„Mein Kampf“ in Schulen Hitler statt Schiller?

Hitlers „Mein Kampf“ kommt auf den Markt. SPD und Lehrerverband wollen Schulen mit der wissenschaftlich kommentierten Ausgabe ausstatten. Was ein 16-jähriger Oberstufenschüler dazu sagt.
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Im Januar erscheint eine kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“. Womöglich müssen sich bald auch Schüler im Unterricht mit der Hetzschrift auseinandersetzen. Quelle: AFP
Hitlers Hetzschrift und Biografie „Mein Kampf“

Im Januar erscheint eine kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“. Womöglich müssen sich bald auch Schüler im Unterricht mit der Hetzschrift auseinandersetzen.

(Foto: AFP)

Köln„Mein Kampf“ von Adolf Hitler ist das wohl umstrittenste Buch der deutschen Geschichte. Jahrelang hat Bayern versucht, Hitlers NS-Kampfschrift zu unterdrücken – mit mäßigem Erfolg. Das Land hält die Rechte an dem Buch und verweigerte bisher jede Neuauflage.

Doch in den Weiten des World Wide Web ist es schnell auffindbar, für 600 Euro beispielsweise auch bei einem Antiquitätenhändler. Diesen Umweg muss man bald nicht mehr gehen. Denn Anfang 2016 erlischt das Urheberrecht.

Noah Gottschalk ist 18 Jahre alt und arbeitet seit Ende 2014 für das Handelsblatt. Er ist Redakteur bei Orange by Handelsblatt, dem jungen Wirtschaftsportal der VHB.
Der Autor

Noah Gottschalk ist 18 Jahre alt und arbeitet seit Ende 2014 für das Handelsblatt. Er ist Redakteur bei Orange by Handelsblatt, dem jungen Wirtschaftsportal der VHB.

Das Institut für Zeitgeschichte München bringt zu diesem Anlass eine wissenschaftlich kommentierte Fassung des Buches auf den Markt. Viele Erklärungen und Kommentare sollen die Propaganda und das schreckliche Gedankengut entlarven.

SPD und Lehrerverband fordern nun, eben diese Fassung verbindlich im Schulunterricht behandeln zu lassen. 2000 Seiten stark ist diese Ausgabe, enthält Passagen der Originalvorlage und einordnende Kommentare des Autorenteams. Doch stellt sich mir die Frage, ob „Mein Kampf“ eine Berechtigung im Schulunterricht hat. Ist Hitlers Werk literarisch hochwertig genug, es im Deutschunterricht ausführlich zu behandeln, es gar in einer Klausur analysieren zu lassen?

In den Deutschunterricht gehört das Buch schon gar nicht. Hitler würde in einer Reihe stehen mit bekannten Autoren der deutschen Literaturgeschichte. Literarisch, stilistisch und grammatikalisch ist Hitlers Hetzschrift eine einzige Müllhalde. Sich in Zeiten von G8 so zeitintensiv mit „Mein Kampf“ als literarisches Werk zu befassen wäre ein Schlag ins Gesicht für Autoren wie Lessing, Goethe oder Schiller, die Hitler weichen müssten.

Die Auseinandersetzung mit der Historie des eigenen Landes, auch mit den schrecklichen Seiten, muss im Geschichtsunterricht stattfinden. Diese Lehrer sind besonders sensibilisiert für die Thematik um das Dritte Reich und wissen damit umzugehen.

Rassenhetze, Menschenverachtung und Grausamkeit

Wenn Politiker zu Nazi-Zitaten greifen
ADENAUER
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Oktober 1950

Auf dem ersten CDU-Bundesparteitag von Goslar sagte Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), „dass der Druck, den der Nationalsozialismus (...) durch Konzentrationslager ausgeübt hat, mäßig war gegenüber dem, was jetzt in der Ostzone geschieht“.

Lafontaine spricht auf trotzkistischem Kongress in Berlin
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Juli 1982

Weil der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) zum Nato-Doppelbeschluss stand, verurteilte Oskar Lafontaine dessen „Pflichtgefühl, Berechenbarkeit und Standhaftigkeit“ als „Sekundärtugenden (...) Damit kann man auch ein KZ betreiben“.

huGO-BildID: 2288573 Heiner Geissler, CDU,
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Juni 1983
Im Streit um die Aufstellung von US-Mittelstreckenraketen in Europa warf CDU-Generalsekretär Heiner Geißler den damals strikt pazifistisch eingestellten Grünen vor: „Ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz überhaupt nicht möglich gewesen.“

RAF hatte auch Willy Brandt im Visier
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Mai 1985

Der damalige SPD-Chef Willy Brandt sagte, Geißler sei der „seit Goebbels schlimmste Hetzer in diesem Land“.

Helmut Kohl wird 80
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Oktober 1986

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) verglich den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow mit NS-Propagandaminister Joseph Goebbels: „Er (...) versteht was von PR - der Goebbels verstand auch was von PR.“

HELMUT KOHL
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Juni 2000

Kohl verglich die SPD-Boykottaufrufe wegen seiner illegalen Spendensammlung für die CDU mit dem Boykott jüdischer Geschäfte unter der NS-Diktatur.

