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Neue Vorsitzende Das erste SPD-Kandidatenduo ist schon raus – So lief der Auftakt der Regionalkonferenzen

Viel Einigkeit und wenige klare Streitpunkte – so präsentieren sich die Kandidaten für den SPD-Vorsitz zum Start ihrer Deutschlandtour. Gleich am Anfang gab es aber eine Überraschung.
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So lief der erste Auftritt der Kandidaten für den SPD-Vorsitz

Saarbrücken Die Pärchen sitzen auf weißen Barhockern in einem Halbkreis auf der Bühne. Sie werden von Scheinwerfern angestrahlt, lächeln ins Publikum. Ein Mikro wird herumgereicht und sie bekommen Applaus im vollbesetzten Saal. Dies ist die Castingshow für die Suche nach den nächsten Parteivorsitzenden der SPD.

Acht Kandidatenduos und ein Einzelbewerber für die Chefposten der Sozialdemokraten stellen sich in Saarbrücken in der Congresshalle auf der ersten Regionalkonferenz der Basis vor. Damit testet die SPD ein neues Auswahlprozedere. Dieser soll nicht in Hinterzimmern vergeben, sondern durch die Mitglieder gewählt werden.

Deshalb stellen sich die Kandidaten Christina Kampmann und Michael Roth, Hilde Mattheis und Dierk Hirschel, Saskie Esken und Norbert Walter-Borjans, Petra Köpping und Boris Pistorius, Nina Scheer und Karl Lauterbach, Klara Geywitz und Olaf Scholz, Simone Lange und Alexander Ahrens sowie Gesine Schwan und Ralf Stegner und der Einzelkandidat Karl-Heinz Brunner am Mittwochabend erstmals vor.

Obwohl gerade die Parteipromis anfangs zögerlich waren, ist bis zum Bewerbungsschluss noch eine Gruppe aus Bewerbern entstanden, die an diesem Abend interessante Diskussionen liefern könnte – so zumindest die Hoffnung der SPD-Mitglieder in Saarbrücken.

„Ich möchte einen persönlichen Eindruck bekommen und schauen, wie die Kandidaten reagieren, wenn sie kritische Fragen gestellt bekommen und dann diskutieren müssen“, sagt Eva Kirchdörfer, Parteimitglied seit 22 Jahren. SPD-Mitglied Nils Claasen hofft auf einen „Schlagabtausch trotz kurzer Redezeit“.

In der ersten Vorstellungsrunde ist davon wenig zu sehen. Jedes Team kommt einzeln auf die Bühne und hat fünf Minuten Zeit um zu erklären, warum es für den Parteivorsitz kandidiert und wofür es steht. Dabei zählt die Stoppuhr gnadenlos herunter und zwingt die Politiker, auf den Punkt zu kommen. Um trotzdem einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, haben sich die Teams verschiedene Taktiken überlegt.

Esken und Walter-Borjans stellen sich gegenseitig vor und grasen danach im Wechsel alle möglichen Themen mit wenigen Sätzen ab. Scholz und Geywitz halten es ähnlich. Lauterbach schnappt sich das Mikro und redet drei Minuten lang, bevor er mit einem Blick auf die Uhr nach drei Minuten das Mikro doch noch an seine Partnerin Scheer übergibt. Lange und Ahrens überraschen das Publikum, denn sie geben auf der Bühne direkt ihren Rückzug aus dem Rennen bekannt. Stattdessen wollen sie Walter-Borjans und Esken unterstützen.

Die Teams wirken gut vorbereitet, ernten viel Applaus und halten sich an die Zeitangaben. Nur zwei Duos – Lauterbach und Scheer sowie Walter-Borjans und Esken – sprechen sich klar gegen die Groko aus, alle anderen umschiffen das Thema und sprechen lieber möglichst viele andere Ideen an. Mehr als Schlagworte finden in den fünf Minuten Redezeit allerdings kaum Platz.

Kritische Fragen von der Basis

Dafür soll die nächste Runde herhalten. Jeweils die Hälfte der Bewerber sitzt auf der Bühne und bekommt Fragen vom Moderator gestellt. Die Antwortzeit beträgt eine Minute. Die erste Runde besteht aus Walter-Borjans und Esken, Köpping und Pistorius, Scheer und Lauterbach sowie Brunner. Die Kandidaten äußern sich zu Mietenbremse, Grundrente, Mindestlohn, Renten und Gewerkschaften. Eine Diskussion entbrennt nicht. Die Kandidaten gehen aufeinander ein, versuchen aber eher ihre eigenen Standpunkte noch einmal zu erläutern, als sich einen Schlagabtausch zu liefern.

