Nach der Saarland-Wahl Der Pirat in uns

Die wahre Sensation im Saarland ist, dass eine Partei ohne Ziele und ohne Köpfe in den Landtag zieht: Die Piratenpartei entert die Politik. Das ist möglich, weil sie eine Sehsucht bedient: die nach dem mündigen Bürger.
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Das Geheimnis der Piraten: Ihr „Kapitän“ erklärt

Wir verabscheuen Politik dafür, dass sie uns die immergleichen, verlogenen Schauspiele liefert: Heute Morgen zum Beispiel nach der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt in Frankfurt, bei der sich ein Sozialdemokrat gegen einen CDU-Kandidaten durchsetzen konnte. Die CDU sagte darauf, dass sei alles andere als ein Trend, der Rückschlüsse auf den Ausgang der Landtagswahl in Hessen zulasse. Die SPD sagte, dies sei garantiert jener Trend, der auch für die nächste bedeutendere Wahl gelten werde. Beide Aussagen waren geraten. Jedes Mal war die Hoffnung Vater des Gedankens. Beide hätten sie sich auf die Diskussion gar nicht einlassen sollen.

Wir lieben Politik dafür, dass sie manchmal unberechenbar ist. Zum Beispiel als am Wochenende nach stundenlangem quälenden Prozess endlich mit Joachim Paul ein bis heute völlig unbekannter Medienpädagoge zum Spitzenkandidaten der Piratenpartei im größten deutschen Bundesland gewählt wurde. Paul, der alle Chancen hat, in den nordrhein-westfälischen Landtag einzuziehen, sagt Sätze wie diesen: „Die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind systemrelevant.“ Mit Leuten wie Paul und seinen Getreuen könnte uns die Politik vielleicht wieder mehr Spaß machen. Steckt in uns ein Pirat?

Nur wenn wir bereit sind, zu sagen: Die Schwäche der anderen, die sich in einem sich selbst huldigenden Politikbetrieb verloren haben, ist nicht das einzige Argument, das die Piraten stärkt. Die Medienjournalist Klaus Raab hat versucht die DNA der Piratenpartei zu erforschen und dabei Parallelen zur Gründung der Grünen gefunden: Beide haben sie die parteipolitische Landschaft neu vermessen. Die Grünen haben das Nachdenken darüber vorangetrieben, wie wir mit unserer Umwelt umgehen.

Die Piraten befördern das Nachdenken darüber, wie wir uns in einer Welt bewegen, die durch Internet, Handy und soziale Netz eine Revolution in der Kommunikation erlebt. Während die Grünen eher konservativ für den Erhalt der Umwelt kämpfen, bewegen sich die Piraten nach vorn und befeuern die Kommunikationsrevolution schon allein dadurch, dass sie alle Mittel, die diese Revolution hervorbringt , intensiv einsetzen: Parteitage gleichen eher einem  Hackertreffen als einer Zusammenkunft von politischen Würdenträgern. Figuren wie der Internet-Raubkopierer Kim Dotcom dürften hier offenere Ohren finden als ein Greenpeace-Chef.

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34 Kommentare zu "Nach der Saarland-Wahl: Der Pirat in uns"

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  • PR-strategisch ziemlich daneben: Man merkt die Hintermänner und ist verstimmt.

  • Schön von klugen Systemtheoretikern abgekupfert, aber ohne Substanz. Ein Netzwerk ist immer so intelligent wie seine Verknüpfungspunkte, und bisher erkenn ich da wenig mehr als Selbstüberheblichkeit, fachliche Inkompetenz und eine Riesenklappe. Nix leisten, alles fordern - sehr überzeugend.

  • Den Wunsch nach längst gewährter Freiheit erkenn ich wohl, allein es fehlt mir die Vernunft.

  • @kleinefee:
    Bitte unterstellen Sie den Kommentatoren keine "Geilheit", bevor wir ein Bild von Ihnen gesehen haben! Ansonsten benutzen Sie sachlichere Ausdrücke und vor allem Argumente. Ihr letzter Satz sollte Sie selbst anregen.

  • @kleinefee:
    Warum: "Gähn, mein lieber geostratege"
    Ich fühle mich nicht angesprochen wegen meines überaus sachlichen Kommentars und ich denke, Sie haben den auch gar nicht gelesen, denn sonst würden Sie ja auch auf die von mir aufgezeigten Fakten eingehen. Meines Erachtens vermeiden Sie aus durchsichtigen Gründen eine sachliche Auseinandersetzung und glauben, mit polemischen Ausführungen einen unhaltbaren Standpunkt vorübergehend haltbar zu machen. Nehmen Sie doch mal dezidiert Stellung z.B. zur angeschnittenen Frage der Verhältnismäßigkeit. Für ein und dieselbe Nutzung per Download 34x mehr bezahlen zu sollen, sagt doch alles. Sowas ist in meinen Augen legaler Betrug, als Schachspieler stelle ich fest: Wissen ist Macht! Ich habe ja nichts dagegen, wenn es genügend dumme Leute gibt, die bei Amazon anstatt bei LegalS kaufen, am Ende setzt sich die grosse Klasse einer Idee immer durch, sonst wären verschiedene Kleinpreisanbieter nicht die reichsten Menschen der Welt geworden.