GLOS
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Juli 2002

Im Bundestagswahlkampf sagte der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos, die SPD verkaufe ihre Hartz-Pläne zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wie die V2-Rakete kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges als „Wunderwaffe“.

Doch auch hier stellt sich mir die Frage nach der praktischen Umsetzung. Zwei Stunden Geschichtsunterricht in der Woche reichen nicht aus, um sich angemessen mit einem so furchtbaren Buch auseinanderzusetzen. Lediglich im fünfstündig unterrichteten Leistungskurs wäre es Lehrern möglich, die Aussagen einzuordnen und in den richtigen Kontext zu stellen.

„'Mein Kampf' ist ein schreckliches und monströses Buch. Diese antisemitische, menschenverachtende Kampfschrift historisch zu entlarven und den Propagandamechanismus zu erklären, gehört in einen modernen Schulunterricht von dafür qualifizierten Lehrkräften“, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Ernst Dieter Rossmann dem Handelsblatt.

Rossmann, die gesamte SPD und der Lehrerverband müssen sich aber die Frage stellen, inwieweit es für Schülerinnen und Schüler einen deutlich höheren Mehrwert bietet, die Gesamtausgabe oder große Teile des Buchs zu lesen. Schließlich finden sich schon heute einzelne Passagen abgedruckt in Geschichtsbüchern wieder.

Um sich mit dem Buch kritisch auseinanderzusetzen, sollte es ausreichen, die Schlüsselszenen zu lesen. Ansonsten müsste ich mich durch hunderte Seiten Rassenhetze, Menschenverachtung und absolute Grausamkeit eines schrecklichen Diktators quälen. Ob mich das in meinem geschichtlichen Bewusstsein ernsthaft weiterbringt, wage ich zu bezweifeln.

Offene Fragen bleiben, deren Antworten uns die Politiker noch schuldig sind. Ob Hitlers Werk so ausführlich im Schulunterricht behandelt werden soll, muss öffentlich diskutiert und darf nicht in Hinterzimmern entschieden werden. Hitler als Schullektüre – dazu ist mir meine Zeit zu kostbar.

Unser Autor ist Redakteur bei Orange by Handelsblatt. Orange erklärt Wirtschaft und Nachrichten aus aller Welt für junge Menschen, beleuchtet Hintergründe, zeigt Zusammenhänge auf. Jeden Morgen frisch serviert von einem genauso jungen Redaktionsteam, editiert von erfahrenen Handelsblatt-Redakteuren. Orange ist auf allen Social-Media-Kanälen zu finden. Wirtschaftlichen Sachverstand gibt es seit vielen Jahren auch bei handelsblattmachtschule.de – ein Angebot speziell für Lehrer und den Unterricht.

Hitlers NS-Kampfschrift im Schulunterricht – eine Frage mit Konfliktpotenzial. Welcher Meinung sind Sie? Schreiben Sie mir eine E-Mail an gottschalk@handelsblatt.com oder melden Sie sich via Twitter:

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10 Kommentare zu "„Mein Kampf“ in Schulen: Hitler statt Schiller?"

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  • Jetzt aber schnell dem Dolfi noch den Schnauzbart gebürstet und dann ab mit ihm ins Bett, Herr Spiegel!
    Um 5:45 Uhr muß er wieder einsatzbereit sein.

  • Gut daß Sie das Buch nicht lesen, Sie könnten einen Erkenntnis-Schock erleiden,
    ebenso wie Ihre Genossen.

  • Schon mal mit migrationsunfähigen u. -unwilligen Stress gehabt.

    Nein!

    Dann haben sie bisher Glück gehabt oder haben sich vielleicht zurückgezogen oder nicht getraut etwas zu sagen oder jemandem zu helfen.

    Oder leben in einem Elfenbeinturm wir die Politiker und andere reiche Prominente. Weil die haben mit dem Alltag nichts gemein, die auf die Reslität trifft. Vornehmlich aber in den Ballungsgebieten bis hin zu den Ghettos, die man nicht unbedingt besuchen muss.

    Also, wer Stress hat oder bekommt, wir zwar nichts vom Hitler hören aber ganz bestimmt wird man die Erfahrung machen, das das Unwort "Nazi" gegen einem verwendet wird.

    Es heisst dann ganz schnell "Du Nazi, du".

    Es wird wohl nie anderes sein. Hitler und wir Nazis

  • Wir brauchen das Buch nicht. Interessanter ist doch das mittlerweile Wahlbetrug stattfindet, natürlich zum Nachteil der AFD:
    http://www.radiobremen.de/politik/dossiers/wahl15/wahlstimmen100.html

  • Wenn ich das schon lese: "einordnende Kommentare". Das werden dann wohl die richtigen "Einordnungen" sein! Wahrscheinlich verfasst von den einschlägigen
    "Experten". Der einfache Deutsche wird ja für zu doof gehalten, um für sich selbst Einordnungen vorzunehmen.

