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Nach der Europawahl Die Grünen schwanken zwischen Zweifel und Zuversicht

Bei der Europawahl konnten die Grünen ein triumphales Ergebnis einfahren. Nun muss die Partei aber liefern – und weiß das auch.
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In der Wählergunst stehen die Grünen derzeit so gut da wie nie zuvor. Quelle: dpa
Grünen-Chefs Annalena Baerbock (l.), Robert Habeck (r.)

In der Wählergunst stehen die Grünen derzeit so gut da wie nie zuvor.

(Foto: dpa)

BerlinSie sind fröhlich, aber sie wollen es auch nicht übertreiben. „Viel Spaß beim Feiern! Morgen wird wieder gearbeitet!“, ruft Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter seinen Gästen zu. Die Bundestagsfraktion feiert ihr Sommerfest in einer ehemaligen Schulturnhalle in Berlin-Friedrichshain.

Gerade hat es kräftig gewittert. Im Saal drängen sich die Menschen. Es rückt zusammen, was Rang und Namen in Berlin hat: Der Bundesgesundheitsminister, CDU-Mann Jens Spahn, schaut vorbei, ebenso seine Parteikollegin Julia Klöckner, Agrarministerin. Hier ist es greifbar, das seit Monaten gestiegene Interesse an den Grünen. Viele Gäste, heißt es, haben sich erst nach dem für die Grünen triumphalen Ergebnis von 20,5 Prozent bei der Europawahl angemeldet.

Aber der denkmalgeschützte Saal ist groß genug. Alle sind willkommen. Die Laune ist verständlich gut bei den Grünen, man genießt den Moment. Nun, nicht ganz, es schleichen sich erste Zweifel ins Gemüt: „Die Erwartungen an uns sind hoch“, sagt Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. „Wir werden versuchen, alles Gute daraus zu machen.“

Wer sich in diesen Tagen umhört in Partei und Fraktion, der erlebt ebenso zuversichtliche und selbstbewusste wie zurückhaltende Grüne. War es in den vergangenen Monaten schon gut gelaufen für die ehemalige Protestpartei, war die Europawahl ein Durchbruch.

Nicht nur, dass die Grünen bei einer bundesweiten Wahl erstmals in ihrer Geschichte mehr als 20 Prozent verbuchen konnten. Sie zogen auch an der SPD vorbei und landeten nach der Union auf dem zweiten Platz. Ihr bislang bestes Ergebnis bei einer bundesweiten Wahl waren 12,1 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 reichte es gerade mal für 8,9 Prozent.

Neue Voraussetzungen

Jetzt ist alles anders. Ihr stärkstes Kompetenzfeld, der Klimaschutz, ist in den Mittelpunkt gerückt, angetrieben von Jugendlichen, die seit Wochen jeden Freitag gegen die Erderwärmung auf die Straße gehen. Den Regierungsparteien trauen die Wähler, vor allem die jungen, bei dem Thema nur wenig zu.

Und doch wissen die Grünen, dass sich die Zustimmungswerte auch ganz schnell wieder drehen können. So kommt es, dass in ihrem Vokabular vor allem ein Wort ganz besonders häufig zu vernehmen ist: Demut. Der Grünen-Star Robert Habeck bringt es auf den Punkt. Das Ergebnis „hat unsere Erwartungen übertroffen und macht uns demütig“, sagte der Parteichef am Tag nach der Europawahl. Auch er spricht von Verantwortung, einem großen Vertrauensvorschuss und „einer immensen Aufgabe für uns, da wir strukturell, personell und finanziell schwächer ausgestattet sind als andere Parteien“.

Das in der Tat beschäftigt alle in der Partei. Die Erwartungen seien so hoch wie an eine Volkspartei, aber dahinter stehe ein Apparat, der auf eine 8,9-Prozent-Fraktion ausgelegt sei, heißt es. Doch genauso, wie die SPD überlegen müsse, ob das Willy-Brandt-Haus mit den vielen Mitarbeitern angesichts der mageren Wahlergebnisse nicht überdimensioniert sei, müssten sich die Grünen fragen, ob ihre Kapazitäten ausreichen.

Es wird die Devise ausgegeben: geschlossen agieren, inhaltlich arbeiten und sich nicht in Debatten hineinziehen lassen, die entweder die Zukunft der Großen Koalition betreffen oder gar die eigene. Natürlich seien sie auf Wahlen vorbereitet, heißt es stets. Doch sind sie ein weiteres Mal bereit für Jamaika, könnte Habeck der künftige Kanzler Deutschlands sein? Oder vielleicht besser Annalena Baerbock, die die Partei seit Ende Januar 2018 zusammen mit Habeck führt? Kein Wort dazu.

„Auch wenn man es uns nicht glaubt: Wir wünschen uns wirklich eine Regierung, die die Klimakrise anpackt!“, ruft Hofreiter in die Menge. Aber, schiebt er hinter, wenn der Regierung „die Kraft fehlt, dann wünschen wir uns, dass die Bevölkerung bald ein Wort dazu zu sagen hat“.

Gleichschritt und Arbeitsteilung

So ähnlich hatte zuvor schon Parteichefin Baerbock gesprochen. Hier war es also wieder, das Signal, dass die Grünen über Partei und Fraktion im Gleichschritt unterwegs sind und sich nicht wie früher auseinanderdividieren lassen. Tonangebend sind indes Habeck und Baerbock. Wobei Baerbock eher im Maschinenraum steht, wie in der Partei gerne erzählt wird, und Habeck die große Linie vorgibt.

Die beiden verlassen sich aufeinander, teilen ein Büro und einen Mitarbeiterstab in der Bundesgeschäftsstelle nahe dem Hauptbahnhof. Ohnehin sind sie ständig unterwegs. Doch auch dann herrscht Ordnung: Tagt der Bundestag, wird morgens um halb neun telefoniert, zusammen mit den Fraktions-, Büro- und Pressechefs. Tagt er nicht, ist der Termin morgens um neun.

Machtbewusst sind beide. Baerbock jedoch ist ein Mensch mit einem eher großen Kontrollbedürfnis, heißt es. Auch darum steige sie so tief in die Materie ein und bremse Habeck gelegentlich, wenn es dem studierten Philosophen nicht schnell genug gehen kann, eine Botschaft zu verkünden. Eines ist aber klar: Diese Arbeitsteilung funktioniert bislang.

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