Medizinische Versorgung Dem Land droht ein Zahnärztemangel

Die Zahnarztversorgung steht vor dem Umbruch. Während auf dem Land der Nachwuchs knapp wird, drängen Finanzinvestoren auf den Markt. 
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Finanzinvestoren haben das Geschäft mit den Zähnen entdeckt. Quelle: Imago/Westend61
Zahnversorgung

Finanzinvestoren haben das Geschäft mit den Zähnen entdeckt.

(Foto: Imago/Westend61)

BerlinFür Wolfgang Eßer stellt sich nicht weniger als die Systemfrage. „Wir stehen an einem Scheideweg“, sagt der Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV). Entweder die ärztliche Versorgung werde „an renditeorientierte Groß- und Finanzinvestoren“ verkauft, oder die „wohnartnahe und qualitativ hochwertige Versorgung durch freiberuflich tätige Ärzte und Zahnärzte“ bleibe erhalten. „Beides ist nicht miteinander vereinbar.“

Mit großem Unbehagen verfolgen Eßer und die KZBV einen Trend, der den rund 26 Milliarden Euro schweren deutschen Dentalmarkt erfasst. Finanzstarke Investoren kaufen reihenweise Praxen auf und gründen sogenannte Zahnmedizinische Versorgungszentren (ZMVZ). Zugleich zeichnen sich vor allem im ländlichen Raum Engpässe bei der zahnmedizinischen Versorgung ab.

Für Eßer ist die Sache klar: Er macht die Investoren mit ihrer Kettenbildung dafür verantwortlich. Die Investorengruppen halten dagegen, dass ihre Praxen die flächendeckende Versorgung in Zukunft erst sichern würden. Schon heute würden viele niedergelassene Zahnärzte niemanden finden, der ihre Praxis nach dem Ruhestand übernimmt.

„Fakt ist, dass die Kollegen im ländlichen Raum in allen Bundesländern heute sagen, dass ihre Praxen nicht mehr verkäuflich sind“, sagt auch Eßer. Gerade in den ostdeutschen Bundesländern gebe es besonders viele Zahnärzte im Alter von über 50 Jahren, bundesweit seien dies insgesamt knapp 50 Prozent aller Zahnärzte. Diese Generation geht nach und nach in Rente.

Eigentlich, meint der KZBV-Chef, wäre das kein Problem, da ausreichend junge Zahnmediziner ausgebildet würden. Die im städtischen Raum konzentrierten Großpraxen der Investoren würden aber wie ein Staubsauger den Nachwuchs aus der Fläche abziehen.

Bis 2015 mussten medizinische Versorgungszentren in Deutschland fachübergreifend geführt werden, dann ermöglichte eine Gesetzesänderung arztgruppengleiche Großpraxen. 

Investoren erkannten schnell das Potenzial, in den lukrativen deutschen Zahnarztmarkt einzusteigen. Laut einer Analyse der Kassenzahnärztevereinigung, die dem Handelsblatt vorliegt, stieg die Zahl der Zahnmedizinischen Versorgungszentren in den vergangenen drei Jahren von unter 30 auf rund 550 an. 

Die Großpraxen siedeln sich demnach vor allem in Ballungsräumen und einkommensstarken Regionen an. Ende März 2018 befanden sich rund 79 Prozent der Zahnmedizinischen Versorgungszentren in städtischen Gebieten und rund 21 Prozent auf dem Land. Kaum Gründungen gibt es in den ostdeutschen Bundesländern.

Eßer sieht die Zahlen als Beleg dafür, dass Finanzinvestoren „überhaupt nicht an der Versorgung, sondern nur an Renditemaximierung“ interessiert seien.

Unterstützung erhält er von Patientenschützern. „Das Patienteninteresse ist sekundär“, sagt Gregor Bornes, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP). „Es ist zu befürchten, dass sich diese Praxisketten vor allem auf teure und aufwendige Leistungen wie Zahnersatz oder Implantate konzentrieren und weniger lukrative Bereiche vernachlässigen.

Stabile Arzt-Patienten-Beziehungen seien in zahnmedizinischen Zentren mit vielen Angestellten schwierig, die Versorgung werde zu einer „beliebigen Dienstleistung“.

Weniger Freiberuflichkeit

Tobias Witte, der in einer medizinrechtlichen Fachkanzlei in Münster Investoren berät, kann die Aufregung nicht verstehen. Die Freiberuflichkeit der Ärzteschaft sei in Deutschland eine „heilige Kuh“, sagt der Anwalt. Ein Blick ins europäische Ausland zeige aber, dass die Alarmstimmung übertrieben sei. Selbst in Großbritannien, wo die Hürden für Investoren noch niedriger sind, seien lediglich 15 Prozent aller Zahnarztpraxen in zentral geführten Ketten organisiert.

Witte verweist auf die demografischen Veränderungen in der Zahnärzteschaft. Der Beruf werde immer weiblicher, etwa 70 Prozent der Zahnmedizinstudenten sind heute Frauen. Und die würden wegen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oft ein Angestelltenverhältnis bevorzugen. Auch unter jungen männlichen Zahnärzten sinke das Interesse an der Freiberuflichkeit. 

„Zehntausende Zahnärzte werden ihre Praxis in den nächsten Jahren abgeben wollen. Es gibt aber nicht genug Interessenten“, sagt Witte. Ketten könnten diese Entwicklung auffangen.

Thomas Bäumer ist Deutschlandchef von Colosseum Dental, einem der Großinvestoren, die Eßer als Gefahr für die ärztliche Versorgung sieht. Die Gruppe, hinter der die Unternehmerfamilie Jacobs steht, macht mit mehr als 220 Praxen in sieben europäischen Ländern über 400 Millionen Euro Jahresumsatz. Auch in Deutschland hat Colosseum bereits zugekauft. „Wir wollen uns breit aufstellen und nicht nur in Hamburg, Berlin oder München präsent sein“, verspricht Bäumer. Betriebswirtschaftlich betrachtet sei das Umland sogar interessanter als die Ballungsräume, da hier die Konkurrenz geringer sei und auf jeden Zahnarzt mehr Patienten kämen.

Die Politik sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. „Eine Verschlechterung der Versorgung durch ZMVZ ist aufgrund der bis jetzt vorliegenden Zahlen nicht eingetreten“, sagt der Chef des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Erwin Rüddel (CDU). Auch eine „Sogwirkung“ auf niederlassungswillige junge Zahnärzte sei nicht festzustellen.

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