Mittelstand Bundesregierung verneint Lücke bei der Unternehmensnachfolge

Bis 2022 stehen rund 150.000 Unternehmen zur Nachfolge an. Gelingen zu wenige Firmenübergaben, stehen mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze auf dem Spiel.
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„Ich verstehe das BMWI in allererster Linie als Mittelstandsministerium“, sagt der Wirtschaftsminister am 22. März im Bundestag. Quelle: dpa
Peter Altmaier

„Ich verstehe das BMWI in allererster Linie als Mittelstandsministerium“, sagt der Wirtschaftsminister am 22. März im Bundestag.

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DüsseldorfWirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hätte sich sicherlich einen einfacheren Start gewünscht. Doch in Zeiten von Strafzöllen oder Nicht-Strafzöllen verliefen seine ersten 100 Tage im Amt alles andere als sanft. Dennoch hat Altmaier Erwartungen geweckt, zum Beispiel am 22. März im deutschen Bundestag. „Ich verstehe das BMWI in allererster Linie als Mittelstandsministerium“, sagte er damals.

Nun hat die Mittelstandsbeauftragte der Grünen, Claudia Müller, gemeinsam mit ihren Parteikollegen Kerstin Andrae und Anja Hajduk und anderen die Antwort auf ihre kleine Anfrage zum Thema Unternehmensnachfolge von Altmaiers Bundeswirtschaftsministerium erhalten.

Darin heißt es, dass Arbeitsplätze und unternehmerisches Know-how nicht verloren gehen dürften, wenn der Staffelstab infolge des Generationswechsels in den Betrieben weitergereicht wird. „Die Erleichterung und Flankierung der Unternehmensnachfolge im Mittelstand ist deshalb ein zentrales Handlungsfeld der Mittelstandspolitik der Bundesregierung.“

Gleichwohl sieht das Bundeswirtschaftsministerium keine generelle Nachfolgelücke und stützt sich dabei auf die Schätzungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM Bonn). Regionale und branchenspezifische Engpässe dagegen seien nicht ausgeschlossen.

In einer Stellungnahme des IfM heißt es weiter, dass in ländlichen Regionen Familienunternehmen tendenziell größere Schwierigkeiten bei der Nachfolgersuche haben dürften als ihre Pendants in städtischen Räumen. Insbesondere im Handwerk sei es nicht auszuschließen, dass es Gewerke gebe, für die tatsächlich nicht mehr genügend potenzielle Übernehmer zur Verfügung stünden – trotz guter Zukunftsaussichten –, weil die entsprechenden Berufe sehr stark an Attraktivität verloren haben.

Allerdings, und das offenbaren die Antworten des Bundeswirtschaftsministeriums, fehlt es an belastbaren Daten. Denn die notwendigen Zahlen zu beschaffen ist schwierig. Das Thema Unternehmensnachfolge gilt als sehr komplex.

Laut Institut für Mittelstandsforschung stehen bis 2022 rund 150.000 Unternehmen vor der Betriebsübergabe, davon seien rund 2,4 Millionen Beschäftigte betroffen. Pro Jahr wären das rund 490.000, die meisten im Dienstleistungssektor, gefolgt vom produzierenden Gewerbe und dem Handel. Ehrlicherweise aber müsse man aufpassen, sagt Birgit Felden, Professorin für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen an der Hochschule der Wirtschaft Berlin (HWR). Auch diese Zahlen könnten sich dem Thema Unternehmensnachfolge nur annähern, weil es sich um Hochrechnungen unter anderem nach dem Alter der Unternehmer handle.

Mittelstandsexperten verweisen darauf, dass viele Unternehmer ihren Rücktritt auch sehr individuell gestalten, einleiten und abschließen. Mal dauert der Prozess einige Jahre, mal ist er nach wenigen Monaten abgeschlossen. Nicht jeder Unternehmer beendet seine Tätigkeit mit dem Erreichen des 65. Lebensjahres. Mal übernimmt ein Unternehmerkind, mal ein Mitarbeiter oder ein Fremdgeschäftsführer.