    Aber mir persönlich wäre die Zeit auch zu schade, das Original zu lesen. Nur kann ich nicht erkennen, inwieweit die heutige Hetz- und Lügenpresse auch nur im geringsten besser oder anständiger sein soll.

    Deutschland begeht zur Zeit durch die absolut ungehemmte Masseneinwanderung öffentlich Selbstmord und die Medien bejubeln das.
    Die Politik von Merkel ist im Ergebnis nicht besser als die von Hitler. Sie führt in den zweiten Untergang innerhalb von 100 Jahren. Und dabei guckt sie immer so harmlos in die Kameras!

  • Warum eine kommentierte Ausgabe? Können die Deutschen nicht lesen ? Sind sie nicht in der Lage, ein in einfachem, schlichtem Deutsch geschriebenes Buch sinnerfassend zu lesen? Wir haben 50 % Abiturienten ? Hallo!

  • Sie sollten die Schwarte lesen, sonst behalten die Schwätzer die Meinungshöheit.

  • WAS EIN HYPE

    ... und dazwischen was zum Anklicken zu Hr. Höcke.
    Dabei gibt es doch so ein hervorragendes politisches Programm der AfD zu Bildung, Ausbildung und Studium. Zu Bachelor und Master. Und zu 16000 derzeitgen Studienrichtungen in Deutschland. Jährlich kommen unsägliche 1000 dazu. Warum schreibt man hier nicht über das Bildungsprogramm der AfD?
    ---
    Zum Insitut für Zeitgeschichte: Hr. Gottschalk, warum schreiben Sie nicht, dass die bayrische Staatsregierung dem Insitut für Zeitgeschichte die Mittel entzogen hat? - Und: Ist nicht auch dies bereits Geschichtsverklitterung?
    --
    Also was ist "Mein Kampf"?
    Andreas Andernach faßte es in die passenden Worte, es sei "HEILSARMEE-SERMON".
    Und der Historiker David Clay weiß zu berichten über
    143 ZERSCHMETTERTE BIERKRÜGE, über einen "Marsch" am anderen Morgen eines "selten erbärmlic he(r) Zug alkoholisierter und/oder schon verkaterter Bierdimpfl und Zechbrüder, die sich eine Nacht lang gewaltig die Kante gegeben hatten. Der wegen "Putsch" festgenommene H. entpuppt sich so als eine
    "SCHWER ANGESCHLAGENE, ENTHEMMTE UND , HEUTE WÜRDE MAN SAGEN. ZIEMLICH DURCHGEKNALLTE SAUFNASE."
    Bei allen Versuchen dieses sprachlich schlecht geschriebene Buch in eine historische Bewertung zu bringen genügt eine Geschichtsstunde:
    Antisemitisch, triefende Rassenideologie und Dolchstoßlegende, Ausschaltung aller Parteien, Aufhebung des Föderalismus und staatliche Kammern als Ersatz für Gewerkschaften.
    Es geraten historische Abläufe durcheinander, wenn man nicht zur Kenntnis nehmen möchte, dass es zum Zeitpunkt des Schreibens eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte noch nicht gab und der Artikel 1 des Grundgesetzes ebensowenig existierte.

    DAS GEHÖRT IN DEN GESCHICHTSUNTERRICHT!

  • Wie mit allem,wir diskutieren und drehen Themen bis zum Erbrechen!

    WARUM kann man nach über 70 Jahren nicht über diesen Menschenfänger offen diskutieren???

    Um sich von solchen Schriften und Reden einfangen zu lassen gehören bekanntlich immer zwei dazu! Hier der Hitler, auf der anderen Seite die Deutschen!!!

    Sie sind diesem Schaumschläger und Menschenverachter in die Falle gegangen und kamen dann nicht mehr raus! Mitgegangen gleich Mitgefangen!

    NUR auch damals hat die Parteienlandschaft ,vornehmlich die SPD, in der POLITIK nur Mist gemacht und das sollten sich die heute regierenden ebenfalls vor Augen halten!

    Nur proletisch gegen Menschen zu hetzen und zu beschimpfen hilft auch etablierten Parteien nichts, im Gegenteil!

    Solange sie am Volk vorbei reden und starrköpfig an den Prinzipien festhalten ohne mal darüber nachzudenken was das Volk will, ja der öffnet Tür und Tor für Alternativen, egal in welchem Spektrum!

    Also was ist so schlimm daran, das Volk bei wichtigen Fragen entscheiden zu lassen? Z.B. ob wir ungebremste Asylbewerber aufnehmen wollen! Ob wir das Handelsabkommen CETA oder TTIP wollen etc.

    Das wäre gelebte Demokratie, nur wer sträubt sich dagegen???? DIE C D U!

    Das Buch von Hitler, keine Ahnung ob das lesenswert ist und auch noch gekauft werden sollte, mir reichen die Erzählungen und Berichte von Zeitzeugen um für so einen irren Typen absolut keinen Cent auszugeben!!!

  • "Hitler statt Schiller?"

    Es sollte "Hitler und Schiller" lauten und das nicht erst 70 Jahre nach gewaltsamer Auflösung des III. Reiches.

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