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Republikflucht aus der DDR „Mir reicht's, ich hau ab“

Der Potsdamer Mathias Luther floh 1986 über Ungarn in den Westen. Wenn er heute zurückblickt, kann er es selbst kaum glauben, wie viel Glück er damals hatte. Ein Rückblick auf die deutsche Teilung.
24.10.2014 - 17:24 Uhr Kommentieren
Der streng gesicherte Todesstreifen der innerdeutschen Grenze: Das Grenzdenkmal in Hötensleben. Quelle: dpa

Der streng gesicherte Todesstreifen der innerdeutschen Grenze: Das Grenzdenkmal in Hötensleben.

(Foto: dpa)

Es war der 10. Oktober 1986, ein sonniger Herbsttag drei Jahre vor dem Fall der Mauer, als sich Mathias Luther in Ungarn auf den Weg Richtung Grenze machte, um sein Leben ein für alle Mal zu ändern. Luther ist einer der wenigen DDR-Bürger, dem die Flucht in den Westen damals ohne größere Probleme gelang. Mit Glück, aber auch einer Portion Tollkühnheit.

Wie ist Ihr Entschluss zur Flucht gereift?

Natürlich Verdruss über das System, gepaart mit leicht naiver Abenteuerlust. Der Hauptpunkt aber war: Ich war nach dem Abitur bei der NVA (Nationale Volksarmee) gewesen. Das war die grauenhafteste Zeit meines Lebens. Da konnte man immer wieder als Reservist einberufen werden. Das Ding hatte ich 1986 gerade auf den Tisch bekommen. Da war klar: Jetzt reicht's, jetzt muss Du was machen.

Als Denzel Washington die Mauer zertrümmerte
Dragqueens erobern das Fernsehen
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Dragqueen Olivia Jones stand am 9. November 1989 in Berlin auf der Bühne. „Ich habe da in einem Travestie-Kabarett gearbeitet, und da war plötzlich die Mauer auf. Großes Feuerwerk – und wir sind wirklich zur Mauer hingerannt. Und das Gefühl, das da herrschte, diese Partystimmung – das kann man nicht in Worte fassen. Und deshalb bin ich ganz froh, dass ich es erlebt habe. Weil das war echt cool“, erinnert sich die Travestiekünstlerin. „Es gibt nichts besseres als die Freiheit. Und die wurde an dem Tag gefeiert. Deswegen ist das ein Tag, wenn ich an den denke, kriege ich immer noch ein bisschen Gänsehaut.“

(Foto: dpa)
25 Jahre Mauerfall Ingeborg Grässle
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Die Europaabgeordnete Ingeborg Gräßle (CDU) erlebte den Mauerfall in einem Studienseminar im Dominikanerkloster Walberberg bei Köln. „Wir diskutierten im Saal und plötzlich platzte ein Kommilitone herein und rief: „Die Mauer ist offen.“ Wir glaubten es nicht und rannten in den Fernsehraum, und da sahen wir es: Menschen, die über die Grenzübergänge strömten, glückliche Menschen, Umarmungen, Gelächter, Trabis, denen aufs Dach geklopft wurde – und diese unendliche Freude!“, erzählt die 53-Jährige aus Heidenheim. „Als ich am Samstag heimfuhr nach Stuttgart, mit dem Intercity den Rhein entlang – da waren sie auf der Autobahn gen Süden, die hellblauen Trabis und die anderen, unschwer zu erkennenden DDR-Autos. Viele schon mit der Deutschlandfahne. Und im Zug hingen alle am Fenster und winkten.“ Bis heute erinnere sie sich an die große Freude. „Und das überwältigende Gefühl zusammenzugehören.“

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25 Jahre Mauerfall - Heiner Lauterbach
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Schauspieler Heiner Lauterbach lag gerade mit seiner damaligen Frau Katja Flint zu Hause im Bett, als die Mauer fiel. In ihrer Wohnung in München-Schwabing verfolgten sie die Geschehnisse am 9. November am Fernseher. „Wir waren sehr berührt, hatten Tränen in den Augen vor Freude“, erinnert sich der 61-Jährige. Beruflich beschäftigt ihn das Thema bis heute. In dem ZDF-Dreiteiler „Tannbach“, der Anfang 2015 ausgestrahlt wird, spielt Lauterbach einen Gutsbesitzer, der in den Westen geht, während sich seine Tochter für das Bleiben in der DDR entscheidet.