Unternehmen mit Gewinnen von mehr als 62.000 Euro werden vom IfM als übernahmewürdig erfasst. Aber diejenigen, die darunter liegen, eben nicht, kritisiert Müller von den Grünen.

Dennoch ist klar, dass die Zahlen potenzieller Unternehmensnachfolge groß sind. Müller von den Grünen ist daher auch die Dimension möglicher Nachfolgen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt bei einem Scheitern, wichtig. Sie stellt einen Vergleich mit dem Kohleausstieg an. Dadurch würden nur rund 8000 direkte Arbeitsplätze in Ostdeutschland und rund 10.000 in Gesamtdeutschland gefährdet. In der Antwort der Bundesregierung zeigt sich, dass laut IfM allein in den neuen Bundesländern hingegen bis 2022 durch Unternehmensnachfolge knapp 350.000 Beschäftigte betroffen seien.

Der gebürtige Rostockerin Müller, die bis Februar 2018 den Landesverband Mecklenburg-Vorpommern führte, liegen vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen am Herzen, die nach der Wende ihre Firmen gründeten und vor der Nachfolgefrage stünden. „Hier droht ein schmerzhafter Einschnitt in die Unternehmenslandschaft, weit über 30 mal mehr Arbeitsplätze als durch den Kohleausstieg wären betroffen.“

Tatsächlich ist die Unternehmensnachfolge eine Sollbruchstelle im Lebenszyklus eines Unternehmens. Hinzu kommt aber in den neuen Bundesländern, dass die Erfahrung von Familienunternehmen beim Thema Nachfolge fehlt. Dass es dort offenbar größere Wissenslücken zum gibt, zeigt die Auswertung des Nachfolg-o-mat des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen der HWR Berlin.

Insofern trifft die Forderung von Müller auch einen Nerv. In der Antwort der Bundesregierung wird dagegen darauf verwiesen, dass es keine besonderen Unterschiede zwischen den Unternehmensübergaben in Ost- und Westdeutschland gebe.

Um ihrer Forderung nach mehr Unterstützung für das Thema Unternehmensnachfolge Nachdruck zu verleihen stellt Müller einen weiteren Vergleich an. Mit dem Aufbau der Digitalzentren habe die Bundesregierung kleinen und mittleren Unternehmen kompetente und neutrale Ansprechpartner angeboten, sagte sie dem Handelsblatt. „Doch beim Thema Nachfolge, das mindestens ebenso wichtig ist, legt sie die Hände in den Schoß. Warum?", fragt sie.

Tatsächlich zählt die Antwort der Bundesregierung auf, dass es schon Programme und Informationen zum Thema Nachfolge gibt. Die offene Frage: Kommen diese Angebote auch bei den betroffenen Unternehmen an und weiß man überhaupt, was die Firmenübergeber und Übernehmer wirklich brauchen?

Felden von der HWR in Berlin, findet es wichtig, den gesamten Prozess der Übergabe im Auge zu behalten. Ähnlich wie bei Neugründungen seien auch nach einer Übergabe die ersten Jahre die risikoreichsten, in der viele Unternehmen scheitern. Doch „hierzu gibt es tatsächlich weder ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse geschweige denn eine systematische praktische Unterstützung“, sagt die Wissenschaftlerin. An dieser Stelle könnten öffentliche Mittel gut dazu beitragen, Unternehmen und damit Arbeitsplätze zu erhalten.

In seiner Rede am 22. März hatte Altmaier noch folgendes versprochen: „Wir wollen ein Serviceministerium für all die vielen Unternehmerinnen und Unternehmer sein, die manchmal eine Auskunft und Hilfe brauchen, wenn sie sich weltweit um Aufträge bemühen. Wir müssen jeden Einzelnen unterstützen und dürfen nicht nur schöne Reden halten.“

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