen. Die DDR war, zumindest in Mölbis, zur unbewohnbaren Republik geworden. „Stagnation, Umweltverschmutzung, Perspektivlosigkeit“, der Ex-Bürgermeister Haym wählt Schlagworte, um die damalige Situation zu beschreiben. 324 Einwohner harrten 1989 noch in Mölbis aus.

Als Denzel Washington die Mauer zertrümmerte
Dragqueens erobern das Fernsehen
1 von 8

Dragqueen Olivia Jones stand am 9. November 1989 in Berlin auf der Bühne. „Ich habe da in einem Travestie-Kabarett gearbeitet, und da war plötzlich die Mauer auf. Großes Feuerwerk – und wir sind wirklich zur Mauer hingerannt. Und das Gefühl, das da herrschte, diese Partystimmung – das kann man nicht in Worte fassen. Und deshalb bin ich ganz froh, dass ich es erlebt habe. Weil das war echt cool“, erinnert sich die Travestiekünstlerin. „Es gibt nichts besseres als die Freiheit. Und die wurde an dem Tag gefeiert. Deswegen ist das ein Tag, wenn ich an den denke, kriege ich immer noch ein bisschen Gänsehaut.“

(Foto: dpa)
25 Jahre Mauerfall Ingeborg Grässle
2 von 8

Die Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle (CDU) erlebte den Mauerfall in einem Studienseminar im Dominikanerkloster Walberberg bei Köln. „Wir diskutierten im Saal und plötzlich platzte ein Kommilitone herein und rief: „Die Mauer ist offen.“ Wir glaubten es nicht und rannten in den Fernsehraum, und da sahen wir es: Menschen, die über die Grenzübergänge strömten, glückliche Menschen, Umarmungen, Gelächter, Trabis, denen aufs Dach geklopft wurde – und diese unendliche Freude!“, erzählt die 53-Jährige aus Heidenheim. „Als ich am Samstag heimfuhr nach Stuttgart, mit dem Intercity den Rhein entlang – da waren sie auf der Autobahn gen Süden, die hellblauen Trabis und die anderen, unschwer zu erkennenden DDR-Autos. Viele schon mit der Deutschlandfahne. Und im Zug hingen alle am Fenster und winkten.“ Bis heute erinnere sie sich an die große Freude. „Und das überwältigende Gefühl zusammenzugehören.“

(Foto: dpa)
25 Jahre Mauerfall - Heiner Lauterbach
3 von 8

Schauspieler Heiner Lauterbach lag gerade mit seiner damaligen Frau Katja Flint zu Hause im Bett, als die Mauer fiel. In ihrer Wohnung in München-Schwabing verfolgten sie die Geschehnisse am 9. November am Fernseher. „Wir waren sehr berührt, hatten Tränen in den Augen vor Freude“, erinnert sich der 61-Jährige. Beruflich beschäftigt ihn das Thema bis heute. In dem ZDF-Dreiteiler „Tannbach“, der Anfang 2015 ausgestrahlt wird, spielt Lauterbach einen Gutsbesitzer, der in den Westen geht, während sich seine Tochter für das Bleiben in der DDR entscheidet.

(Foto: dpa)
Tag der Deutschen Einheit 2014
4 von 8

Stephan Weil hat vom Mauerfall erst mit einem Tag Verspätung erfahren. „Ehrlich gesagt, aus irgendwelchen Gründen habe ich am Abend und in der Nacht des 9. November 1989 zunächst von dem Fall der Mauer überhaupt nichts mitbekommen“, erinnert sich der niedersächsische Ministerpräsident. Erst am nächsten Morgen habe seine Frau ihm unter der Dusche gesagt, sie glaube, die Mauer sei gefallen. „Das Duschen hat dann sofort aufgehört.“ Die Nachricht löste bei Weil „völlige Überraschung und unglaubliche Begeisterung“ aus. Als er kurz darauf einen Trabi aus Magdeburg auf der Straße stehen sah, habe er das darin schlafende Pärchen sofort zum Frühstück eingeladen. „Ich habe einen Zettel hinter den Scheibenwischer geklemmt. Sie kamen dann auch eine Stunde später, und so hatten wir das erste gesamtdeutsche Frühstück.“

(Foto: dpa)
Gunther Emmerlich
5 von 8

Die Nachricht vom Mauerfall überraschte Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich am 9. November 1989 in der Dresdner Semperoper. Dort probte er mit Schauspieler Wolfgang Stumph, Sänger Reinhard May und Jazzkomponist Günther Fischer die vorletzte „Showkolade“-Sendung im DDR-Fernsehen. „Es war ein Glücksmoment, wir haben gelacht und geweint“, erinnert sich der 70-Jährige. Am nächsten Tag konnte die Show vor der Aufzeichnung nur technisch durchgesprochen werden, weil alle in Berlin waren, um den ersten Schritt durch die Mauer zu machen. „Wenn ich die Bilder sehe, bin ich immer noch voller Freude, und wenn dann geweint wird, nur aus Rührung.“ Natürlich seien nichts alle Blütenträume aufgegangen. „Wer das dachte, dachte von vornherein falsch“, sagt Emmerlich. „Wenn ich den Übergang erleben darf von einer Diktatur zur Demokratie, bei aller Luft nach oben, die es auch in dieser Demokratie gibt, dann kann aber nur die Freude überwiegen.“

