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Tag der Einheit Die Grenze in den Köpfen der Tiere

Sie trennte Ost und West jahrzehntelang: Die ehemalige innerdeutsche Grenze. Bei dem Versuch sie zu überqueren starben etwa 1000 Flüchtlinge. Der Zaun war ein Fluch für die Menschen – für Tiere war er ein Segen.
03.10.2014 - 11:17 Uhr Kommentieren
Soll ich oder soll ich nicht? Eine Studie untersucht, warum einige Tiere ihre Grenz-Routen auch lange nach dem Fall der Mauer nicht geändert haben. Quelle: dpa

Soll ich oder soll ich nicht? Eine Studie untersucht, warum einige Tiere ihre Grenz-Routen auch lange nach dem Fall der Mauer nicht geändert haben.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Raubwürger, Neuntöter und Ziegenmelker sind keine Verbrecherbande, sondern allesamt Vögel, die sich im ehemaligen Todesstreifen der DDR eingenistet haben. Dort fanden die Tiere 1952, als die DDR mit dem Bau einer Sperrzone entlang der Grenze begann, Zuflucht vor dem Menschen. Hier lebten die Tiere ungestört, nur gelegentlich begegneten sie Grenzsolden. Bis 1989 die Berliner Mauer fiel. Auch die Pflanzenwelt erholte sich in dem Gebiet, in dem in vier Jahrzehnten mindestens 270 einen gewaltsamen Tod erlitten. Entlang der Grenze entstand ein fast 1400 Kilometer langer, zwischen 50 und 200 Meter breiter Grüngürtel. Er reicht von der Ostsee über die Elbe und den Hartz bis ins sächsisch-bayerische Vogtland. 1200 vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten siedelten sich in Abwesenheit des Menschen dort an – und leben dort bis heute.

Den Todesstreifen gibt es längst nicht mehr. Helmut Kohls angekündigte „blühende Landschaften“ gibt es heute weder in Ost noch West überall, doch haben sich Landschaft und Natur überall verändert. Doch während die Menschen die neugewonnene Freiheit in vollen Zügen genießen, gibt es offenbar immer noch Tiere, die die ehemalige Grenze nicht überqueren. Der tschechische Zoologe Pavel Sustr, der für den Nationalpark Böhmerwald arbeitet, beschreibt in einer aktuellen Studie über den bayerischen und böhmischen Wald, dass Hirsche immer noch instinktiv mehrere hundert Meter vor der ehemaligen Grenze umkehren. Von Generation zu Generation sei ihnen vermittelt worden, dass dort Gefahr drohe. Sustr beobachtete mit Hilfe von Funkhalsbändern über sechs Jahre lang das Verhalten von 300 deutschen und tschechischen Hirschen, „Die Grenze spielt noch immer eine Rolle für die Tiere und trennt Populationen“, sagte Sustr der britischen Zeitung „Guardian“.

Der Naturschützer Kai Frobel glaubt allerdings nicht an das Ergebnis der Studie: „Ich bin da sehr skeptisch, ob da fachlich alles stimmt.“ Frobel denkt, dass die Tiere die Grenze nicht überqueren, weil sie nicht mehr in ihrem Revier liege. Die Gebirgszüge in Bayern in der Nähe des ehemaligen Todesstreifens seien demnach eine natürliche Reviergrenze.

Frobel erkannte früh die ökologische Bedeutung des Grünstreifens entlang der deutsch-deutschen Grenze. Er wuchs in Bayern auf, nur wenige hundert Meter entfernt vom Grenzzaun. Mit dem Fernglas beobachtete er Vögel und bemerkte, dass bedrohte Arten den Todestreifen als Rückzugsort aufsuchten. Zusammen mit anderen Naturschützern kartierte Frobel 1979 140 Kilometer des Grünstreifens auf der bayerischen Seite der Grenze. Als die Mauer 1989 fiel, lud Frobel Naturschützer aus Ost und West zu einem Treffen ein. Sie beschlossen den Grenzstreifen zu erhalten und zu schützen. Das Projekt erhielt den Namen „Grünes Band Deutschland“. So heißt der Streifen bis heute.

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