Die zweite Runde besteht aus Scholz und Geywitz, Mattheis und Hirschel, Schwan und Stegner sowie Kampmann und Roth. Hier wird erstmals wirklich diskutiert. Scholz spricht sich für einen Spitzensteuersatz und eine Vermögenssteuer aus. Mattheis ist da klar anderer Meinung.

Roth verlangt einen niedrigeren Steuersatz für Hygieneartikel von Frauen. Hirschel nutzt die Gelegenheit und greift als erster und einziger Kandidat einen Mitbewerber an: „Warum halten wir an der schwarzen Null fest? Da liegen 100 Euro-Scheine auf der Straße, die müsste Scholz einfach nur aufheben.“ Die Uhr ist abgelaufen und Scholz darf nicht direkt darauf antworten. Ein anderer Kandidat ist dran, so sind die Regeln.

Als gegen Ende der Veranstaltung die Basis zum Zug kommt, werden die kritischsten Fragen gestellt. „Ich bin begeistert, wenn sich Männer für Frauenthemen einsetzen. Aber Michael, dann beantworte mir doch mal, warum du im Bundestag nicht für den Vorschlag den Linken zur Abschaffung von Paragraph 219a gestimmt hast“, eröffnet ein Zuschauer die Fragerunde und richtet sich an Roth. „Weil bei uns in der Fraktion Solidarität gilt, da darf man niemanden alleine lassen“, gibt Roth zurück. Man merkt, die Mitglieder nutzen ihre Chance. Nicht umsonst ist der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Viele Zuschauer verfolgen die Veranstaltung stehend.

Eine Zuschauerin hebt die Hand, worüber sich alle Beteiligten immer besonders zu freuen scheinen. Nicht nur die männlichen Kandidaten betonen gerne, eine starke Partnerin an ihrer Seite zu haben. Auch der Moderator fordert mehrmals explizit die Damen auf, sich zu beteiligen. „Herr Lauterbach, was mir an Ihren Thesen nicht gefällt, ist dass sie das Gesundheitssystem immer kritisieren. Wollen Sie damit einfach nur die Unzufriedenen hinter sich sammeln?“ Lauterbach verneint die Frage, bleibt allerdings bei seiner These „Ein System, in welchem das Einkommen darüber entscheidet, wie gut der Zugang zur gesundheitlichen Versorgung ist, ist ungerecht.“

Auch Scholz muss sich kritischen Fragen stellen. „Olaf, wie kann man jemandem mit Glaubwürdigkeit erklären, dass man in Zukunft für soziale Gerechtigkeit eintreten will, wenn man uns in einer maßgeblichen Position in dieses Tal geführt hat“, wütet ein Mitglied. Scholz lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Ich habe als Arbeitsminister dafür gesorgt, dass es ein Kurzarbeitergeld gab und als Bürgermeister für den Sozialen Wohnungsbau. Ich finde, ich bin ein echter Sozialdemokrat“, erklärt er lächelnd.

Insgesamt ist das Feedback der Mitglieder nach der ersten Show positiv. „Ich fand es erstaunlich konstruktiv“, erzählt ein Zuschauer und ergänzt „Natürlich bin ich total erschlagen von den ganzen Redebeiträgen, aber ich hätte es mir chaotischer vorgestellt.“

Der Auftakt in Saarbrücken ist wirkte tatsächlich sehr eingespielt. Alle Politiker hielten sich an die festgelegte Redezeit, waren inhaltlich vorbereitet und redeten auf den Punkt. Ein Aspekt, der die Veranstaltung kurzweilig erscheinen ließ. Doch Streitthemen wie die GroKo blieben so gut wie außen vor und die Duos waren sich oftmals einig.

In den nächsten sechs Wochen folgen noch 22 weitere Regionalkonferenzen. „Das wird schon eine Menge Arbeit“, so Walter-Borjans. Aber Scholz ist sich sicher: „Wenn die Demokraten in den USA monatelang durchs Land reisen um ihre Präsidentschaftskandidaten zu präsentieren, dann können wir das auch ein paar Wochen machen.“

Mehr: Die Oberbürgermeister aus Flensburg und Bautzen treten nicht mehr als Kandidaten für den SPD-Vorsitz an. Stattdessen unterstützen sie eine andere Doppelspitze.

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