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Nachgefragt mit Acatech-Chef Dieter Spath Dieter Spath zu Mint-Bildung: „Schule darf Digitalisierung nicht verzögern“

Der Acatech-Präsident fordert eine bessere Mint-Bildung in Schulen. Er plädiert zudem für eine Einbindung von Flüchtlingen und Einwanderern.
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Aktuell fehlen in Deutschland 311.000 Mint-Fachkräfte. Quelle: dpa
Roboter-Forschung

Aktuell fehlen in Deutschland 311.000 Mint-Fachkräfte.

(Foto: dpa)

BerlinDer Arbeitswissenschaftler von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) Dieter Spath wirbt für eine breit angelegte Mint-Föderung – auch von schwachen Schulabgängern. Mint dürfe kein elitäres Thema sein.

Herr Spath, diesen Donnerstag ist wieder Mint-Gipfel. Warum sind fehlenden Informatiker, Ingenieure, Elektriker und Mechatronikerinnen so zentral für die deutsche Wirtschaft?
Weil unser gesamter Wohlstand sehr stark von Technologie abhängt und wir die Fachkräfte brauchen, die sie entwickeln und anwenden. Wir brauchen daneben aber auch in der Breite Menschen, die damit umgehen können. Und leider sind die Daten besorgniserregend: Aktuell fehlen 311.000 Mint-Fachkräfte.

Aber in Kindergärten, Schulen und Altenheimen fehlt auch massenhaft Personal – ist das fürs BIP weniger kriegsentscheidend?
Beides ist wichtig, aber gerade die technischen Felder spielen für Innovation eine große Rolle und sichern so nachhaltig unseren Wohlstand. Dennoch müssen wir natürlich auch für die Bildungsberufe werben. Die demografische Lücke verschärft das Problem, denn bis 2025 fehlen uns rund zehn Millionen Erwerbstätige. Wir müssen also über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nachdenken, mehr Frauen in den Beruf holen und mehr Zuwanderung organisieren. Doch selbst all das zusammen wird die Lücke nur um ein Viertel bis ein Drittel schließen können.

Das neue Fachkräftezuwanderungsgesetz erleichtert den Zuzug - auch von Nicht-Akademikern. Wird nun alles gut?
Das ist ein lange überfälliger, außerordentlich wichtiger Beitrag, denn es gibt im Ausland gut ausgebildete Mint-Fachkräfte, die hier arbeiten möchten. Schon jetzt wäre die Mint-Lücke um 200.000 größer, wenn wir keine Migranten hätten.

Das Nationale Mint-Forum, in dem sich Wirtschaft, Wissenschaft und Stiftungen zusammengeschlossen haben, müht sich schon seit 2012, mehr Nachwuchs in diese Felder zu locken. Bisher mit mäßigem Erfolg...
Wir sind stolz darauf, dass wir das Mint-Thema permanent verfolgen, die Lage kontinuierlich analysieren und alle Akteure an einem Strang ziehen. Aber in der Bildung so umzusteuern, wie es nötig wäre, heißt ein dickes Brett zu bohren – gleichwohl ist es nötiger denn je.

Was tun?
Es ist wie ein roter Faden: Um die Mint-Bildung vom Kindergarten über die Schule bis zur Ausbildung zu forcieren müssen wir massiv in die Lehreraus- und -weiterbildung investieren. Zudem müssen wir dem Nachwuchs viel deutlicher machen, dass es nicht nur darum geht, dass jemand programmieren lernt. Dass Mint nicht nur für ihre Berufe sondern für ihr gesamtes Leben entscheidend ist – etwa damit sie mit den sozialen Medien reflektiert umgehen und Technologien souverän nutzen und mitgestalten können.

Was müssen Kultusminister tun?
Natürlich müssen die Mint-Fächer mehr Raum bekommen. Vor allem in der Grundschule brauchen wir einen massiven Niveausprung in der Mathematik: Fast ein Viertel der Schülerinnen und Schüler unterschreitet am Ende der vierten Klassen die Mindestanforderungen. Ein wichtiger Hebel ist außerdem die Verknüpfung von Schule und außerschulischen Mint-Initiativen – zum Beispiel der Wirtschaft. Wir brauchen aber nicht das 35. Projekt, sondern müssen erfolgreiche Aktionen breit ausrollen. So wie das bayerische Projekt „Lehrer in die Wirtschaft“ zum Beispiel, in dem Lehrerinnen und Lehrer die Unternehmenswirklichkeit von innen kennen lernen und ihre Erfahrungen mit in den Schulalltag zurückbringen können.

