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Neuer Gesundheitsminister So schlug sich Jens Spahn bei seinem ersten Auftritt in einem Saal voller Pflegekräfte

Der erste Auftritt des neuen Gesundheitsministers beim deutschen Pflegetag ist kein Heimspiel. Doch Spahn überzeugt auf emotionaler Ebene.
15 Kommentare
Jens Spahn: Sein Auftritt beim Deutschen Pflegetag Quelle: dpa
Jens Spahn

Spahn zählt bei seiner ersten Rede als Gesundheitsminister die Erfolge auf, die die letzte Große Koalition in der Pflege schon erreicht hat.

(Foto: dpa)

Berlin Gleich am ersten Tag im Amt muss Jens Spahn dahin, wo es wehtut. Er weiß, dass er beim Deutschen Pflegetag nicht einfach mit einer Rede punkten kann. Zu drängend sind die Probleme der in Berlin versammelten Pflegekräfte: zu wenig Personal, zu viele Überstunden, kaum planbare Schichten, keine Zeit für die Hilfsbedürftigen, Pflege gegen die Uhr.

Und der Münsterländer Spahn, zwölf Jahre im Bundestag für Gesundheitsthemen zuständig, bevor er als Staatssekretär ins Finanzressort wechselte, soll es nun richten. Soll all das umsetzen, was Union und SPD im Koalitionsvertrag zu Gunsten der Pflegebedürftigen und der Pflegenden versprochen haben.

Mehr Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen, eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte, eine Reform der Ausbildung.

Er habe noch nicht einmal gesprochen, da habe sich auf Twitter schon jemand beschwert, dass er zu spät sei, sagt Spahn, als er in der „Station“, einem alten Postbahnhof im Zentrum Berlins, die Bühne betritt. Dabei habe er doch im Gesundheitsministerium nur noch schnell seinen Vorgänger Hermann Gröhe verabschieden müssen. 

Der musste im vierten Kabinett von Angela Merkel Platz machen für die konservative Nachwuchshoffnung der Union, die jetzt hier ihre erste Bewährungsprobe zu bestehen hat.

„Wer mich kennt, der weiß, dass ich ganz gerne diskutiere“, sagt Spahn, „manchmal auch kontrovers.“ Aber bevor man ihn beschimpfe, solle man doch erst mal unterstellen, dass er das Gute wolle. Eine Koalition für die „kleinen Leute“, haben Union und SPD versprochen. Und Spahn signalisiert, dass er sich auch in deren Welt gut auskennt – und nicht nur in der Berliner Regierungsblase.

Er wisse, dass es sehr hart werden könne „am Bett, zu Hause“. Etwa wenn die Familie lange auf das spezielle Pflegebett warten müsse. Und dass auch professionelle Pflege nie konfliktfrei ablaufe, dass es schöne Momente gebe, aber auch viel Frust: „Da prallt das pralle Leben aufeinander“, ruft der Minister den versammelten Pflegekräften zu, die genau wissen, wovon er redet. 

Spahn zählt die Erfolge auf, die die letzte Große Koalition in der Pflege schon erreicht hat: mehr Geld, die Zahl der Betreuungskräfte wurde verdoppelt, die Zahl der Ausbildungsplätze sei um 30 Prozent auf 68.000 erhöht worden. Doch er weiß auch, dass all das nicht reicht, um die Situation der Beschäftigten spürbar zu verbessern. Deshalb gelte es nun darum, nach vorne zu schauen.

Doch was im Koalitionsvertrag zur Pflege steht, ist nicht viel mehr als ein Hoffnungswert. 8000 zusätzliche Stellen sind versprochen. Doch das entspricht nicht mal einer Stelle pro Einrichtung. Außerdem sind kaum noch Nachwuchskräfte zu finden.

Das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung hat in einer Umfrage ermittelt, dass schon heute knapp 17.000 Stellen offen sind. Mehr als 80 Prozent der befragten Einrichtungen gaben an, wegen der Personalengpässe schon Pflegebedürftige abgewiesen zu haben. 

Wie lässt sich der Pflegeberuf wieder attraktiver gestalten, wie die Belastung der Pflegekräfte reduzieren? Das sind die Fragen, auf die hier Antworten von Spahn erwartet werden. Der widersteht der Versuchung, als Newcomer erstmal das Blaue vom Himmel zu versprechen.

Feste Personalschlüssel in den Einrichtungen etwa seien „ein Thema, wo Sie schnell Applaus abholen können“, sagt der Minister. Doch ganz so einfach sei das eben nicht. Er wolle schon, dass es in der betriebswirtschaftlichen Verantwortung der Träger bleibe, mit den Mitteln vernünftig umzugehen.

Außerdem sei es ja ein Unterschied, ob man über eine Mindestbesetzung oder eine Idealbesetzung in Kliniken und Altenheimen rede. Und was „ideal“ bedeute, da gingen die Meinungen mit dem deutschen Pflegerat, der die Interessen der Pflegekräfte vertritt, sicher auseinander. Der Rat erwartet erst dann eine Entspannung der Situation, wenn in Krankenhäusern und Pflegeheimen jeweils 50.000 neue Stellen geschaffen werden. Zusätzliches Personal müsse aber nicht nur gefunden, sondern auch refinanziert werden.

Eigentlich sei genug Geld im System, betont der neue Minister, es müsse nur an der richtigen Stelle ausgegeben werden. So gebe es die Tendenz, die Pflege dort vernünftig auszustatten, wo die größten Umsätze erzielt werden, also etwa in den Operationssälen.

