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Merkel macht's „Ich will Deutschland dienen“

Merkel hat sich für eine weitere Kandidatur bei der Bundestagswahl 2017 entschieden. Die Kanzlerin rechnet aber mit dem schwierigsten Wahlkampf ihrer Karriere. Die Wirtschaft begrüßt den Schritt – genau wie die CSU.
Update: 20.11.2016 - 19:38 Uhr Kommentieren

„Die Alternativen fehlen“

Berlin Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel will 2017 zum vierten Mal Kanzlerin werden. Die 62-Jährige kündigte unter dem Eindruck weltweiter Krisen und zunehmender politischer Unsicherheit am Sonntag ihre Kandidatur an. Mit ihrer Entscheidung rund zehn Monate vor der Bundestagswahl könnte SPD-Chef Sigmar Gabriel unter Druck geraten, nun die Kanzlerkandidatur in seiner Partei zu klären.

Merkel erläuterte ihre Entscheidung am Sonntagabend bei einer Pressekonferenz: Die Menschen hätten in diesen Zeiten wenig Verständnis, „wenn ich jetzt nicht noch einmal meine ganze Erfahrung und das, was mir an Gaben und Talenten gegeben ist, in die Waagschale werfen würde, um meinen Dienst für Deutschland zu tun“, sagte Merkel am Sonntagabend in Berlin. „Ich habe sprichwörtlich unendlich viel darüber nachgedacht. Die Entscheidung für eine vierte Kandidatur ist nach elf Amtsjahren alles andere als trivial.“ Merkel betonte aber auch, dass „diese Wahl wie keine zuvor schwierig“ wird. „Wir werden es von allen Seiten mit Anfechtungen zu tun bekommen“, so die Bundeskanzlerin.

Merkel empfindet die teils hohen Erwartungen an eine mögliche weitere Amtszeit von ihr nach eigenen Worten als übertrieben. All das, was damit besonders nach dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl verbunden werde, „das ehrt mich zwar, aber ich empfinde es auch sehr stark als grotesk und geradezu absurd“, sagte Merkel. Insgesamt gehe es in der Politik um den Ausgleich von Interessen. „Mein Ziel in der Politik ist es, für den Zusammenhalt in unserem Land zu arbeiten“, sagte Merkel. „Wir wollen miteinander wie Demokraten streiten.“ Sie freue sich auf die politischen Auseinandersetzungen in den kommenden Monaten. „Wir werden sie unter Demokraten führen und im Ton der Demokraten.“

Parteifreunde hatten Merkel seit langem breite Rückendeckung für eine erneute Kandidatur gegeben, aus der CSU kam zuletzt ebenfalls Zustimmung. Auch die politische Konkurrenz ging zuletzt davon aus, dass sie sich erneut auf Merkel einstellen muss.

CSU-Chef Horst Seehofer hat Merkel die Unterstützung seiner Partei zugesagt. „Das ist seit heute klar, wer für die Union kandidieren wird“, sagte er am Sonntag vor CSU-internen Beratungen in München. „Es ist gut, dass jetzt Klarheit herrscht und dass sie sich entschieden hat“, sagte der bayerische Ministerpräsident. „Auf dieser Grundlage können wir jetzt zwischen CDU und CSU – so wie immer beabsichtigt – klären, mit welchen politischen Themen wir gemeinsam in den Wahlkampf gehen und wo möglicherweise eine eigene Position der CSU erforderlich ist.“ Das werde mit hoher Wahrscheinlichkeit bei der Zuwanderung der Fall sein. Er fügte aber hinzu: „An der gemeinsamen Kanzlerkandidatin können Sie ja jetzt nicht ernsthaft zweifeln.“

„Ich war mir seit langer Zeit sicher, dass die Bundeskanzlerin für beide Ämter wieder kandidieren wird - ohne dass ich das von ihr selbst gewusst hätte“, sagte der bayerische Ministerpräsident. In den vergangenen Tagen hätten Merkel und er natürlich darüber gesprochen.

Gabriel sagte am Samstag bei einem Parteitag der Thüringer SPD in Erfurt: „Wir freuen uns auf eine demokratische Auseinandersetzung.“ Am Rande des Delegiertentreffens sagte er auf die Frage, ob die SPD nun im Zugzwang sei: „Das heißt nichts für die SPD.“ Die Sozialdemokraten würden an ihrem Zeitplan festhalten. Gabriel hat bisher offen gelassen, ob er als Kanzlerkandidat ins Rennen gehen will. Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) werden Ambitionen nachgesagt.

Merkels Aussage sei „weder überraschend noch abschreckend“, sagte Parteivize Ralf Stegner am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Ihr „Mythos der Unbesiegbarkeit“ sei vorbei, und die Union müsse sich aufgrund der ewigen Querelen eher in „Zwietracht“ umbenennen. Es sei auch zu hoch gegriffen, Merkel als Retterin der freien Welt zu bezeichnen, wie dies in diesen Tagen zu hören sei. „Aber unterschätzen tun wir sie natürlich nicht, das wäre ein großer Fehler“, sagte Stegner weiter.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende kündigte an, seine Partei werde einen Wahlkampf mit eigenem Gerechtigkeitsprofil führen. Hauptkonkurrent sei die Union. Vor allem wolle die SPD etwas gegen den erstarkenden Rechtspopulismus tun.

Merkel ist erneut Kanzlerkandidatin - Wen schickt die SPD ins Rennen?

