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Metallindustrie Das harte Ringen um die 35-Stunden-Woche im Osten

Arbeitgeber und IG Metall verhandeln zum letzten Mal über die Ost-West-Angleichung der Arbeitszeit. Ob ein Durchbruch gelingt, ist allerdings offen.
Update: 21.06.2019 - 12:00 Uhr Kommentieren
Im Westen liegt die tarifliche Wochenarbeitszeit seit 1995 bei 35 Stunden. Im Osten, wo gut 475.000 Metaller beschäftigt sind, sind es 38 Stunden. Über das gesamte Erwerbsleben arbeiten die ostdeutschen Metaller damit drei Jahre länger als ihre Kollegen im Westen, rechnet die IG Metall vor. Quelle: dpa
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Im Westen liegt die tarifliche Wochenarbeitszeit seit 1995 bei 35 Stunden. Im Osten, wo gut 475.000 Metaller beschäftigt sind, sind es 38 Stunden. Über das gesamte Erwerbsleben arbeiten die ostdeutschen Metaller damit drei Jahre länger als ihre Kollegen im Westen, rechnet die IG Metall vor.

(Foto: dpa)

Berlin Im Jahr 1984 tauchte das rote Banner mit der lachenden gelben Sonne massenhaft auf Deutschlands Straßen auf. Fast sieben Wochen lang streikte die IG Metall damals für den Einstieg in die 35-Stunden-Woche in der westdeutschen Metallindustrie.

In diesen Tagen hängen wieder rote Banner an den Fabriken, Beschäftigte versammeln sich vor den Werkstoren und tragen rote T-Shirts, darauf in Weiß eine große 35: am BMW-Werk in Leipzig, bei Zeiss in Jena oder bei Siemens in Irxleben. Die Gewerkschaft macht Druck vor der möglicherweise entscheidenden Verhandlungsrunde über den Einstieg in die 35-Stunden-Woche auch in Ostdeutschland. Die Gespräche beginnen an diesem Freitag in Potsdam.

Im Westen liegt die tarifliche Wochenarbeitszeit seit 1995 bei 35 Stunden. Im Osten, wo gut 475.000 Metaller beschäftigt sind, sind es 38 Stunden. Über das gesamte Erwerbsleben arbeiten die ostdeutschen Metaller damit drei Jahre länger als ihre Kollegen im Westen, rechnet die IG Metall vor.

Mit einem ersten Versuch, die Angleichung durch massive Streiks zu erzwingen, war die Gewerkschaft 2003 krachend gescheitert. Mit dem Tarifabschluss 2018 hatten sich die IG Metall und die Arbeitgeber dann aber geeinigt, das Thema wieder auf die Agenda zu setzen und darüber zu verhandeln.

Fünf Gesprächsrunden hat es seither gegeben, doch die Positionen liegen vor dem letzten Termin immer noch weit auseinander. Die Gewerkschaft fordert einen verbindlichen Fahrplan zur Angleichung für alle – geregelt im Flächentarif.

Es könne nicht sein, dass fast 30 Jahre nach dem Mauerfall die „soziale Grenze“ weiter bestehe, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann am Freitag vor Journalisten in Berlin. Angesichts des Zulaufs der Rechtspopulisten sollten sich die Arbeitgeber gut überlegen, ob sie Ostdeutschland wirklich „zum Exerzierfeld ihrer Deregulierungsfantasien“ machen wollten.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall will es dagegen den Betriebsparteien – also Geschäftsführung und Betriebsräten – überlassen, die Arbeitszeit innerhalb eines tariflichen Korridors selbst festzulegen. Außerdem verlangt er, dass die durch die Arbeitszeitverkürzung entstehenden Kosten an anderer Stelle kompensiert werden – etwa durch Abstriche beim Entgelt.

Streit um die Tarifbindung

Die IG Metall wirft der Gegenseite vor, die ohnehin schwache Tarifbindung im Osten weiter auszuhöhlen, wenn die Entscheidung über die Arbeitszeit auf die Betriebsebene verlagert wird.

Gesamtmetall argumentiert genau andersherum: „Wenn es der IG Metall wirklich um die Stärkung des Flächentarifs geht, wird sie ihren Mitgliedern irgendwann erklären müssen, dass sich eine tarifliche Lösung nicht an den Ausnahmen orientieren kann, sondern den Durchschnitt der ostdeutschen Betriebe und die insgesamt schwächere Wirtschaftsstruktur in den neuen Bundesländern im Blick behalten muss“, teilte der Verband vor dem nun anstehenden letzten Verhandlungstermin mit.

Heißt übersetzt: Wenn die Arbeitszeit im Flächentarif für alle verbindlich herabgesetzt werde, dann könnten die wenigen Großunternehmen in Sachsen, Berlin und Brandenburg das sicher verkraften, nicht aber die Masse der kleinen und mittelständischen Betriebe in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Etliche der noch tarifgebundenen Unternehmen könnten sich dann entscheiden, aus dem Flächentarif auszuscheren.

Die IG Metall will den Vorwurf, eine „Großbetriebsgewerkschaft“ zu sein, aber nicht auf sich sitzen lassen. Gerade Betriebsräte aus kleinen Unternehmen drängten auf eine Lösung im Flächentarif, heißt es aus der Gewerkschaft. Denn sie fürchten, über den Tisch gezogen zu werden, wenn die Verhandlungen über die Arbeitszeit auf Betriebsebene stattfinden.

In Ostdeutschland arbeitet knapp ein Drittel der Metaller in Betrieben mit weniger als 100 Beschäftigten, im Westen liegt die Quote bei 18 Prozent. 0,6 Prozent der Unternehmen im Osten haben mehr als 1000 Beschäftigte, im Westen sind es 2,1 Prozent.

Eine bereits im vergangenen Herbst erzielte Eckpunktevereinbarung zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen hatte Gesamtmetall abgelehnt. Das Papier sah die Einführung der 35-Stunden-Woche im Zeitraum von 2020 bis 2030 vor, wobei Unternehmen je nach wirtschaftlicher Situation mit unterschiedlicher Geschwindigkeit hätten vorangehen können.

Gesamtmetall selbst hat nun einen Tarifvertrag „Future“ auf den Tisch gelegt, der einen Einstieg in die Angleichung ab 2021 ermöglicht. Den lehnt die Gewerkschaft aber wegen der genannten Knackpunkte bisher ab. Ob bei den Verhandlungen an diesem Freitag ein Durchbruch gelingt, ist offen. Beide Seiten stellen sich auf eine Verlängerung bis ins Wochenende hinein ein.

Liegt auch danach noch kein Kompromiss auf dem Tisch, könnte der „Häuserkampf“ drohen. Die IG Metall werde dann Betrieb für Betrieb versuchen, kürzere Arbeitszeiten durchzusetzen, kündigte Hofmann an. Das geht aber nur dort, wo sie auch ausreichend Mitglieder hat, um gegebenenfalls mit Streiks Druck zu machen.

Mehr: Die deutschen Unternehmen sind schlecht auf Digitalisierung und Mobilitätswende vorbereitet. Das zeigt eine Umfrage der IG Metall unter Betriebsräten.

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