Michael Glos Einmal Hongkong und zurück

Die Finanzkrise macht deutlich, wie schwer sich Michael Glos als Wirtschaftsminister noch immer tut. Dass es auch anders ginge, zeigt ihm ausgerechnet Ex-CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz.
  • Peter Müller
Michael Glos fühlt sich noch immer nicht recht wohl als Wirtschaftsminister. Foto: ap Quelle: ap

Michael Glos fühlt sich noch immer nicht recht wohl als Wirtschaftsminister. Foto: ap

(Foto: ap)

BERLIN. Dass einer fehlte, fällt manchmal erst richtig auf, wenn er wieder zurück ist. Friedrich Merz ist so ein Fall. Ausgerechnet mitten in der Finanzkrise stellt der Ex-Unionsfraktionschef und Ex-CDU-Parlaments-Stürmer gegen Rot-Grün sein neues Buch vor. Der Titel: "Mehr Kapitalismus wagen". Jeder Satz, das zeigt schon das Hineinblättern, liest sich in diesen Krisentagen eigentlich wie eine Zumutung. Da streitet einer für die freie marktwirtschaftliche Ordnung und gegen Gerechtigkeitsfanatiker. Ausgerechnet heute. "Freizeitlektüre für gefeuerte Banker", ätzt das Feuilleton schon.

Ewig spitzbübisch steht er da, gleich neben dem vergrößerten Titelbild seines Buches. Durch die Tür des Europasaals in der NRW-Landesvertretung drückt die Sonne. Zumindest die ersten Reihen sind voll, manche Gäste kommen direkt von der Kanzlerin, die ein paar Kilometer weiter eben Details ihres Milliardenrettungspakets für die Banken vorgestellt hat. "Die kurzfristigen Lösungen haben Sie heute von der Bundeskanzlerin vorgestellt bekommen", sagt Merz. Und fügt seine Forderungsliste für die Zeit nach dem unmittelbaren Krisenmanagement an: europäische Bankenaufsicht, höhere Eigenkapitalausstattung von Unternehmen und, und, und.

Es ist fast wie früher. Erst hört man Angela Merkel zu, und hinterher lässt man sich die ganze Sache von Friedrich Merz noch mal genau erklären.

Andere dagegen vermisst man selbst dann, wenn sie da sind. Wirtschaftsminister Michael Glos ist so ein Fall. Lange hat er sich in der Finanzkrise bedeckt gehalten. Als Merz gerade sein Buch vorstellt, berichtet Glos von einem Treffen mit Vertretern von Banken- und Wirtschaftsverbänden. Niedrigere Steuersätze will der Minister und ein Belastungsmoratorium für die Wirtschaft. "Der Konsum ist noch erstaunlich stabil", sagt er. Der Auftritt soll Handwerkern und Mittelständlern Vertrauen einflössen. Michael Glos spricht langsam, liest vom Blatt ab. So ein Auftritt macht nicht gerade Mut.

Was für ein Unterschied. Die Finanzkrise enthüllt, wie sehr einer wie Merz der Union fehlt. Zugleich wächst die Unzufriedenheit mit Glos. Routiniert schlägt die Opposition zu. "Michael Glos muss präsenter sein. Es kann nicht angehen, dass die seit Jahren wichtigsten finanz- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen ohne sichtbare Beteiligung des für Ordnungspolitik zuständigen Ministers durchgewinkt werden", sagt FDP-Mann Rainer Brüderle.

Auch Parteifreunde können nicht verstehen, warum Glos die Krise nicht nutzt, um die drohende Rezession aktiv zu bekämpfen - und ein bisschen was für seinen Ruf tut. "Er weiß, dass er keine Traumfigur abgibt", sagt einer, der Glos' Gefühlslage gut kennt.

Doch selbst im Terminplan des Ministers schien die Finanzkrise lange nicht als Chefsache vermerkt, so dass Glos schon mal zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Eine Reise nach Hongkong trat er ausgerechnet dann an, als in Berlin das Rettungspaket für Hypo Real Estate geschnürt wurde. Glos brach den Trip frühzeitig wieder ab - aber nicht wegen der Finanzkrise, sondern um die Vorstandssitzung der CSU Unterfrankens zu leiten. "Wird der Wirtschaftsminister nicht woanders dringender gebraucht?" fragt sich ein Mitglied im Unions-Fraktionsvorstand.

Das Treffen mit den Vertretern der Spitzenverbände von Banken und Wirtschaft und die Vorstellung der Konjunkturprognose am Donnerstag sind Glos' einzige öffentliche Auftritte - in einer Krisenwoche, wie sie die Republik noch nicht gesehen hat.

Die Verbandsvertreter kamen mit einer langen Wunschliste zu ihrem Wirtschaftsminister. Einen Stopp der Gesetzgebung auf europäischer Ebene fordert etwa Hanns-Eberhard Schleyer vom Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). "In Europa reden wir, als ob nichts geschehen wäre, von zusätzlichen Belastungen insbesondere in der Sozial- und Klimapolitik", sagt Schleyer. Da solle sich Glos jetzt starkmachen. Und die Steuerlast müsse herunter: "Der Minister weiß doch, wie sehr die kalte Progression den Mittelstand trifft." Nach dem Treffen zieht Glos in Schleyers Sinne Bilanz.

Schon ein Blick auf den verwinkelten preußischen Beamtenbau seines Ministeriums legt nahe, dass sich ein lebensfroher Franke hier schwertut. Dabei ist der Müllermeister, den Edmund Stoibers Rückzug in die Fußstapfen Ludwig Erhards und Karl Schillers zwang, kein schlechter Politiker. Beileibe nicht. Glos hat ein untrügliches Gespür dafür, wie die "kleinen Leute" ticken. Zwölf Jahre als CSU-Landesgruppenchef in Berlin lehrten ihn zudem alle Kniffe im Politikgeschäft. So hatte Glos das Thema Steuersenkungen auf die Agenda gesetzt - lange bevor seine Partei die Idee hatte, damit in den Wahlkampf zu ziehen. Und sehr zum Ärger von Finanzminister Peer Steinbrück, der - bis gestern - den Haushalt sanieren wollte.

Auch wegen der Aufgabenverteilung zwischen Finanz- und Wirtschaftsminister sehe Glos schlecht aus, sagen Parteifreunde. Nach dieser Lesart ist nicht Glos unglücklich in seinem Ministerium, sondern der Zuschnitt seiner Zuständigkeiten verunglückt. Denn was macht der Wirtschaftsminister heute eigentlich? In finanzpolitischen Fragen jedenfalls gilt Glos' Ministerium als "Schaltzentrale der Ohnmacht", seit Helmut Schmidt 1972 die Abteilung "Geld und Kredit" ins Finanzministerium mitnahm. "Eigentlich gehört die Finanzwirtschaft wieder ins Wirtschaftsministerium", sagt der Chef des Parlamentskreises Mittelstand, Michael Fuchs (CDU). Da stimmt sogar die FDP-Opposition zu.

Friedrich Merz nimmt es mit der Gelassenheit des Polit-Frührentners. In den Bundestag will er 2009 nicht zurück. "Möglicherweise werden wir in eine längere Phase wirtschaftlicher Schwierigkeiten und politischer Kontroversen eintreten, die es in sich haben", schreibt er. "Die Party ist vorbei."

Diese Sätze, ist sein Verleger bemüht zu erklären, hätte Merz schon vor langer Zeit geschrieben. Vor der Finanzkrise.

Mitarbeit: Donata Riedel

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