Müllentsorgung Zu wenig Deponien – Deutschland weiß nicht mehr wohin mit dem Abfall

Dank Baubooms produziert Deutschland inzwischen über 400 Millionen Tonnen Abfälle im Jahr. Doch die Zahl der Deponien schrumpft stetig.
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Die Planung einer neuen Deponie nimmt mindestens sieben Jahre in Anspruch. Quelle: dpa
Mülldeponie

Die Planung einer neuen Deponie nimmt mindestens sieben Jahre in Anspruch.

(Foto: dpa)

München Deutschland droht ein Mangel an Mülldeponien. In den kommenden Jahren werden nach Daten des Statistischen Bundesamts mehrere hundert Deponien das Ende ihrer Betriebsdauer erreichen. Die Auswirkungen treffen in Form steigender Kosten für die Entsorgung vor allem Häuslebauer und die Baubranche - Bauabfälle machen über die Hälfte des gesamten deutschen Mülls aus. Bau- und Recyclingbranche sind besorgt.

Die Zahlen zeigen, dass 2016 noch 1108 Deponien in Deutschland in Betrieb waren, fast 900 weniger als zehn Jahre zuvor. Und im Zeitraum von 2015 bis 2025 erreichen demnach noch einmal über 500 Deponien das Ende ihrer vorgesehenen Betriebsdauer. Zwar sind bei mehreren hundert Deponien auch Baumaßnahmen geplant, aber dennoch schrumpft die Zahl kontinuierlich.

„Wir haben das Problem eigentlich bundesweit, dass die Deponiekapazitäten knapp werden“, sagte Stefan Schmidmeyer der Deutschen Presse-Agentur. Der Fachmann für Baustoff-Recycling leitet den Fachverband Mineralik im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung. „Es werden eigentlich gar keine neuen Deponien mehr genehmigt.“

Und gleichzeitig steigt das Abfallaufkommen - 2016 waren es schon 411 Millionen Tonnen, 25 Millionen mehr als zu Beginn des Jahrzehnts. Hauptursache ist der Bauboom. Denn Bauabfälle machen mehr als die Hälfte des gesamten deutschen Abfalls aus: 2016 waren es 223 Millionen Tonnen, 23 Millionen Tonnen mehr als 2011. Die Folgen: Entsorgungstourismus und hohe Kosten.

Das Bundesumweltministerium teilt die Bedenken der Bauindustrie nicht, wie ein Sprecher erklärt. „Auf die gesamte Bundesrepublik bezogen ist ausreichend Deponieraum vorhanden.“

Ansonsten wäscht der Bund die Hände in Unschuld: Denn das Abfallrecht ist Ländersache. „Die Länder treffen bei der Deponieplanung ihre eigene Entscheidung“, heißt es in der Stellungnahme des Umweltministeriums. „Der Bund hat hier weder Aufsichtspflichten noch Weisungsrecht.“

Deponien sind in sogenannte Deponieklassen unterteilt. Nicht oder nur gering mit Schadstoffen belastete Bauabfälle werden auf Halden der Klassen 0 und 1 entsorgt. „In Bayern ist die Lage am dramatischsten“, sagt Andreas Pocha, Geschäftsführer des Deutschen Abbruchverbands in Köln. Im Süden des Freistaats gibt es in vielen Landkreisen überhaupt keine Bauschuttdeponien mehr.

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Jedes Jahr fallen in der Bundesrepublik 350 Millionen Tonnen Abfall an. 17,8 Millionen davon sind Verpackungsmüll, die Menge ist seit 1996 um mehr als 30 Prozent angewachsen. Rund 8,3 Millionen Tonnen, also fast die Hälfte, kommt aus Privathaushalten. Das macht 103 Kilogramm Verpackungsmüll im Haushalt pro Person und Jahr. Das meiste davon sind dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge Verpackungen von Getränken, Nahrungsmitteln und Tierfutter. „Kein Land in Europa produziert pro Einwohner und Jahr mehr Verpackungsabfälle als wir“, sagt Patrick Hasenkamp vom Verband kommunaler Unternehmen.

Was wird schon getan, um die Abfallmenge zu verringern?
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Seit Dezember 2013 gibt es ein „Abfallvermeidungsprogramm“ des Bundes und der Länder. Es besteht aus Empfehlungen und soll 2019 ausgewertet werden. Die Bundesregierung setzt hauptsächlich auf Freiwilligkeit. Etwa, wenn Unternehmen sich selbst verpflichten, Plastiktüten nicht mehr umsonst abzugeben, oder Kaffee in Mehrwegbechern verkauft wird, wie in Freiburg, Tübingen oder Berlin. Gerade läuft die „Europäische Woche der Abfallvermeidung“, an der viele Unternehmen und Kommunen teilnehmen. Schwerpunkt dieses Jahr: Verpackungsmüll.

