Rainer Eppelmann Ein DDR-Kriegsdienstverweigerer erzählt

Als Rainer Eppelmann in der DDR den Kriegsdienst verweigerte, musste er ins Gefängnis. Brechen konnte ihn das nicht. Bei den Kommunalwahlen vor 25 Jahren deckte der Bürgerrechtler den Wahlbetrug der SED-Führung auf.
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Rainer Eppelmann: „ Die Jungs da oben sind Heuchler und Lügner.“ Quelle: AFP

Rainer Eppelmann: „Die Jungs da oben sind Heuchler und Lügner.“

(Foto: AFP)

BerlinWer im Mai 1989 in der DDR Wahlergebnisse überprüfen wollte, musste Mut haben. Der frühere Bürgerrechtler und heutige Vorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Rainer Eppelmann, hat als Pfarrer im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain die Auszählung der Kommunalwahl selbst verfolgt. Im Interview spricht er über enttäuschte Bürger, die abgehobene DDR-Führung - und über Angst.

Wie haben Sie die Auszählung der Kommunalwahl kontrolliert?
Wir haben nicht mehr gemacht als die Zahlen aufzuschreiben, die die Wahlhelfer im Wahllokal vor unseren Augen und Ohren genannt haben. Das waren keine errechneten oder erdachten Fantasiezahlen, die wir zusammengeschrieben haben.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Ergebnis gehört haben, dass DDR-Wahlleiter Egon Krenz am Ende verkündete?
Wir haben uns bestätigt gefühlt. Wir sahen, die haben das gemacht, was sie offensichtlich all die Jahre auch schon gemacht haben: betrogen. Was müssen das für verrückte Menschen sein.

Als Denzel Washington die Mauer zertrümmerte
Dragqueens erobern das Fernsehen
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Dragqueen Olivia Jones stand am 9. November 1989 in Berlin auf der Bühne. „Ich habe da in einem Travestie-Kabarett gearbeitet, und da war plötzlich die Mauer auf. Großes Feuerwerk – und wir sind wirklich zur Mauer hingerannt. Und das Gefühl, das da herrschte, diese Partystimmung – das kann man nicht in Worte fassen. Und deshalb bin ich ganz froh, dass ich es erlebt habe. Weil das war echt cool“, erinnert sich die Travestiekünstlerin. „Es gibt nichts besseres als die Freiheit. Und die wurde an dem Tag gefeiert. Deswegen ist das ein Tag, wenn ich an den denke, kriege ich immer noch ein bisschen Gänsehaut.“

25 Jahre Mauerfall Ingeborg Grässle
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Die Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle (CDU) erlebte den Mauerfall in einem Studienseminar im Dominikanerkloster Walberberg bei Köln. „Wir diskutierten im Saal und plötzlich platzte ein Kommilitone herein und rief: „Die Mauer ist offen.“ Wir glaubten es nicht und rannten in den Fernsehraum, und da sahen wir es: Menschen, die über die Grenzübergänge strömten, glückliche Menschen, Umarmungen, Gelächter, Trabis, denen aufs Dach geklopft wurde – und diese unendliche Freude!“, erzählt die 53-Jährige aus Heidenheim. „Als ich am Samstag heimfuhr nach Stuttgart, mit dem Intercity den Rhein entlang – da waren sie auf der Autobahn gen Süden, die hellblauen Trabis und die anderen, unschwer zu erkennenden DDR-Autos. Viele schon mit der Deutschlandfahne. Und im Zug hingen alle am Fenster und winkten.“ Bis heute erinnere sie sich an die große Freude. „Und das überwältigende Gefühl zusammenzugehören.“

25 Jahre Mauerfall - Heiner Lauterbach
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Schauspieler Heiner Lauterbach lag gerade mit seiner damaligen Frau Katja Flint zu Hause im Bett, als die Mauer fiel. In ihrer Wohnung in München-Schwabing verfolgten sie die Geschehnisse am 9. November am Fernseher. „Wir waren sehr berührt, hatten Tränen in den Augen vor Freude“, erinnert sich der 61-Jährige. Beruflich beschäftigt ihn das Thema bis heute. In dem ZDF-Dreiteiler „Tannbach“, der Anfang 2015 ausgestrahlt wird, spielt Lauterbach einen Gutsbesitzer, der in den Westen geht, während sich seine Tochter für das Bleiben in der DDR entscheidet.