Der Pflegerat und  die Pflegekassen erwarten vom Minister, dass er auch strukturelle Probleme anpackt: „Wir haben zu viele Krankenhäuser, und das weiß auch jeder“, sagt etwa Martin Litsch, Vorstandschef des AOK-Bundeverbands. Wenn man die Bettenzahl reduziere ohne gleichzeitig Pflegepersonal abzubauen, wären viele Probleme gelöst. „Da kann ein jungdynamischer Minister mal zeigen, dass er einen Zwischensprint einlegen kann“, sagt Litsch. Das wäre sinnvoller, als jetzt symbolisch 8000 neue Stellen zu versprechen.

Der Angesprochene müht sich derweil noch, Sympathiepunkte bei den Pflegekräften zu sammeln. Der erste starke Applaus brandet auf, als Spahn sich für die Etablierung von Pflegekammern aufbricht. Diese sollen den Pflegekräften eine stärkere Stimme geben und mit dafür sorgen, dass die Pflege auch mit am Tisch sitzt, wenn über sie verhandelt wird.

Das größte As behält der Gesundheitsminister aber bis ganz zum Schluss im Ärmel: Vor versammelter Mannschaft verkündet Spahn, dass Andreas Westerfellhaus die Nachfolge von Karl-Josef Laumann als Pflegebeauftragter der Bundesregierung antreten soll. Da ist kein Halten mehr im Saal.

Westerfellhaus, wie Spahn aus Nordrhein-Westfalen, ist selbst gelernter Krankenpfleger, leitet seit dem Jahr 2000 die Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen und war auch langjähriger Vorsitzender des Deutschen Pflegerats. Ein ausgewiesener Experte also, von dem sich die Pflegekräfte eine echt Verbesserung ihrer Situation erhoffen.

„Wenn dass hier Ihre Unterstützung findet“, dann werde er Westerfellhaus dem Kabinett als neuen Pflegebeauftragten vorschlagen, ruft Spahn den Zuhörern zu. Sie danken es ihm mit Standing Ovations. Der neue Gesundheitsminister hatte kein Heimspiel am ersten Tag im Amt. Aber er weiß, wie man einen Saal rockt.   

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15 Kommentare zu "Neuer Gesundheitsminister: So schlug sich Jens Spahn bei seinem ersten Auftritt in einem Saal voller Pflegekräfte"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Helmut Metz

    Danke für Ihre ausführlichen Schilderungen über die Krankenversorgung in Hongkong!

    Berlin ist mir allerdings näher. Wie sah es dort mit den Städtischen Krankenhäusern aus? Etwa das Virchow-Krankenhaus, das 19,1 Millionen Reichsmark bei der Fertigstellung 1906 gekostet hat. Das werden nicht die "Barmherzigen Brüder" gezahlt haben! Und der Betrieb? Ich weiß nicht, ob Ihnen die Dimensionen Berliner Krankenhäuser bekannt sind: Beim Virchow entstanden auf einer Fläche von 270.000 qm 57 Einzelbauten mit 2.000 Betten. 700 Angestellte, Ärzte, Pfleger und Dienstkräfte, konnten hier auch wohnen. Und es war zu dem Zeitpunkt nur eines vor insgesamt vier Städtischen Krankenhäusern in Berlin!

    Deshalb erlauben Sie mir bitte die kühne Feststellung: Bis zu dem Krankenhaus-Kostendämpfungsgesetz von 1982 und seinen fast zahllosen Nachfolgegesetzen war die Krankenversorgung in Deutschland zu wesentlichen Teilen Staatsaufgabe.
    Mit Profit wirtschaften zu müssen, passt nicht zur Idee einer Krankenversorgung, denken Sie nur mal an die Versorgung auf dem Lande!

    Wenn das Geld durch Lotterie o.ä. reinkommt - gut. Und Hongkong hat da vielleicht mehr Möglichkeiten als die BRD. (Oder ist cleverer.)

  • @ Enrico Caruso

    Selbstverständlich ist Krankenversorgung KEINE Staatsaufgabe. Das war sie auch nicht zur Zeit von Florence Nightingale, der Begründerin der modernen Krankenpflege.
    In Deutschland übernahmen lange Zeit insbesondere Ordenschwestern (und -brüder: die "Barmherzigen Brüder" z. B.) FREIWILLIG die Krankenpflege - OHNE Staat!!
    Wie läuft es in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, der Hongkong SAR (mit selbstverständlich auch hervorragend ausgebildeten Ärzten und Pflegepersonal), OHNE Sozialstaat??
    "Was geschieht also mit der Gruppe der Erfolglosen, Behinderten, alleinstehenden Alten? Haushaltsüberschüsse der SAR Administration ermöglichten es, ein anhaltendes Sozialprogramm zu entwerfen, das sich dieser Schicht annahm. Aber die Regierung war entschlossen, keine sozialstaatlichen Strukturen aufzubauen. Dafür hatte man ein besseres Konzept: Die staatliche Lotterie und die Pferderennen des Kong Kong Jockey Club. Diese sind die einzigen offiziellen Institutionen für erlaubte Wetten der von Spielleidenschaft besessenen chinesischen Gesellschaft.
    Ein Teil der Einnahmen decken nahezu sämtliche Kosten der Wohltätigkeitsprogramme, Kranken- und Waisenhäuser, Altenstifte (...)
    Die meisten der hochmodernen Kliniken, Fakultäten der Universitäten, Heime für Behinderte usw. tragen die Namen der prominentesten Finanziers, Industriellen, Banken und anderen privaten Organisationen." (Thomas Bovet: Der staats-lose Bürger, Grevenbroich: Juwelen-Verlag, 2015, S. 91f.)

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

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