Warum fällt trotzdem immer mehr Verpackungsmüll an?
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Ein Grund sei der demografische Wandel, sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Kleine Haushalte kauften kleine Portionen, Singles setzen oft auf Fertiggerichte. Außerdem zähle bei Verpackungen oft der Marketing-Wert statt nur die Funktionalität: „Sie sind oft unnötig, aufwendig und vor allem oft nicht recyclinggerecht.“

Sehen die Hersteller das genauso?
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Der Markenverband weist die Kritik als zu pauschal zurück. „Lediglich in kleinen Bereichen findet man sogenannte Schmuckpackungen“, sagt Hauptgeschäftsführer Christian Köhler. Verpackungen seien nicht nur für den Schutz wichtig, sondern trügen den Kundenbedürfnissen Rechnung wie Portionierbarkeit und Verschließbarkeit.

Reicht es, auf freiwillige Initiativen zu setzen?
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Die Umweltministerin sieht „ermutigende Signale“, dass Menschen und Unternehmen umdenken. Bei den Plastiktüten laufe es auch gut, es seien schon rund 350 Unternehmen dabei, darunter auch große Handelsketten. Hendricks verweist darauf, dass viele Dinge sich rechtlich nur auf EU-Ebene regeln ließen: „Alleingänge“ würden als Wettbewerbshemmnis betrachtet. Das Umweltbundesamt dagegen wünscht sich in manchen Bereichen schärfere rechtliche Vorgaben.

Was will das Umweltbundesamt konkret?
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Erstens sollen Geschäfte im Getränke-Sortiment immer auch Mehrwegflaschen anbieten – Discounter wie Lidl oder Aldi haben oft nur Einweg. Zweitens kritisiert das Bundesamt, dass die Gebühren, die Hersteller von Verpackungen für deren Entsorgung schon im Voraus bezahlen müssen, nicht mehr richtig wirken. „Verpackungen sind einfach zu billig.“ Die Behörde schlägt vor, das Lizenzentgelt von der Recycling-Fähigkeit der Verpackungen abhängig zu machen.

Was hält der Handel von der Mehrweg-Pflicht?
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Wenig. Es bedürfe keiner gesetzlichen Regelung, sagt Kai Falk, Geschäftsführer des Handelsverbands HDE. „Für beide Packungsarten gibt es ein gut etabliertes Pfand- und ein flächendeckendes Rücknahmesystem, die für eine hohe Rücklauf- und Recyclingquote sorgen.“ Eine gesetzliche Regelung würde Importeuren den Zugang zum deutschen Markt verstellen und die Vielfalt im deutschen Lebensmitteleinzelhandel einschränken, argumentiert der Verband.

„Jedes Jahr werden mehrere hunderttausend Tonnen nach Thüringen gefahren“, sagt Holger Seit von der Landesvereinigung Bauwirtschaft Bayern. Schutt aus Bayern geht demnach auch nach Baden-Württemberg, Österreich und Tschechien, aber genaue Zahlen dazu liegen nicht vor. „Inzwischen sind Wege von 30 bis 100 Kilometern fast schon die Regel“, sagt Seit.

Das bayerische Kabinett beschloss deswegen im März einen „Sechs-Punkte-Plan“. Dieser sieht unter anderem vor: „Schaffung von spezifischen Deponiekapazitäten, wo nötig“.

Für Häuslebauer in ganz Deutschland macht die Entsorgung von Bodenaushub und Bauschutt inzwischen eine fünfstellige Summe aus. Beim Bau eines Einfamilienhauses fallen nach Schätzungen in der Baubranche im Schnitt zwischen 900 und 1300 Tonnen Bodenaushub an, dessen Entsorgung in den teuren Ballungsräumen schon mal um die 30 000 Euro kosten kann.

Eigentlich müssten also dringend neue Deponien geplant werden - aber das ist ein sehr langwieriger Prozess. „Weil die Planung einer neuen Deponie mindestens sieben Jahre in Anspruch nimmt und bis zur Inbetriebnahme insgesamt neun bis zehn Jahre vergehen können, steuert Bayern auf einen Kollaps zu“, sagt Pocha.

„Gleichzeitig haben wir Landräte und Oberbürgermeister, die die Verwendung von Recycling-Baustoffen im Straßenbau und für den Straßenunterbau ablehnen“, sagt Pocha. „Dieselben Landräte und Oberbürgermeister wehren sich dann, wenn in ihrem Amtsbereich eine neue Deponie geplant wird, weil so etwas dann auch wieder niemand „vor der Tür“ haben will.“

  • dpa
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