Nach Festnahme von Terrorverdächtigen Verfassungsschutz besorgt wegen neuen IS-Strategien

Die Polizei hat drei Syrer in Flüchtlingsunterkünften in Schleswig-Holstein festgenommen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen sie wegen Terrorverdachts. Die Gefahr ist aber nicht gebannt, sagt Innenminister Jäger.
Update: 14.09.2016 - 12:38 Uhr

Kamen die festgenommenen Syrer im Auftrag des IS nach Deutschland?

Karlsruhe/Berlin/KölnVerfassungsschützer sehen neue Strategien der Islamisten-Szene und der Terrormiliz IS mit Sorge. Komplexe Anschlagsvorhaben würden durch gut ausgerüstete und in mehreren mobilen Zellen agierende Attentäter durchgeführt, erklärte das Bundesamt für Verfassungsschutz. „Verschiedene Tätergruppen wie Schläferzellen, Rückkehrer und als Flüchtlinge eingeschleuste Dschihadisten agieren zusammen.“ In Europa träten verstärkt auch Einzeltäter auf, die Anschläge mit einfachen Tatmitteln begingen. Und seit einiger Zeit sei zu beobachten, dass es bei Einzeltätern eine „Beratung“ oder Steuerung durch den IS gebe.

„Sorge bereitet uns ein neuer Tätertypus, bei dem es sich nur scheinbar um Einzeltäter handelt“, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. „Diese Attentäter werden virtuell aus dem Ausland über Instant Messaging ferngesteuert. Ein derartiges Szenario ist eine besondere Herausforderung für die Sicherheitsbehörden - ebenso wie die Aufdeckung von Schläferzellen.“ Zwölf von 15 Anschlägen der vergangenen zwei Jahre in Europa wurden nach Angaben des Verfassungsschutzes von Einzeltätern verübt. Seit einiger Zeit sei jedoch zu beobachten, dass bei Einzeltätern eine Beratung oder Steuerung durch den IS oder der Miliz nahestehende Personen stattfinden könne. So soll etwa der Attentäter von Ansbach im Juli Anleitung über einen Handy-Chat bekommen haben.

Islamisten nutzen das Internet den Angaben zufolge als eine zentrale Plattform für Radikalisierung, für die Rekrutierung von Kämpfern, die Kommunikation und Steuerung von Dschihadisten sowie zur Planung und Vermarktung von Anschlägen. Facebook, WhatsApp und Telegram spielten als Kommunikationsinfrastruktur eine ausschlaggebende Rolle für die islamistische Szene in Deutschland, heißt es vom Verfassungsschutz. In den sozialen Medien existierten Netzwerke, die gezielt sowohl nach Ausreisewilligen als auch potenziellen Attentätern suchten.

Vom Feuerwehrmann zum geistigen Brandstifter
Sven Lau
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Der Salafistenprediger Sven Lau wurde am 15. Dezember 2015 in Mönchengladbach verhaftet. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Er soll die syrische Terror-Organisation Jamwa („Armee der Auswanderer und Helfer“) unterstützt haben und muss sich dafür am Dienstag vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht verantworten.

Lau bei einer Kundgebung
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Der Ex-Feuerwehrmann aus Mönchengladbach ist eher ein Mann der leisen, emotionalen Töne. In der Szene ist er dafür zeitweise als „Weichei“ verspottet worden. Wohl zu Unrecht: Der Verfassungsschutz attestiert dem 35-Jährigen eine Radikalisierung. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, Terroristen unterstützt zu haben.

Pierre Vogel
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Der Prediger und Ex-Profiboxer (38) aus dem Rheinland ist ein enger Weggefährte Sven Laus. In jüngster Zeit distanziert er sich ausdrücklich von der Terrormiliz Islamischen Staat (IS) und soll dafür sogar Morddrohungen erhalten haben. Kuriosum am Rande: Sein Vater ist Hells-Angels-Rocker.

Ibrahim Abou-Nagie
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Der Salafist wurde 2012 bundesweit als Initiator der umstrittenen Koranverteilungsaktion „Lies!“ bekannt. Er soll mehrfach Juden und Christen beschimpft haben. Das Amtsgericht Köln verurteilte ihn wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Bewährungsstrafe. Nagie hatte zu Unrecht 54.000 Euro Sozialleistungen kassiert.

Denis Cuspert alias „Deso Dogg“
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Der 40-jährige Ex-Gangster-Rapper aus Berlin hat sich vor einigen Jahren in den Nahen Osten abgesetzt. Er wird als IS-Terrorist gesucht und steht auf der Terrorliste der Vereinten Nationen. Schon mehrfach wurde sein Tod kolportiert.

Bernhard Falk
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Der 49-Jährige hat als Linksterrorist der Antiimperialistischen Zellen fast 13 Jahre hinter Gittern gesessen und ist zum Islam konvertiert. Falk bewundert die Taliban und distanziert sich vom Islamischen Staat. Er betreut bundesweit islamistische Gefangene – aber nur die, die schweigen und nicht mit den staatlichen Ermittlern kooperieren.

Metin Kaplan alias „Kalif von Köln“
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Als Anführer einer fundamentalistischen Bewegung war Kaplan 1992 in Deutschland Asyl gewährt worden. Als er 1996 zur Ermordung eines Gegenkalifen aufrief und der Mann in Berlin erschossen wurde, begannen Ermittlungen gegen den inzwischen 63-Jährigen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verurteilte Kaplan im Jahr 2000 zu vier Jahren Haft. 2004 wurde er in die Türkei abgeschoben, wo er wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und im Gefängnis sitzt. Er soll geplant haben, die Türkei in einen islamistischen Staat zu verwandeln.

„Islamistische Terroristen setzen auf das Internet und die sozialen Medien als Werkzeug hybrider Kriegsführung“, sagte Maaßen. Die mediale Marketingstrategie des IS inspiriere nicht nur Nachfolgetäter, die 15 Minuten Ruhm suchten. „Neu sind Aufrufe in sozialen Netzwerken zu Anschlägen, bei denen der Attentäter selbst unversehrt und unerkannt bleibt.“

Derweil sitzen zwei der drei am Dienstagmorgen wegen Terrorverdachts festgenommenen Syrer sind in Untersuchungshaft. Der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs (BGH) hat die U-Haft eines 26-Jährigen und eines 18-Jährigen nach der Anhörung in Karlsruhe angeordnet, teilte die Bundesanwaltschaft am Mittwoch mit. Beide Männer äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Ein 17-Jähriger wird noch angehört. Bei ihm muss der BGH-Ermittlungsrichter noch im Laufe des Tages entscheiden, ob der Haftbefehl aufrechterhalten bleibt.

Die Bundesanwaltschaft wirft den drei Männern vor, im Auftrag der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) nach Deutschland gekommen zu sein, „um entweder einen bereits erhaltenen Auftrag auszuführen oder sich für weitere Instruktionen bereitzuhalten“. Konkrete Aufträge gab es wohl nicht. Die drei haben nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) einen Bezug zu den Attentaten in Paris im November 2015.

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