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Migration Integrationsproblem Bildung: Viele Flüchtlingskinder haben keinen Kita-Platz

Viele Flüchtlinge sind auf ihrem Bildungsweg enorm motiviert. Doch sie stoßen auf viele Hürden - wie fehlende Sprachförderung. Dabei wäre das der Grundstein für ihre Integration.
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D ie gelingende Integration von Flüchtlingen fängt bei den Kleinsten an. Quelle: imago/epd
Fluechtlingskinder in Essen

Die gelingende Integration von Flüchtlingen fängt bei den Kleinsten an.

(Foto: imago/epd)

BerlinDie gelingende Integration von Flüchtlingen fängt bei den Kleinsten an. Sie werde „sicher zum Teil über die Kinder stattfinden, die in den Kindergärten schnell Deutsch lernen“, sagte Kanzlerin Angela Merkel einst. Doch diese Hoffnung hat sich im Jahr vier nach dem Höhepunkt der Flüchtlingsmigration nur zum Teil erfüllt. Denn obwohl sie dort sicher schneller Deutsch lernen würden, besucht ein Fünftel der vier- bis sechsjährigen Kinder aus Flüchtlingsfamilien keine Kita. In Sachsen ist es sogar ein Viertel. Im Schnitt besuchen in diesen Bundesländern 90 Prozent oder mehr Kinder eine Kita.

Das zeigt die Studie „Refugees in the German Educational System“ (Reges) im Auftrag des Bundesbildungsministeriums. Das Ministerium hat die Studie zwar publiziert, aber die Öffentlichkeit nie auf die Ergebnisse aufmerksam gemacht. Das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) der Universität Bamberg hat dafür in fünf Bundesländern 3920 Familien mit insgesamt 4820 Kindern ab vier Jahren befragt, die zum Großteil auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsmigration 2015 nach Deutschland kamen.

„Bedenkt man, wie wichtig Sprachkenntnisse für die Wissensvermittlung in der Schule sind, erscheint es erstaunlich, dass so wenige der Kinder, die kurz vor der Einschulung stehen, deutsche Sprachförderung erhalten“, kritisieren die Autoren. Denn lediglich ein Viertel der Vorschulkinder nahm an entsprechenden Fördermaßnahmen teil – darunter vor allem Kita-Kinder.

Dass ein erheblicher Teil der Flüchtlingskinder keine Kita besucht, liegt nicht nur daran, dass ihre Eltern keine Fremdbetreuung wollen. Das trifft nur auf ein Zehntel der Flüchtlingsfamilien zu. Zwei Drittel der Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen, gaben an, keinen Kita-Platz gefunden zu haben. Ein kleiner Teil weiß gar nichts von der Möglichkeit, die Kinder zeitweise in fremde Obhut zu geben.

Giffey fordert mehr Kita-Plätze

Auch bei jugendlichen Flüchtlingen ist gezielte Sprachförderung keine Selbstverständlichkeit. Von den schulpflichtigen 14- bis 16-Jährigen nimmt der Studie zufolge nur ein Drittel am speziellen Deutschunterricht für Flüchtlinge und Migranten teil. Das deckt sich etwa mit dem Anteil der Jugendlichen, die noch in einer speziellen „Zuwandererklasse“ unterrichtet werden.

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Dem stehen Schulen gegenüber, die Flüchtlingskinder von Beginn an in eine Regelklasse schicken, damit sie möglichst viel Deutsch hören und nicht ausschließlich mit anderen Ausländern zusammensitzen.

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) fordert, gerade bei jungen Flüchtlingen die Integrationsbemühungen zu verstärken: „Geflüchtete Kinder müssen so schnell wie möglich mit Gleichaltrigen zusammen die Kita oder Schule besuchen dürfen – unabhängig von Nationalität oder Aufenthaltsstatus“, sagte sie dem Handelsblatt.

Denn ein Kita-Platz sei „das A und O für das Erlernen der Sprache und für das Knüpfen von Freundschaften und Beziehungen – gerade dann, wenn Kinder aus einem anderen Land kommen“. Allerdings sei es in erster Linie Aufgabe der Länder und Kommunen, für ausreichend Kitaplätze und eine gute Ganztagsschulbetreuung zu sorgen, sagte Giffey. Das sei „nicht nur eine Frage von Bildungsgerechtigkeit, sondern auch von gelingender Integration“. Der Bund unterstützt den Kita-Ausbau finanziell.