Tag der Deutschen Einheit 2014
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Stephan Weil hat vom Mauerfall erst mit einem Tag Verspätung erfahren. „Ehrlich gesagt, aus irgendwelchen Gründen habe ich am Abend und in der Nacht des 9. November 1989 zunächst von dem Fall der Mauer überhaupt nichts mitbekommen“, erinnert sich der niedersächsische Ministerpräsident. Erst am nächsten Morgen habe seine Frau ihm unter der Dusche gesagt, sie glaube, die Mauer sei gefallen. „Das Duschen hat dann sofort aufgehört.“ Die Nachricht löste bei Weil „völlige Überraschung und unglaubliche Begeisterung“ aus. Als er kurz darauf einen Trabi aus Magdeburg auf der Straße stehen sah, habe er das darin schlafende Pärchen sofort zum Frühstück eingeladen. „Ich habe einen Zettel hinter den Scheibenwischer geklemmt. Sie kamen dann auch eine Stunde später, und so hatten wir das erste gesamtdeutsche Frühstück.“

Gunther Emmerlich
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Die Nachricht vom Mauerfall überraschte Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich am 9. November 1989 in der Dresdner Semperoper. Dort probte er mit Schauspieler Wolfgang Stumph, Sänger Reinhard May und Jazzkomponist Günther Fischer die vorletzte „Showkolade“-Sendung im DDR-Fernsehen. „Es war ein Glücksmoment, wir haben gelacht und geweint“, erinnert sich der 70-Jährige. Am nächsten Tag konnte die Show vor der Aufzeichnung nur technisch durchgesprochen werden, weil alle in Berlin waren, um den ersten Schritt durch die Mauer zu machen. „Wenn ich die Bilder sehe, bin ich immer noch voller Freude, und wenn dann geweint wird, nur aus Rührung.“ Natürlich seien nichts alle Blütenträume aufgegangen. „Wer das dachte, dachte von vornherein falsch“, sagt Emmerlich. „Wenn ich den Übergang erleben darf von einer Diktatur zur Demokratie, bei aller Luft nach oben, die es auch in dieser Demokratie gibt, dann kann aber nur die Freude überwiegen.“

Donostia Award - Press conference - 62nd San Sebastian Internatio
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US-Schauspieler Denzel Washington war zwar nicht direkt zum Mauerfall in Berlin, aber ein paar Wochen später. Der Oscar-Preisträger stellte bei der Berlinale 1990 seinen Film „Glory“ vor. „Kurz zuvor war die Mauer gefallen und sie drückten mir einen Presslufthammer in die Hand und ich riss ein Stückchen Mauer ein“, schilderte er vor einiger Zeit seine damaligen Erlebnisse. Noch heute habe er ein Mauerstück zu Hause. Als er zuletzt in Berlin war, sah der 59-Jährige vom Hotelfenster aus die Schülergruppen, die heute über den einstigen Todesstreifen laufen. „Und viele Menschen fahren mit dem Fahrrad durchs Brandenburger Tor. Wenn man die jungen Leute sieht, dann fragt man sich: „Wissen die Bescheid?““ Wer heute 25 sei, habe keinerlei Erinnerung mehr an die Mauer. „Das Leben ist so schnell – mit uns oder ohne uns.“

FDP-Bundesparteitag
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Höchst emotionale Erinnerungen hat Wolfgang Kubicki an den Fall der Berliner Mauer. „Am 9. November 1989 war ich mit meiner heutigen Frau in Lüneburg, wo ich in einem Fall als Verteidiger zu tun hatte“, sagt der FDP-Vize, der auch als Anwalt arbeitet. „Im Hotel sahen wir dann im Fernsehen, wie der ZDF-Korrespondent die Öffnung des Grenzübergangs verkündete. Mir standen die Tränen in den Augen.“ Seine heutige Frau fragte ihn damals: „Warum weinst du?“ Kubicki antwortete: „Das muss wohl doch etwas Anderes sein als würde die Grenze zwischen Nord- und Südkorea fallen.“ Ihn habe ein Gefühl der Freiheit ergriffen. „Es war klar, jetzt ist der Zaun weg.“ Für ihn sei die DDR weit weg gewesen, nicht mehr Deutschland, eine eigene Nation, erinnert er sich. „Sechs Tage später war ich dann in Rostock, traf den neu gewählten Bezirksvorstand der Liberaldemokratischen Partei.“

Wie wären die Wahlen ohne die Fälschungen ausgegangen?
Unter den konkreten Bedingungen hätten bestimmt 60 bis 70 Prozent der DDR-Bürger den Zettel nur gefaltet und in die Urne geschmissen, schon um sich selber nicht in Gefahr zu bringen. Da wäre Angela Merkel - sie kam bei der vergangenen Bundestagswahl auf über 40 Prozent - 14 Tage vor Glück betrunken gewesen. Das reichte aber diesen Männern nicht, sie wollten 99,9 Prozent. Und hatten auch noch die Traute, das öffentlich zu erklären.

Wie erklären Sie sich die Manipulation durch die DDR-Oberen?
Alle waren der Meinung, wir sind die Größten, wir sind die Besten, wir sind die Klügsten, wir sind wahrhaft die Avantgarde dieses Volkes. Und sie wagten das zu behaupten, obwohl es kaum einen DDR-Bürger gab, der nicht wusste, dass inzwischen Millionen von DDR-Bürgern abgehauen waren. Sie trauten sich trotzdem zu sagen, 100 Prozent liegen uns anbetend zu Füßen.

Wahlfälschung war auch in der DDR ein Straftatbestand...
Sie wussten natürlich auch, dass das, was sie taten, nach dem Strafrecht der DDR verboten war. Es war kriminell und sie haben es trotzdem gemacht. Es war krankhaft, zu denken, alle müssten einer Meinung sein.

„Klar hatte ich Angst“
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