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Nachhaltiger Konsum Bundesverbraucherministerium nimmt Retouren-Boom im Online-Handel ins Visier

Internetkäufer schicken jede sechste Bestellung zurück – in der Regel gebührenfrei. Das ist nicht nur teuer, sondern belastet auch das Klima. Das ruft die Bundesregierung auf den Plan.
30.11.2020 Update: 30.11.2020 - 13:16 Uhr Kommentieren
Laut einer Studie liegen die Gesamtkosten des Onlinehandels für Retouren bei geschätzten 5,46 Milliarden Euro pro Jahr. Quelle: dpa
DHL-Paketlaster

Laut einer Studie liegen die Gesamtkosten des Onlinehandels für Retouren bei geschätzten 5,46 Milliarden Euro pro Jahr.

(Foto: dpa)

Berlin Die Verbraucher in Deutschland bestellen immer mehr im Internet. Einen zusätzlichen Schub bekam der Einkauf im Netz mit der Coronakrise. „Mit ein paar Klicks bequem von zu Hause bestellen und Waren ohne großen Aufwand kostenlos zurückschicken gehört für viele mehr denn je zum Konsumalltag“, sagte Christian Kastrop, Staatssekretär im Bundesverbraucherministerium, dem Handelsblatt.

Tatsächlich bestellt laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom unter mehr als 1100 Internetnutzern jeder dritte Onlineshopper seit Ausbruch der Pandemie mehr im Netz. Mehr als vier Fünftel der Befragten gehen davon aus, dies nach der Krise beizubehalten. Laut Bitkom kaufen inzwischen 57 Millionen Deutsche online.

Die Umsätze ziehen denn auch deutlich an, wie eine im Juli veröffentlichte Marktstudie des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) zeigt. Danach stiegen die E-Commerce-Umsätze nach einem schwachen ersten Quartal von April bis Juni im Vergleich zum Vorjahr um satte 16,5 Prozent auf über 20 Milliarden Euro.

Die Entwicklung zieht indes auch negative Effekte nach sich, die jetzt die Bundesregiering auf den Plan rufen. „Gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeitsaspekte birgt dieses Konsumverhalten Schattenseiten, denen wir uns stellen müssen, wenn man etwa an den Retourenboom, das dadurch gesteigerte Verkehrsaufkommen und die Vernichtung von Neuware denkt“, sagte Staatssekretär Kastrop.

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    Kastrop trifft hier einen wunden Punkt. Denn ein nicht unerheblicher Anteil der im Internet bestellten Waren landet wieder bei den Händlern, weil die Hose nicht passt oder das Weihnachtsgeschenk nicht gefällt.

    Schon 2018 wurden nach einer Studie der Universität Bamberg um den Wissenschaftler Björn Asdecker 280 Millionen Pakete zurückgeschickt, in denen etwa 490 Millionen Artikel enthalten waren. Durch das auch Corona-bedingte starke Wachstum im E-Commerce könne man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Anzahl der Retourenpakete im laufenden Jahr die 300-Millionen-Grenze überschritten habe.

    Regierungsberater für verpflichtende Rücksendegebühr

    Rücksendungen verursachen nicht nur ökomische Kosten. Laut den Bamberger Forschern liegen die Gesamtkosten der Branche für Retouren bei geschätzten 5,46 Milliarden Euro pro Jahr. Auch die Belastungen für Umwelt und das Klima sind enorm. Denn die Rücksendungen führen notwendigerweise zu einem erhöhten Transportaufkommen. Die Forscher haben herausgefunden, dass allein die Rücksendung von im Onlinehandel bestellten Waren 238.000 Tonnen CO2-Äquivalente produziert.

    Um das Problem in den Griff zu bekommen, hat der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen im Bundesverbraucherministerium verschiedene Vorschläge erarbeitet. Zu den „Lösungsansätzen für eine nachhaltige Entwicklung des Onlinehandels“ zählt etwa eine „Kostentragungspflicht“ für die Verbraucher bei Retouren von mangelfreien Produkten. Das geht aus einem Policy-Brief des Beratungsgremiums hervor, der am Montag an das Ministerium übergeben wird. Das 52-seitige Papier liegt dem Handelsblatt vor.

    Ihren Gebührenvorschlag begründen die Experten damit, dass viele Unternehmen aus Wettbewerbsgründen von Rücksendegebühren absähen. „Dieses Problem wäre gelöst, wenn von Gesetzes wegen die Kunden zur Tragung der Rücksendegebühren verpflichtet wären“, heißt es in dem Papier. Eine solche Kostenregelung beseitige zwar nicht den Wettbewerb zugunsten des Verbrauchers, „aber den zulasten der Nachhaltigkeit“.