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Tag der Deutschen Einheit 2014
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Stephan Weil hat vom Mauerfall erst mit einem Tag Verspätung erfahren. „Ehrlich gesagt, aus irgendwelchen Gründen habe ich am Abend und in der Nacht des 9. November 1989 zunächst von dem Fall der Mauer überhaupt nichts mitbekommen“, erinnert sich der niedersächsische Ministerpräsident. Erst am nächsten Morgen habe seine Frau ihm unter der Dusche gesagt, sie glaube, die Mauer sei gefallen. „Das Duschen hat dann sofort aufgehört.“ Die Nachricht löste bei Weil „völlige Überraschung und unglaubliche Begeisterung“ aus. Als er kurz darauf einen Trabi aus Magdeburg auf der Straße stehen sah, habe er das darin schlafende Pärchen sofort zum Frühstück eingeladen. „Ich habe einen Zettel hinter den Scheibenwischer geklemmt. Sie kamen dann auch eine Stunde später, und so hatten wir das erste gesamtdeutsche Frühstück.“

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Gunther Emmerlich
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Die Nachricht vom Mauerfall überraschte Sänger und Entertainer Gunther Emmerlich am 9. November 1989 in der Dresdner Semperoper. Dort probte er mit Schauspieler Wolfgang Stumph, Sänger Reinhard May und Jazzkomponist Günther Fischer die vorletzte „Showkolade“-Sendung im DDR-Fernsehen. „Es war ein Glücksmoment, wir haben gelacht und geweint“, erinnert sich der 70-Jährige. Am nächsten Tag konnte die Show vor der Aufzeichnung nur technisch durchgesprochen werden, weil alle in Berlin waren, um den ersten Schritt durch die Mauer zu machen. „Wenn ich die Bilder sehe, bin ich immer noch voller Freude, und wenn dann geweint wird, nur aus Rührung.“ Natürlich seien nichts alle Blütenträume aufgegangen. „Wer das dachte, dachte von vornherein falsch“, sagt Emmerlich. „Wenn ich den Übergang erleben darf von einer Diktatur zur Demokratie, bei aller Luft nach oben, die es auch in dieser Demokratie gibt, dann kann aber nur die Freude überwiegen.“

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Donostia Award - Press conference - 62nd San Sebastian Internatio
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US-Schauspieler Denzel Washington war zwar nicht direkt zum Mauerfall in Berlin, aber ein paar Wochen später. Der Oscar-Preisträger stellte bei der Berlinale 1990 seinen Film „Glory“ vor. „Kurz zuvor war die Mauer gefallen und sie drückten mir einen Presslufthammer in die Hand und ich riss ein Stückchen Mauer ein“, schilderte er vor einiger Zeit seine damaligen Erlebnisse. Noch heute habe er ein Mauerstück zu Hause. Als er zuletzt in Berlin war, sah der 59-Jährige vom Hotelfenster aus die Schülergruppen, die heute über den einstigen Todesstreifen laufen. „Und viele Menschen fahren mit dem Fahrrad durchs Brandenburger Tor. Wenn man die jungen Leute sieht, dann fragt man sich: „Wissen die Bescheid?““ Wer heute 25 sei, habe keinerlei Erinnerung mehr an die Mauer. „Das Leben ist so schnell – mit uns oder ohne uns.“