(Foto: dpa)
Donostia Award - Press conference - 62nd San Sebastian Internatio
6 von 8

US-Schauspieler Denzel Washington war zwar nicht direkt zum Mauerfall in Berlin, aber ein paar Wochen später. Der Oscar-Preisträger stellte bei der Berlinale 1990 seinen Film „Glory“ vor. „Kurz zuvor war die Mauer gefallen und sie drückten mir einen Presslufthammer in die Hand und ich riss ein Stückchen Mauer ein“, schilderte er vor einiger Zeit seine damaligen Erlebnisse. Noch heute habe er ein Mauerstück zu Hause. Als er zuletzt in Berlin war, sah der 59-Jährige vom Hotelfenster aus die Schülergruppen, die heute über den einstigen Todesstreifen laufen. „Und viele Menschen fahren mit dem Fahrrad durchs Brandenburger Tor. Wenn man die jungen Leute sieht, dann fragt man sich: „Wissen die Bescheid?““ Wer heute 25 sei, habe keinerlei Erinnerung mehr an die Mauer. „Das Leben ist so schnell – mit uns oder ohne uns.“

(Foto: dpa)
FDP-Bundesparteitag
7 von 8

Höchst emotionale Erinnerungen hat Wolfgang Kubicki an den Fall der Berliner Mauer. „Am 9. November 1989 war ich mit meiner heutigen Frau in Lüneburg, wo ich in einem Fall als Verteidiger zu tun hatte“, sagt der FDP-Vize, der auch als Anwalt arbeitet. „Im Hotel sahen wir dann im Fernsehen, wie der ZDF-Korrespondent die Öffnung des Grenzübergangs verkündete. Mir standen die Tränen in den Augen.“ Seine heutige Frau fragte ihn damals: „Warum weinst du?“ Kubicki antwortete: „Das muss wohl doch etwas Anderes sein als würde die Grenze zwischen Nord- und Südkorea fallen.“ Ihn habe ein Gefühl der Freiheit ergriffen. „Es war klar, jetzt ist der Zaun weg.“ Für ihn sei die DDR weit weg gewesen, nicht mehr Deutschland, eine eigene Nation, erinnert er sich. „Sechs Tage später war ich dann in Rostock, traf den neu gewählten Bezirksvorstand der Liberaldemokratischen Partei.“

(Foto: dpa)

Trotzdem, sagt Haym, der 1984 als 34-Jähriger Bürgermeister wurde, habe er stets für sein Heimatdorf kämpfen wollen. Der Mann mit den blauen Augen und dem weißen Haar ist das, was man einen zupackenden, hemdsärmeligen Typen nennt. „Ich habe das gemacht, weil die Ortsgemeinschaft vorhanden war. Wir hatten Sportverein, Chor, Feuerwehr. Das kulturelle Leben funktionierte. Man konnte nur die gesellschaftlichen Verhältnisse verdammen.“ Den Titel „schmutzigstes Dorf der DDR“ kam Mölbis in der Wendezeit verpasst, als die Öffentlichkeit auf die Zustände aufmerksam wurde.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Haym und Dallmann, so klingt es in der Rückschau, kämpften gemeinsam. Dallmann wurde 1986 Pfarrer in Mölbis. Da liefen die sogenannten Umweltgottesdienste in der Region schon. 1987 gab es eine „Wallfahrt“ die Halde Trages hinauf, eine Abraumhalde des Tagebaus Espenhain auf dem Mölbiser Gemeindegebiet. „Wallfahrt“ deshalb, weil eine Demonstration nie erlaubt worden wäre. „600 Leute waren dabei“, sagt Dallmann. Ein einziges Transparent hatte der Sekretär für Kirchenfragen beim Rat des Kreises erlaubt. „Unsere Zukunft hat schon begonnen“, reckten die „Wallfahrer“ in die Höhe.

    „Oben auf der Halde haben wir die Umweltdaten des Werkes verlesen“, sagt Dallmann. Pro Tag habe Espenhain 20 Tonnen Schwefeldioxid, 4,5 Tonnen Ammoniak, 1,5 Tonnen Schwefelwasserstoffe und 4,5 Tonnen andere Stoffe, die bei der Kohleveredlung anfallen, in die Luft gepustet. Ungefiltert. „Die Daten wurden uns aus dem Werk zugespielt“, sagt Dallmann. Er wisse bis heute nicht, von wem. „Aber ich glaube, auch die im Werk wussten, dass es ihre einzige Möglichkeit war, das der Kirche zuzuspielen.“

    „Die Menschen werden vergast “
    Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
    Mehr zu: Industrie in Ostdeutschland - Wandel im dreckigsten Dorf der DDR
    0 Kommentare zu "Industrie in Ostdeutschland: Wandel im dreckigsten Dorf der DDR"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%