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Milchmarkt in Aufruhr Kühe in Kurzarbeit

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Schon vor Beginn der Dämmerung zünden die ersten ihre Fackeln an. Es riecht nach Rauch und Paraffin. Ein Feuer wirft flackernde Schatten. Theo Zerbe, Landwirt aus Kamp-Lintford, Besitzer von 180 Milchkühen, steht am Rand der Demonstration. Er hält einen Zettel in der Hand, auf dem er die Produktionskosten eines Milchbauern aufgelistet hat: 40 Cent pro Liter. „Es brennt in Deutschland“, sagt Milchwirt Zerbe, „für uns gehen bald die Lichter aus.“ Nicht wegen zu viel Markt wie bei vielen Banken, sondern wegen zu wenig.

Die Energiekosten steigen, das Futter wird teurer – „und dann dieser Milchpreis! Da kann man jeden noch so geringen Lohnanspruch vergessen“, schimpft Zerbe. „Die kleinen- und mittelständischen Strukturen in der Landwirtschaft, die naturnah wirtschaftenden Bauern werden nicht überleben, wenn nix passiert. Wollen wir das?“

Kommt darauf an, wen man fragt.

Nein, sagt Zerbe, sagen all die anderen, die sich im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter verbündet haben. Der Verband vertritt die Interessen der kleineren Milchbetriebe. Die Mitglieder kritisieren Europas Milchpolitik als Ausbund des Neoliberalismus, fordern einen Garantiepreis von mindestens 40 Cent pro Liter und träumen von einer Art Milch-Opec, die die Produktion kontrolliert. Ein weißes Kartell.

Ja, sagen die Großbauern. Die sind meist im Deutschen Bauernverband organisiert. Eine Drosselung der Produktion würde ihnen schaden. Sie haben sich längst darauf eingestellt, Milch in Massen zu liefern, ähnlich wie ihre Konkurrenten in den Niederlanden oder in Dänemark, mit denen sie auf dem Weltmarkt konkurrieren.

Zwei Bauernverbände, zwei Meinungen, letztendlich der Kampf Groß gegen Klein. Die einen fürchten den Markt, die anderen sehnen ihn herbei.

Rinteln, am trockenen Milchsee. In der Ferne wellt sich das Weserbergland, restauriertes Fachwerk und Renaissance-Fassaden, Wälder und Felder verbreiten deutsche Gemütlichkeit. 6,4 Millionen Euro hat die EU allein das Milchpulver gekostet, das hier in der Halle lagert, die Josef Herbers heute inspiziert. Hinzu kommt die Miete für Lager, die Kosten für die regelmäßigen Kontrollen. Kein Wunder, wenn Ökonomen von solchen Eingriffen der EU nicht viel halten und schon allein die Trocknungskosten für das Pulver kritisieren. Würde die Milch in flüssiger Form an Kälber verfüttert, würde das Millionen sparen.

Die Milchquote sollte dem entgegenwirken: die Preise stabilisieren und den Irrsinn vermeiden, den Europa vor über 20 Jahren erlebte, als der Staat hohe Preise garantierte und die Bauern am Bedarf vorbeiproduzierten. In Europas Lagerhäusern türmten sich Mitte der 80er-Jahre 16 Millionen Tonnen Getreide, eine Million Tonnen Butter, 870000 Tonnen Rindfleisch, 520000 Tonnen Milchpulver, 97000 Tonnen Käse, 60000 Tonnen Olivenöl und 5000 Tonnen Schweinefleisch. Lagerkosten: 1,6 Milliarden Euro pro Jahr.

Immerhin: „Die Menge, die jetzt aufgekauft wird, ist mit den alten Butterbergen und Milchseen nicht zu vergleichen“, sagt Josef Herbers. „Aber wir kaufen schon mehr Trockenmilchpulver und Butter auf als zuletzt üblich.“ In den Molkereien gebe es nicht mehr genug Trockentürme, und auch Maschinen, um Butter vorschriftsmäßig zu verpacken, seien Mangelware, erzählt Herbers. Butter wird in 25-Kilogramm-Blöcken gelagert. Bei minus 20 Grad ist sie lange haltbar. Man kann sie wieder auftauen, in 250-Gramm-Stücke schneiden und verkaufen, auch nach Jahren noch.

Die Landwirte produzieren daher unverdrossen weiter, karren mehr Milch zu den Molkereien und füllen Lager wie das von Herbers. Die Bauern sehen keinen Ausweg. „Was sollen wir denn mit den Kühen machen?“ fragt einer, der in Moers demonstriert. „Sollen wir sie in Kurzarbeit schicken und Kurzarbeitergeld für Kühe fordern?“

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