Das Zwischenergebnis der Studie, die auf mehrere Jahre angelegt ist, findet sich bisher nur versteckt auf den Internetseiten des Leibniz-Instituts. Das Bildungsministerium, das die Forschung mit 11,5 Millionen Euro finanziert, will erst nach Abschluss der Studie Stellung nehmen, wie ein Sprecher von Ressortchefin Anja Karliczek (CDU) sagte. Das wäre frühestens im Jahr 2021 – wenn wertvolle Jahre für die Integration der jungen Flüchtlinge vergangen sind.

Auch aus dem von Horst Seehofer (CSU) geführten Integrationsministerium hieß es, eventuellen Handlungsbedarf könne man erst auf Basis einer „validen Datengrundlage“ beurteilen. Zudem fördere das Ministerium ja drei Elternverbände von Migranten und Kleinkindbetreuung in Integrationskursen für die Eltern.

In Sachsen, wo besonders wenige Flüchtlingskinder in Kitas betreut werden, betont das für Kitas zuständige Kultusministerium, es gebe auch für Flüchtlingskinder einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem ersten Geburtstag. Könne die Kommune den nicht anbieten, könnten die Eltern den Platz „einklagen“.

Die haben in der Regel jedoch selbst Probleme mit der deutschen Sprache und oft auch eine mangelhafte Schulbildung: Nach der LIfBi-Studie hat mehr als die Hälfte von ihnen in ihren Heimatländern maximal eine Grundschule besucht. Rund 15 Prozent geben selbst an, schlecht oder gar nicht lesen und schreiben zu können. Die Unterschiede sind allerdings groß: Während drei Viertel der syrischen Eltern ihre Lesekompetenz als „sehr gut“ bezeichnen, sind es bei den Afghanen nur 46 Prozent.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hessens Schulminister Alexander Lorz (CDU), räumt ein, dass die Integration der minderjährigen Flüchtlinge nach wie vor eine „große Herausforderung“ sei. Viele Schüler bräuchten auch nach dem Wechsel in eine Regelklasse Hilfe beim Deutschlernen. Angesichts der großen Zahl könnten die Schulen die Integration aber nicht allein meistern, sondern bräuchten mehr Hilfe von Sozialpädagogen und Schulpsychologen.

Alphabetisierung

15

Prozent

der befragten Flüchtlinge geben an, schlecht oder gar nicht lesen und schreiben zu können.

Der Wille ist da, die Motivation der Flüchtlinge enorm hoch: Ähnlich wie andere Migrantengruppen seien sie „extrem motiviert“, schreiben die Autoren. Angesichts der Bildungsvoraussetzungen seien sie aber oft zu idealistisch. So streben 86 Prozent der Eltern für ihre Kinder einen Schulabschluss an, mit dem diese studieren können. Von den Jugendlichen selbst halten das immerhin zwei Drittel für realistisch.

Gelingt es den jungen Flüchtlingen, diese Hürde zu meistern, wartet oft schon das nächste Problem. Denn ein Studium oder auch eine Berufsausbildung scheitern zuweilen schlicht aus finanziellen Gründen. Nach 15 Monaten erhalten Asylsuchende keine Leistungen mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern staatliche Grundsicherung. Beginnen die Flüchtlinge aber ein Studium oder eine Lehre, für die sie finanzielle Förderung beantragen können, erlischt dieser Anspruch.

Das Problem: Viele Flüchtlinge erfüllen nicht die notwendigen Voraussetzungen für Bafög oder Ausbildungsförderung, weil sie zum Beispiel noch nicht lange genug in Deutschland wohnen. Wollen sie nicht mittellos dastehen, bleibt oft nur der Abbruch der Ausbildung. Die betroffenen Asylsuchenden sind damit schlechtergestellt als jene, die gar keiner Tätigkeit nachgehen.

Rechtssicherheit für Geduldete

An diesem Montag beschäftigt sich der Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales mit zwei Anträgen der Grünen und der FDP, die die Regierung auffordern, diese „Förderlücke“ zu schließen. Ein Entwurf von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) befindet sich derzeit in der Ressortabstimmung.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fordert in ihrer Stellungnahme zur Ausschussanhörung nicht nur, die „Förderlücke“ zu schließen, sondern Ausbildungsförderung generell für junge Flüchtlinge zu öffnen – unabhängig von ihrer Bleibeperspektive.

Rechtssicherheit verlangt die Wirtschaft auch in Bezug auf geduldete Asylsuchende. Immer noch klagten viele Handwerker und Mittelständler darüber, dass gut integrierte Flüchtlinge, die einen Job oder Ausbildungsplatz gefunden haben, abgeschoben würden, sagte Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) dem Handelsblatt.