    Als Beleg führen die Autoren des Policy-Briefs die Studie der Bamberger Forscher an. Die Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass schon eine Gebühr von drei Euro je Retoure die Zahl der Rücksendungen um 16 Prozent senken könnte. Bei 490 Millionen zurückgeschickten Artikeln im Jahr 2018 entspräche das etwa 80 Millionen Retouren weniger. Das würde dem Klima fast 40.000 Tonnen CO2 ersparen, sagt Studienleiter Asdecker.

    Handel strikt gegen Rücksendegebühr

    Zudem könnten die Preise sinken, denn der Handel kalkuliert die Kosten der Rücksendungen natürlich mit ein – Kunden, die weniger zurückschicken, könnten also sparen. Mit Retourengebühr würde der „E-Commerce grüner und gerechter“, erklären die Wirtschaftswissenschaftler in ihrer Studie.

    Der Handelsverband Deutschland (HDE) lehnt die Einführung einer Rücksendegebühr ab. „Den Unternehmen jetzt gesetzlich vorzuschreiben, Rücksendungen nur noch kostenpflichtig anzubieten, würde in den Wettbewerb eingreifen und die Bemühungen um Innovationen bremsen“, sagte die HDE-Geschäftsführerin für Nachhaltigkeit, Antje Gerstein, dem Handelsblatt. „Zudem ist es angesichts der EU-Vorgaben zum Widerrufsrecht und zu den Kostentragungspflichten fraglich, ob ein nationaler Alleingang bei der Regelung zum Widerrufsrecht überhaupt sinnvoll und machbar ist.“
    Gerstein gab zu bedenken, dass die Verbraucherrechte-Richtlinie den Händlern die Möglichkeit einräume, kostenlose Retouren zu ermöglichen. „Statt die Voraussetzungen für die Ausübung des Widerrufsrechts zu reglementieren, sollten auf europäischer Ebene besser die Möglichkeiten des Missbrauchs des Widerrufsrechts eingeschränkt werden“, mahnte die HDE-Expertin. „Damit könnte die Zahl der Retouren sinnvoll und effizient reduziert werden.“ Im Übrigen liege es im Interesse des Handels, die Zahl der Retouren aus ökologischer und ökonomischer Sicht so klein wie möglich zu halten, betonte Gerstein. „Dabei arbeiten die Handelsunternehmen beispielsweise mit Systemen Künstlicher Intelligenz, um den Kundenwunsch so passgenau wie möglich erfüllen zu können.“

    Dass die Einführung einer Mindestgebühr ein harter Eingriff in den Markt wäre, sehen auch die Regierungsberater. „Grundsätzlich sind solche Regelungen der Marktwirtschaft fremd“, heißt es in dem Policy-Brief der Regierungsberater. Eine solche Kostenverlagerung stünde zudem im Gegensatz zu der bislang dominierenden Position der Verbraucherverbände in Deutschland und in Europa für eine kostenlose Rücksendung.

    Der politische Kompromiss mündete schließlich in die Einführung einer Informationsverpflichtung, um die Kosten auf den Verbraucher abwälzen zu können. Das heißt: Die Onlineshops dürfen die Rücksendekosten nach einem Widerruf unabhängig vom Warenwert den Käuferinnen und Käufern aufbürden, wenn sie vor dem Einkauf über die mit einer Rücksendung verbundenen Kosten informiert haben. Die Praxis ist aber oft eine andere. Viele Händler haben aus Gründen der Kundenbindung schon immer einen kostenlosen Retourenaufkleber beigelegt oder zum Ausdrucken bereitgestellt und tun dies immer noch.

    Plädoyer für Lieferkettengesetz

    An der Retourenproblematik ändert das so freilich wenig. Der federführende Autor des Policy-Briefs, Hans-Wolfgang Micklitz, setzt auf die Kraft der Überzeugung. „Notwendig und erforderlich ist eine breite und offene gesellschaftspolitische Diskussion, aus der eine wachsende Veränderungsbereitschaft aller Akteure resultiert“, sagte Micklitz dem Handelsblatt. Um die „ambitionierten“ Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zu erreichen, sei mehr notwendig als ein bloßes „Greenwashing“ des bisherigen Verbraucherrechts.

    Die Regierungsberater befürworten etwa verpflichtende Regelungen zur Überwachung von Menschenrechts- und Umweltstandards entlang der Lieferkette. Mit der Einführung eines solchen Lieferkettengesetzes läge die Verantwortung für einen nachhaltigen Konsum nicht länger allein bei den Verbrauchern und ihrer Kaufentscheidung. „Unterstützenswert ist eine Regelung auf europäischer Ebene, damit für alle europäischen Unternehmen gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen“, heißt es in dem Policy-Brief.

    Jedoch räumen die Experten ein, dass eine solche europäische Lösung aufgrund der Vielzahl der Beteiligten und widerstreitender Interessen in „absehbarer Zeit nicht realistisch“ sei. Sie halten es daher für „geboten, dass Deutschland so schnell wie möglich eine nationale Regelung erlässt“.

    Mehr: Einzelhandel im Corona-Lockdown: Warum jetzt Hamsterkäufe drohen könnten

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