Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Metalltarif Abweichungen vor allem bei der Arbeitszeit und beim Geld

Der Flächentarif in der Metall- und Elektroindustrie gilt vielen Arbeitgebern als zu starr und unflexibel. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat jetzt tarifliche Abweichungsmöglichkeiten untersucht.
29.06.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Nicht alle Unternehmen können oder wollen sich den teuren Flächentarif leisten. Quelle: dpa
IG-Metall-Aktion in der Tarifrunde 2020/21

Nicht alle Unternehmen können oder wollen sich den teuren Flächentarif leisten.

(Foto: dpa)

Berlin In Tarifrunden der Metall- und Elektroindustrie dauert es meist nicht lange, bis die Arbeitgeber auf das starre Korsett des Flächentarifs verweisen. Dieses lasse gerade Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu wenig Spielraum. Das war in der zurückliegenden Runde nicht anders: „Wir brauchen wieder günstigere Arbeitskosten und mehr Flexibilität“, mahnte Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf im Interview mit dem Handelsblatt.

Meistens dauert es dann nicht lange, bis die IG Metall mit dem Zauberwort „Pforzheim“ kontert. In der Stadt am Nordrand des Schwarzwalds hatten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft 2004 – in schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – auf ein Abkommen zur Standortsicherung geeinigt, das seither als tarifpolitischer Meilenstein gilt.

Es sieht vor, dass Betriebe unter Bedingungen vom Flächentarif abweichen dürfen, beispielsweise durch eine Kürzung von Sonderzahlungen oder eine Erhöhung der Arbeitszeit. Sie erhalten so – befristet – mehr Flexibilität, um beispielsweise auf eine wirtschaftliche Krise reagieren zu können oder Investitionen zu ermöglichen. Voraussetzung ist, dass die Tarifparteien der Abweichung zustimmen.

Im Rahmen des Pforzheimer Abkommens können in den Betrieben Ergänzungstarifverträge vereinbart werden, in denen eine Gegenleistung für die größere Flexibilität fixiert wird, beispielsweise Gewinnbeteiligungen, Standortzusagen oder Beschäftigungssicherung. Tarifexpertin Helena Schneider vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat in einer aktuellen Studie nun knapp 400 solcher Ergänzungstarifverträge ausgewertet.

Fast jeder zweite Ergänzungstarifvertrag setzt bei der Bezahlung an

Knapp die Hälfte der Knapp die Hälfte der untersuchten Verträge (47 Prozent) dient mit aufs Entgelt zielenden Regelungen dem Zweck, Kosten zu sparen – etwa durch Kürzungen bei Tariferhöhungen, Einmalzahlungen oder Zuschlägen. Besonders häufig haben die Unternehmen das tarifliche Weihnachts- und Urlaubsgeld angepasst, also in der Regel gekürzt. Die Tariferhöhung des Jahres 2018 wurde in jedem fünften Ergänzungstarif entweder verschoben, angepasst oder – in wenigen Fällen – auch ganz gestrichen.

„Wir brauchen wieder günstigere Arbeitskosten und mehr Flexibilität.“ Quelle: Amin Akhtar
Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf

„Wir brauchen wieder günstigere Arbeitskosten und mehr Flexibilität.“

(Foto: Amin Akhtar)

Neben dem hohen Lohnniveau zählt die Arbeitszeitregelung zu den Hauptkritikpunkten der Unternehmen am Flächentarif. In Westdeutschland gilt die 35-Stunden-Woche, im Osten wird drei Stunden länger gearbeitet. Bei vollen Auftragsbüchern kommen Firmen hier rasch an ihre Grenzen.

So wurde denn auch bei 44 Prozent der untersuchten Ergänzungstarifverträge eine Verlängerung der Arbeitszeit vereinbart, im Durchschnitt um 2,4 Wochenstunden. Ein Lohn- oder Teillohnausgleich erfolgte dabei nur selten. Rechnet man auch andere Regelungen etwa zur Samstagsarbeit oder zu den Ausgleichszeiträumen für geleistete Mehrarbeit ein, enthalten sechs von zehn der Ergänzungstarifverträge Anpassungen bei der Arbeitszeit.

Abweichungen bei Altersteilzeitregelungen oder der Befristung von Arbeitsverhältnissen finden sich nur im einstelligen Prozentbereich. Die Untersuchung zeigt, dass Unternehmen mit 1000 und mehr Beschäftigten deutlich häufiger Ergänzungstarifverträge abschließen als kleine oder mittlere. Auch ist die Anpassung vor allem ein westdeutsches Phänomen: Nur acht Prozent der erfassten Verträge wurden in Ostdeutschland vereinbart. Hier sind aber auch nur knapp sieben Prozent der Unternehmen der Branche, die einen Tarifvertrag anwenden, angesiedelt.

Rund jeder vierte Ergänzungstarifvertrag hat eine lange Laufzeit von mehr als fünf Jahren, nur zehn Prozent gelten für höchstens ein Jahr. 15 Prozent sind unbefristet. In 63 Prozent der Ergänzungstarifverträge machten die Arbeitgeber im Gegenzug für die größere Flexibilität Beschäftigungszusagen, schlossen also beispielsweise betriebsbedingte Kündigungen aus. Auch Standortzusagen oder die Zusicherung einer festen Ausbildungsquote finden sich in den Verträgen.

Durch die Globalisierung, die Digitalisierung, die Dekarbonisierung, den Strukturwandel und den demografischen Wandel nähmen die Herausforderungen für die Metall- und Elektroindustrie ständig zu, heißt es in der Studie. Ergänzungstarifverträge seien ein geeignetes Instrument, um auf diese Herausforderungen zu reagieren – sofern eine Kooperationsbereitschaft zwischen Arbeitgebern und IG Metall bestehe.

Mehr Flexibilität gilt als Mittel zur Stärkung der Tarifbindung

Gerade für kleinere Betriebe gebe es hierbei aber offenbar entscheidende Hürden wie beispielsweise ein hoher bürokratischer Aufwand oder zu hohe Erwartungen an verbindliche Arbeitgeberzusagen. „Um der sinkenden Tarifbindung entgegenzuwirken und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen wieder für den Flächentarifvertrag zu gewinnen, bedarf es daher zusätzlicher unbürokratischer Differenzierungsmöglichkeiten“, schreibt Schneider.

Die Tarifbindung in der Metall- und Elektroindustrie ist stark rückläufig. Zählten die Metallarbeitgeberverbände zur Jahrtausendwende noch knapp 6300 Mitgliedsunternehmen, die einen Tarifvertrag anwendeten, so hat sich die Zahl bis 2019 fast halbiert.

Mehr: Metall-Rahmentarifvertrag für den Weg zur 35-Stunden-Woche im Osten steht

Startseite
Mehr zu: Metalltarif - Abweichungen vor allem bei der Arbeitszeit und beim Geld
0 Kommentare zu "Metalltarif: Abweichungen vor allem bei der Arbeitszeit und beim Geld"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%