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin: „Die Bundestagswahl ist offen, Angela Merkel ist nicht mehr unschlagbar.“

Merkels am Sonntag bekannt gegebene Kandidatur sei keine Überraschung für die Sozialdemokraten gewesen, „sondern bei uns schon lange eingepreist“. Oppermann bot der Union an, in der nächsten Zeit in der großen Koalition weiter konstruktiv zusammenzuarbeiten. „Bis zu Beginn des Wahlkampfes erwarten die Bürger zu Recht, dass wir das Land gut regieren.“

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann begrüßte im „Tagesspiegel“ (Montag), dass Merkel jetzt Klarheit geschaffen habe. „Wir benötigen jetzt aber auch Klarheit bei der SPD. Deshalb ist es an der Zeit, dass der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel erklärt, ob er als Kanzlerkandidat zur Verfügung steht.“

„Eiserne Lady“ ohne Vision
Ausdauer
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Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten – wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Man muss wohl Nerven aus Stahl haben, um Kanzleramt und Parteivorsitz zu meistern. US-Präsident Barack Obama sagt, Merkel sei „hart“, „tough“ und „zäh“.

(Foto: dpa)
Geduld
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Merkel kann zuhören – und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. Reißt ihr aber die Hutschnur, ist Feierabend. Wie bei der Entscheidung für Sanktionen gegen Russland wegen des Ukraine- Konflikts oder der Entlassung von Norbert Röttgen (rechts) aus ihrem Kabinett.

(Foto: dapd)
Ideologiefrei
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Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in Grenzen – auch nicht in denen ihrer Partei. Das führt zu Konflikten mit der Schwesterpartei CSU und auch mit der CDU-Basis.

(Foto: dpa)
Uneitel
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Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden. Sie ist unprätentiös und gilt als unbestechlich. Geld interessiert sie nicht so sehr. Sie verdiene genug, hat sie einmal gesagt. Auf etwa 300 000 Euro wird das Jahresgehalt geschätzt, das die Regierungschefin für ihre Verantwortung für rund 80 Millionen Menschen bekommt. Ein Bruchteil der Summen von Firmenbossen mit einigen Tausend Beschäftigten. Ihr Lohn sei die Macht, soll Merkel einmal gesagt haben. Die Macht, dass es am Ende so gemacht wird, wie sie es will.

(Foto: dpa)
Kein Redetalent
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Merkel kann ein Publikum nur selten mitreißen. Öffentlich formuliert sie oft umständlich und wenig pointiert. Im kleinen Kreis ist sie dagegen humorvoll und selbstironisch.

(Foto: Reuters)
Keine Nachwuchsförderung
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Dass die CDU in den vergangenen Jahren nie einen anderen Namen als Merkel für den Parteivorsitz und die nächste Kanzlerkandidatur genannt hat, zeigt auch, wie wenig sich Merkel um die Förderung von Talenten bemüht hat. Konkurrenten hat sie oft kalt gestellt.

(Foto: Reuters)
Keine Visionen
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Kritiker beklagen, Merkel habe keine eigenen Ziele, sondern sammele Ideen anderer und suche dann die Mehrheitsmeinung. In der Flüchtlingskrise bewies sie exakt das Gegenteil.

(Foto: AP)

CDU-Vize Armin Laschet sagte vor dem CDU-Treffen: „Wir haben eine Kanzlerin, und wir wollen auch, dass sie das bleibt.“ Sie habe in den vergangenen Tagen und Wochen viel außenpolitisches Lob erfahren. Und: „Ich finde es wichtig, dass wir jemanden haben, der die Gesellschaft im Inneren zusammenhalten kann.“ EU-Kommissar Günther Oettinger sagte, viele Europäer - „fast alle“ - wünschten sich, dass Merkel noch lange Verantwortung im Europäischen Rat trage.

Die Linken sagen für den Fall einer weiteren Amtszeit von Merkel Stillstand in Deutschland voraus. „Die erneute Kandidatur von Angela Merkel ist ein Signal dafür, dass sich nichts im Land ändern soll“, sagte Parteichef Bernd Riexinger am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Es droht erneut eine große Koalition und damit ein „Weiter so“ der Politik der sozialen Spaltung.“ Die CDU habe aber keinen Grund, schon zu siegesgewiss zu sein. „Eine Kandidatur von Frau Merkel ist noch keine gewonnene Wahl“, sagte Riexinger.

Die Grünen haben einen harten Wahlkampf gegen Merkel und die Union angekündigt. „Wir freuen uns auf eine harte politische Auseinandersetzung, in der wir zeigen werden, wie wirksamer Klimaschutz und gesellschaftlicher Zusammenhalt funktionieren können“, sagte Grünen-Chef Cem Özdemir der „Rheinischen Post“ (Montag). Klar sein müsse: „Es geht in diesem Wahlkampf auch grundsätzlich darum, anständig miteinander umzugehen und Polemik und Hetze echte Inhalte entgegenzusetzen.“

Fraktionschef Anton Hofreiter sagte dem Handelsblatt: „Ich bin mal sehr gespannt, wie Angela Merkel ihren eigenen Laden zusammenhalten will.“ Die CSU rücke ja immer wieder deutlich von ihr ab. „Wir werden Frau Merkel mit Blick auf die Wahl 2017 für das kritisieren, was ihre Regierung unterlassen oder falsch gesteuert hat.“ Nötig sei etwa konsequenter Klimaschutz.

Wirtschaftsvertreter begrüßen Klarheit
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