Was kann der Digitalpakt leisten?
Der Digitalpakt ist ein wichtiger Schritt, um Schulen überhaupt erst einmal mit der notwendigen Infrastruktur auszustatten. Hier dürfen wir aber nicht stehenbleiben: Die Pädagogik muss mitziehen. Wir schlagen als acatech vor, den Digitalpakt durch ein bundesweites Lehrkräfte-Bildungsprogramm zu flankieren: So könnten sie neue Methoden der Unterrichtsgestaltung und Schulentwicklung und Methoden des modernen „agilen Arbeitens“ kennenlernen, die in ihrer Ausbildung bisher keine Rolle spielen. Und wenn unsere Lehrer nicht lernen, digitale Medien souverän einzusetzen, scheitert die gesamte digitale Transformation der Schulen. Und Schule darf keine Institution sein, die die Digitalisierung verzögert!

Sie selbst sind einer unserer Top-Arbeitswissenschaftler: Programmieren galt ganz am Anfang mal als Frauenberuf, der Kinofilm „hidden figures“ zeigt, dass schwarze Mathematikerinnen zentral am ersten Mondflug der Nasa beteiligt waren. Wie ist das verloren gegangen?
Als ich noch Student war, in den 70er- und 80er-Jahren, bot Programmieren tatsächlich jungen Müttern eine Möglichkeit zur Heimarbeit. Heute geht das nur im Team. Unsere Studien zeigen, dass die Weichen für das Interesse der Frauen sehr früh falsch gestellt werden. Wichtig wären viel mehr Lehrerinnen in den Mint-Fächern, die Mädchen ein Vorbild bieten.

Mancher kritisiert Männerbünde in der Mint-Welt: Dass Ingenieure oder Mechatroniker ganz froh sind, wenn sie unter sich bleiben.
Das ist Unsinn! Ich selbst hatte den ersten weiblichen Oberingenieur in einem produktionstechnischen Institut in Deutschland. Mein Institut hat vier mal den „Total E-Quality“-Preis gewonnen. Bei Acatech haben wir eine Frau im Vorstand und die Quote im Präsidium erhöht. Als CEO der Wittenstein AG habe ich eine Frau in den Vorstand geholt. Viele junge Frauen interessieren sich für Mint, sind aber oft in einem Teufelskreis motivationshemmender Faktoren gefangen. Zu oft bekommen sie beispielsweise in ihrem Umfeld zu hören, dass Mint nichts für sie sei. Hier müssen wir ansetzen. Wir können so viel Potential nicht brach liegen lassen. Wir erfahren täglich, dass gemischte Teams besonders innovativ sind.

Von der Mint-Fachkräftelücke sind zwei Drittel beruflich Qualifizierte, also Nicht-Akademiker. Können wir nicht mehr von den hunderttausenden jungen Flüchtlingen ausbilden?
2018 haben sich immerhin 38.000 junge Geflüchtete um eine Mint-Lehre beworben – 12.000 mehr als im Vorjahr. Da ist sicher noch mehr möglich. Ich plädiere jedenfalls nachdrücklich dafür, dieses Potenzial so weit wie möglich zu nutzen.

Acatech fordert auch die „Nachqualifizierung“ von schwächeren Schulabgängern für Mint-Berufe...
In der Tat entlassen wir viel zu viele junge Menschen ohne Berufsabschluss ins Wirtschaftsleben. Aktuell gilt das für mehr als zwei Millionen zwischen 20 und 34 Jahren – das ist jeder siebte. Das ist Verschwendung – auch wenn sie vielleicht Defizite mitbringen. Um ihnen zu helfen, brauchen wir Nachhilfe und Sozialarbeiter in der Berufsausbildung. Mint klingt nach Informatik und Mechatronik – aber es darf kein elitäres Thema sein. Wir können auf keinen verzichten. Kleine Länder wie Finnland oder Israel haben das schon lange begriffen und sich weniger selektive Bildungssysteme zugelegt, die alle besser fördern. Konkret müssen wir auch die vielen Schulabgänger bedenken, die heute im sogenannten Übergangssystem sitzen – 2018 sind hier erneut 270.000 eingemündet. Jeder junge Mensch hat die Chance verdient, ein selbstbestimmtes und gutes Leben zu führen. Gute Bildung ist mehr denn je der Schlüssel dafür.

Mehr: Jeder vierte Viertklässler hat Defizite in Mathematik. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften fordert daher eine Frühförderung – bereits ab der Kita.

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