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FDP-Bundesparteitag
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Höchst emotionale Erinnerungen hat Wolfgang Kubicki an den Fall der Berliner Mauer. „Am 9. November 1989 war ich mit meiner heutigen Frau in Lüneburg, wo ich in einem Fall als Verteidiger zu tun hatte“, sagt der FDP-Vize, der auch als Anwalt arbeitet. „Im Hotel sahen wir dann im Fernsehen, wie der ZDF-Korrespondent die Öffnung des Grenzübergangs verkündete. Mir standen die Tränen in den Augen.“ Seine heutige Frau fragte ihn damals: „Warum weinst du?“ Kubicki antwortete: „Das muss wohl doch etwas Anderes sein als würde die Grenze zwischen Nord- und Südkorea fallen.“ Ihn habe ein Gefühl der Freiheit ergriffen. „Es war klar, jetzt ist der Zaun weg.“ Für ihn sei die DDR weit weg gewesen, nicht mehr Deutschland, eine eigene Nation, erinnert er sich. „Sechs Tage später war ich dann in Rostock, traf den neu gewählten Bezirksvorstand der Liberaldemokratischen Partei.“

(Foto: dpa)

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    Ich war 25, habe als Regieassistent bei der Defa gearbeitet. Jedes Jahr habe ich mich an der Filmhochschule Babelsberg beworben. Bis mir einer sagte, Du kannst Dich gar nicht bewerben, Du musst vom Studio delegiert werden. Später durfte ich dann in meinen Stasi-Akten lesen, dass ich auf Lebenszeit gesperrt war.

    Wie lief die Flucht ab?

    Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch ein Visum für Ungarn. Und die Kollegin, die mir helfen wollte, hatte ein Westauto, einen Fiat Uno. Mit dem sind wir ins Grenzgebiet Richtung Österreich gefahren. Der Grenzstreifen war etwa drei bis vier Kilometer breit. Bei dem ersten Kontrollposten wurden wir einfach durchgewunken: Die Grenzsoldaten haben gar nicht aufs Nummernschild geschaut, sondern nur nach dem Autotyp und dann nur die Ostautos kontrolliert. Auf einer einsamen Straße bin ich dann ausgestiegen, hab mich in ein Gebüsch gerollt und gewartet, bis es dunkel wurde. Von weitem sah ich Grenzposten. Einmal hörte ich das wütende Kläffen von Schäferhunden. Ich dachte: Scheiße, das war's. Aber das Kläffen ging vorbei, irgendwann hörte ich die Hunde nicht mehr.

    Was geschah in der Dunkelheit?

    Irgendwann bin ich losgelaufen, hin zu den Zaunanlagen. Es war ein riesiger Stacheldrahtverhau, ich konnte mich kaum hochziehen. Gottseidank hatte ich dicke Lederhosen und eine Lederjacke an. Ich bin immer wieder hoch, habe immer wieder Anlauf genommen - und irgendwann hatte ich es geschafft, ich lag auf der anderen Seite. Ich hatte völlig die Orientierung verloren, sah irgendwann die Lichter eines Dorfes. Und als ich da hinkomme, sehe ich als erstes ein kleines Auto, denke: Das ist ja ein Trabbi, Scheiße! Aber dann sah ich Schaufenster mit Preisen in Schilling. Ich war in Österreich.

    Wer hat Ihnen dann geholfen?

    Es war Samstagabend gegen 23 Uhr, nur in einer Kneipe brannte Licht. Ich riss die Tür auf - und in dem Moment wurde es totenstill, alle starrten mich an. Und erst da habe ich gemerkt, dass ich voller Blut war. Von dem Stacheldraht hatte ich ganz viele kleine Risse an Händen und Gesicht.

    Wie haben die Leute reagiert?

    Als ich erzählt hab', wo ich herkomme, gab es ein Riesen-Hallo. Man verband mir die Hände, gab mir einen Teller Suppe und zwei, drei Bier. Seit Jahren war hier kein Flüchtling mehr aufgetaucht! Der Wirt gab mir ein Zimmer für die Nacht und drückte mir 1000 Schilling in die Hand. Jahre später, nach dem Mauerfall, bin ich zurückgekehrt und hab' dem Mann das Geld zurückgegeben.

    Mathias Luther lebt heute mit Frau und Tochter in Berlin-Kreuzberg. Er arbeitet als Regisseur. Der Ort, in dem Luther damals in der Nacht seiner Flucht Aufnahme fand, war Schattendorf am Neusiedler See.

    • dpa
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