Per Erlass hat Stamp den Ausländerbehörden seines Landes Spielräume im geltenden Recht aufgezeigt, damit gut integrierte Geduldete schneller zu einem gesicherten Aufenthaltsstatus kommen. Besser wäre aber eine bundesweite Regelung, betont der Landesminister. Hier geht es allerdings nicht voran. Zwar hatte das Bundeskabinett schon im Dezember 2018 zusammen mit dem Fachkräftezuwanderungsgesetz einen Gesetzentwurf für eine sogenannte Ausbildungs- und Beschäftigungsduldung verabschiedet.

Sie sieht vor, dass Geduldete mit Job, die ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können, 30 Monate vor Abschiebung geschützt sind und danach die Chance auf eine dauerhafte Bleibeperspektive erhalten. Doch hat es das Gesetz noch nicht ins parlamentarische Verfahren geschafft, weil die Union es mit Seehofers Gesetz für erleichterte Abschiebungen verknüpfen will.

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2 Kommentare zu "Migration: Integrationsproblem Bildung: Viele Flüchtlingskinder haben keinen Kita-Platz"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Herr Banzel
    es stellt sich für mich so dar: Deutschland hat gegenüber allen, ob Migranten, Flüchtlingen, Menschen mit subsidiärem Schutz eine Bringschuld. Gefordert und erzwungen, z.B. durch Geldleistungsentzug, wird nichts. Alle junge muslimische Frauen die ich in meiner Stadt sehe schieben Kinderwagen und sind schwanger, nehmen sicher an keinem Deutschkurs teil. Wie sollen sie ihren Kindern helfen, ohne deutsche Sprache. Es wird keine Integration stattfinden, die bleiben unter sich und sind mit der staatlichen Alimentation zufrieden. Und zurück in ihre Länder bringt sie dieser Staat auch nicht, auch wenn die meisten gar kein Bleiberecht mehr haben. Presse und ÖR berichten darüber nicht, könnte ja die Willkommenskultur hinterfragen müssen. Wer kritisch über diesen Zustand spricht ist ein Nazi!

  • Ich kenne die aktuellen Zahlen der anerkannten bzw geduldeten Flüchtlinge von der Jobagentur des Rems Murr Kreises aus erster Hand. Von der Jobagentur wqerden alle Flüchtlinge, dort als "Kunden" bezeichnet, ab 15 Jahre betreut, die deshalb Ansprüche nach den SGB haben. Von diesen bei uns im Kreis registrierten 2900 Flüchtlingen haben bisher 1400 Flüchtlinge, knapp 50 % noch an keiner Maßnahme teilgenommen, obwohl Ihnen die Maßnahmen kostenlos angeboten werden wie z.B Integrationskurs mit 1.000 Unterrichtsstunden, BaMF Deutschkurs Level A1 mit 300 Unterrichtsstunden. Diese sehr große Gruppe entzieht sich jeder Maßnahme zur Integration aus unterschiedlichen Gründen und wird sich zwangsläufig in Parralelgesellschaften aufhalten.. Bei der anderen Gruppe zeichnet sich ab, dass die Deutschkursa für A1 Level und A2 Level häufig nicht bestanden werden bzw in vielen Fällen vorzeitig abgebrochen wird. Erst der darauf aufbauende Deutschkurs zum B1 Level schafft bei Bestehen die Voraussetzung für eine qualifizierte duale Ausbildung.
    Die meisten Maßnahmen scheitern oft schon an der Alphabetisierung als Voraussetzung, die ist sicher wesentlich geringer als in Ihrem Artikel angegeben.

    Die von Ihnen zitierte Große Motivation ist oft nicht gegeben, bzw. scheitert an dem konkreten Tun der Flüchtlinge. Es wird eine dramatische Situation schön geredet aus Zweckoptimismus. Die Folgen sind eine große Nachfrage nach Kita Plätzen, nach dem Motto, die öffentliche Hand wird es schon richten, aber das wird scheitern oder zumindets sehr sehr lange dauern, weil deren Eltern keinerlei Unterstützung Ihrer Kinder leisten können, weil Sie selbst dazu sehr wenig mitbringen bzw selbst leisten wollen.
    Diese dramatische Situation dauernd in der Presse schön zu reden ist auch eine Art framing, das der aktuellen Dramatik nicht gerecht wird.