Merkels „Flüchtlingsmädchen“ Reem „Ich habe einen Traum“

Vor zwei Jahren brachte eine Diskussionsrunde mit Kanzlerin Merkel das Flüchtlingsmädchen Reem in die Schlagzeilen. Nun hat die heute 16-Jährige ihre Biografie vorgelegt. Es geht um Lagerleben, Flucht und um Deutschland.
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„Ich wollte nicht weg von hier“, schreibt die Schülerin in ihrer Autobiografie. Quelle: dpa
Reem Sahwil

„Ich wollte nicht weg von hier“, schreibt die Schülerin in ihrer Autobiografie.

(Foto: dpa)

Rostock/München„Ich wollte nicht weg von hier“, schreibt Reem Sahwil in ihrer Autobiografie. Ein Satz, der die kindliche Erinnerung von „Merkels Flüchtlingsmädchen“ aus Rostock an das Flüchtlingslager Wavel in Ost-Libanon zusammenfasst. Vor allem wohl aber an die Menschen dort. „Hier in Wavel kannte ich alles, hier hatte ich meine Familie, die mir bei allem half, meine Freundin Jana, die mich unterstützte“, erzählt die heute 16-Jährige in dem 239 Seiten umfassenden Buch, das am Montag erschien, über ihr bisheriges Leben und die Geschichte einer palästinensischen Familie ohne wirkliche Heimat.

Öffentlich bekannt wurde die damals 14-Jährige durch die Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Juli 2015 in Rostock. Vor laufender Kamera schilderte die Palästinenserin ihre Angst vor Ausweisung. Merkel antwortete, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Daraufhin fing Reem an zu weinen. Merkel versuchte zwar zu trösten und streichelte sie. Doch im Internet gab es damals einen Sturm der Entrüstung über die nüchterne, angeblich kaltherzige Antwort.

Das Buch zeichnet den mitunter leidvollen Weg Reems nach. Sie wird - wie ihre Geschwister - in vierter Generation in dem Flüchtlingslager Wavel geboren. Sie kommt zu früh auf die Welt. Weil die medizinische Versorgung im Lager katastrophal ist, wird sie nicht ausreichend beatmet. Das hat Folgen. Als andere Kinder schon laufen, sitzt Reem im Rollstuhl. Bis heute ist ein Teil ihres Körpers gelähmt.

Durch einen Onkel in Düsseldorf erfahren Reems Eltern von einer Stammzellentherapie, die dem Kind helfen könnte. So fliegt Reems Mutter mit dem Mädchen und dessen kleinem Bruder 2010 das erste Mal zur Behandlung nach Deutschland. Es soll der Anfang einer Odyssee sein, die Reem auf jugendliche, manchmal noch kindhafte Weise beschreibt, unterstützt von der Co-Autorin Kerstin Kropac.

Reem berichtet von den vielen Krankenhaus-Aufenthalten in Düsseldorf, der Weiterreise im Zug ins schwedische Malmö, und sie erzählt von den Sorgen der Mutter, als der Vater kein Ausreisevisum bekommt. Der kommt schließlich über die Balkanroute nach Europa. Und sie erinnert sich daran, wie die Familie Schweden wieder in Richtung Deutschland verlassen muss, weil es das Dublin-Abkommen so verlangt. „Dieses Mal würden wir wie ein Boot ohne Steuerung in den Behördenwellen hin und her geworfen werden. Irgendwohin. Deutschland war groß. Und fremd“, beschreibt Reem ihr Empfinden von damals.

Der Flüchtlingsverteilungsschlüssel brachte die Familie Sahwil schließlich nach Rostock. Anfangs, so schreibt Reem, sei „Rostock“ ein ebenso komischer Name gewesen wie „Horst“, ein abgelegenes Dorf mit der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen sei die Hansestadt aber Heimat geworden - auch dank vieler Unterstützer und Freunde, betont sie.

Die 16-Jährige kann heute selbstständig laufen, ihre Mutter arbeitet als Sozialarbeiterin. „Wir leben alle zufrieden in Rostock. Wir haben hier nicht nur unser Zuhause, vor allem auch zu uns gefunden“, schreibt Reem. Sie will nicht weg. Doch der Aufenthaltsstatus der Familie gilt, so steht es im Buch, vorerst nur bis Oktober 2017.

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