  • Demokratie ist nicht gleich Anzahl. Ich empfehle die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. "... jeder Mensch .. " bedeutet individuelles Menschenrecht.
    Das lasst Ihr einfach mal auf der Strecke. Z. B. durch Enteignung.
    Ihr wollt mit Zwang das Individuum in ein System sperren. Der Schlüssel ist Eure Auffassung eines "Urheberrechts" mit radikal verkürzten Schutzfristen.
    Alle sozialen und demokratischen Forderungen lassen sich auch one Enteignung realisieren. Doch das ist ja nicht geil genug.
    Ihr seid einfach genauso machtgeil, wie alle anderen.
    Denkt mal über Eure eigenen Fehler nach.

  • Gähn, mein lieber geostratege. Was glaubst Du, wie oft ich das schon gelesen habe. Natürlich gibt es noch ein Urheberrecht bei Euch- aber das ist ein reine Farce, wenn man die Schutzfristen radikal verkürzt.
    Fakt ist: Ihr verweigert den Künstlern und Entwicklern das Recht auf Eigentum.
    Das Recht auf Vererbung und erzwingt so eine radikal egalitäre Gesellschafts- und Wirtschaftsform. Das war schon immer die beste Basis für System, die dann eben genau das Gegenteil sein werden. Geschichtsbewusstsein und Kenntnis der menschlichen Grundverhaltensweisen sind anscheinend zu viel verlangt.

    Das Urheberrecht und die FAZ? Die Verhältnismäßigkeit ist gewahrt, wenn man Musik bzw. Videos einer Band auf deren Bandsite oder im ÖR hören/sehen kann. Ende der Diskussion.

    Was die Musik angeht ist die Sachlage doch klar und eindeutig. Ihr Piraten (nomen est omen) wollt Künstler enteignen. Und nein, ich bin alles andere als ein FDP-Mitglied.

    Du hast auf der einen Seite die Major-Musik-Konzerne aufs Korn genommen, aber vertrau mir, Du hast einen Fehler in Deiner Argumentation. Wer verkauft in den USA die Musik zu Dumpingpreisen, die vor allem kleinen Bands das Leben mit und für Musik unmöglich machen? Dieser Preis ist der Ausverkauf der Kulturlandschaft Deutschlands. Du bist nicht im geringsten daran interessiert, Kultur zu fördern und zu leben. Du bejubelst alternative Ausbeuter der Künstler und Monopolisten wie amazon. Ich versteh das, denn nach seriösen Studien aus Südkorea, wissen wir ja schon, das die Nutzung des Mediums Computer insbesondere durch Usebility und die Socialnetworks die Gehirnstruktur und das Denken nachhaltig verändern.
    Ja, ihr seid damit unheimlich schnell. Aber die Fähigkeit der Reflexion nimmt dramatisch ab.
    Aber was red ich: Ich halte die Piraten und das aggressiver digitale Fußvolk nicht für Demokraten und zudem für absolut kurzsichtig.

  • @Novaris:
    Ihrem Kommentar kann ich nur beipflichten. Übrigens, Thema Freiheit und Ihr Zitat wg. Währung:
    Zitat aus einem Artikel von James Turk : "Stabiles Geld bedeutete, dass die Wirtschaft allen eine faire Grundlage bieten konnte und nicht zugunsten von Bankern oder staatlichen Interessen verzerrt wurde. Um diesem wichtigen Punkt noch mehr Gewicht zu verleihen, ein Zitat von Ludwig von Mises: "Die Bedeutung des Begriffes "wertstabiles Geld“ lässt sich gar nicht erfassen, wenn man sich nicht darüber im Klaren ist, dass es als Instrument zum Schutz der bürgerlichen Rechte gegen despotische Angriffe seitens der Staatsgewalt konzipiert wurde.

    Ideologisch betrachtet, gehört es somit in eine Kategorie mit politischen Konstitutionen und Bürgerrechtserklärungen.“ Ähnlich äußerte sich auch Howard Buffett, Vater der Wall-Street-Legende Warren Buffett: “In einem freien Land steht die Geldeinheit auf einem festen Fundament aus Gold oder aus Gold und Silber, unabhängig von den herrschenden Politikern.” Kurz: Gold und die Freiheit des Menschen sind untrennbar miteinander verbunden." Ende Artikelzitat

  • @geostratege
    Meine Hochachtung für diesen erstklassigen und informativen Kommentar.
    Ihre leider zu wenigen Kommentare lese ich am liebsten, weil durchdacht. Schreiben Sie mehr.

  • @kleine Fee
    Ich verweise zu diesem Text ganz bescheiden auf meinen etwas weiter obenstehenden Kommentar!

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