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Neuer Report der Barmer Millionen Menschen werden täglich zu Hause gepflegt – weit mehr als in Heimen

Der größte Pflegedienst in Deutschland sind Angehörige. 2,5 Millionen Menschen kümmern sich nach dem Pflegereport der Barmer nahezu täglich um Verwandte.
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Barmer-Report: Pflegende Angehörige arbeiten oft am Limit Quelle: dpa
Pflege

Eine Pflegerin hält die Hand einer Bewohnerin im Seniorenzentrum Sankt Elisabeth. Mehr als 780.000 Menschen werden in Pflegeinrichtungen gepflegt, 2,5 Millionen zu Hause.

(Foto: dpa)

BerlinDie Ausgaben der gesetzlichen Pflegeversicherung sind seit 2010 von 20 auf 35,5 Milliarden Euro gestiegen. Die Zahl der Leistungsempfänger wuchs im gleichen Zeitraum um mehr als eine Million auf 3,3 Millionen. Die meisten dieser neuen Pflegefälle werden zu Hause betreut.

So kümmern sich rund 2,5 Millionen Menschen um ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Das geht aus dem aktuellen Pflegereport der Barmer hervor, der am heutigen Donnerstag in Berlin vorgestellt wird. Dagegen stieg die Zahl der Menschen, die in einem Pflegeheim leben, seit 2010 nur um 69.000 auf 780.000. Sie sind für die Pflegekassen besonders teuer. „Allerhöchste Zeit, eine Lanze für die pflegenden Angehörigen zu brechen“, sagt Christoph Straub, Vorstandschef der Barmer. Der Pflegereport widmet sich daher vor allem diesem Thema.

„Die Angehörigen sind immer noch der größte Pflegedienst in Deutschland“, findet auch Heinz Rothgang, Wissenschaftler am Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen und Autor des Reports. Rothgang hat anhand der Daten der Barmer hochgerechnet, wie es um die Situation der Pflegenden in Deutschland bestellt ist.

Danach gab es im Dezember vergangenen Jahres 2,47 Millionen sogenannte Hauptpflegepersonen. Rein rechnerisch kommt so auf jeden Versicherten, der Leistungen der ambulanten Pflege beansprucht, auch etwa ein Angehöriger, der sich hauptsächlich um ihn kümmert.

Zwei Drittel der Hauptpflegepersonen sind Frauen. Fast vierzig Prozent sind mit über 70 Jahren selbst in einem vorgerückten Lebensalter. 17,6 Prozent sind unter 50 Jahre alt. Nur ein Drittel geht neben der Pflege noch einer Arbeit nach. Jeder Vierte gab bei einer repräsentativen Befragung der Barmer an, für die Pflege den Beruf aufgegeben zu haben oder auf eine Teilzeitstelle gewechselt zu sein. Und wen pflegen sie? 60 Prozent der Pflegebedürftigen sind Frauen, fast die Hälfte ist älter als 80 Jahre.

Doch das Schicksal pflegebedürftig zu werden, trifft auch Menschen unter 50. Im Dezember 2017 wurden 334.000 unter 50-Jährige in ihrer häuslichen Umgebung von Angehörigen betreut. Die Opfer, die sie bringen müssen, sind laut Rothgang erheblich. Er fasst es in nüchterne Zahlen: Jede zweite Hauptpflegeperson pflegt schon länger als zwei Jahre. Rund 85 Prozent kümmern sich täglich, davon die Hälfte mehr als zwölf Stunden.

Dabei geht es um Medikamentenversorgung, Unterstützung beim Essen, bei der Mobilität und dem Gang zur Toilette, Waschen sowie Tätigkeiten im Haushalt. Die meisten gaben bei der Befragung der Barmer an, gut mit den Belastungen zurecht zu kommen (87,5 Prozent).

Fragt man genauer nach, ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild: Fast zwei Fünftel (38 Prozent) klagen über zu wenig Schlaf. Nahezu jeder Dritte fühlt sich in der Rolle als Pflegender gefangen (29,9 Prozent). Ein Fünftel sieht negative Auswirkungen auf Freundschaftsverhältnisse (22,7 Prozent). Genauso viele geben an, die Pflege sei zu anstrengend und dass sie Zukunfts- und Existenzängste haben.

15 Prozent werden von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sie glauben, nicht genug für ihre Angehörigen zu tun. 14 Prozent berichten von Scham- und Ekelgefühlen beim Umgang mit den hilfsbedürftigen Angehörigen. Und immerhin 185.000 geben an, sie stünden kurz davor, die Pflege einzustellen, weil sie es nicht mehr aushalten. 6,6 Prozent sagen, sie würden nur weitermachen, wenn sie mehr Hilfe bekommen. Weniger als ein Prozent will auf jeden Fall aufhören.

Diese Hilfen gibt es eigentlich längst und sie wurden mit den vergangenen Pflegereformen sogar ausgebaut. Doch der traurigste Befund des neuen Pflegereports der Barmer ist, dass pflegende Angehörige diese Angebote zwar grundsätzlich gut finden.
Sie nutzen sie aber kaum. Und fragt man, warum, kommt heraus: Vielfach wissen sie gar nicht, dass es die Leistungen gibt. Es ist ihnen zu bürokratisch, sie zu beantragen.

Die Qualität der professionellen Pflegeangebote ist zu schlecht. Oder die Leistung wird gar nicht oder nicht zu den richtigen Zeiten angeboten. Ein Beispiel: Nur 5,3 Prozent derer, die die Tagespflege genutzt haben, waren mit der Betreuung zufrieden. In der Summe würden nach den Hochrechnungen aus der Versichertenbefragung der Barmer 440.000 oder 18 Prozent der Hauptpflegepersonen zu ihrer Entlastung Leistungen der Kurzzeitpflege gern nutzen. Sie sehen sich aber durch die Angebotsstruktur und den Aufwand daran gehindert.

91.000 (3,7 Prozent) haben die Kurzzeitpflege genutzt und waren damit unzufrieden. 380.000 nahmen die Haushaltshilfe nicht in Anspruch, weil die richtigen Angebote fehlen, oder der bürokratische Aufwand, sie zu nutzen, zu groß ist. Der Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub, nannte die Ergebnisse besorgniserregend. „Unser Pflegesystem ist auf die aufopferungsvolle Arbeit pflegender Angehöriger schlicht und ergreifend angewiesen.“

Der Staat könne es sich also schlicht nicht leisten, „auf die Dienste dieser Menschen zu verzichten, weil sie an ihre Grenze kommen, sich alleine gelassen fühlen, weil sie körperlich und seelisch völlig erschöpft sind.“ Die Barmer will ihren Versicherten in Zukunft zumindest dabei helfen, bürokratische Barrieten zu überwinden. „Deshalb wird es bei uns ab dem kommenden Jahr möglich sein, den Hauptantrag für Pflegeleistungen auf einfache und komplizierte Weise online zu stellen,“ verspricht Straub.

Auch der Gesetzgeber hat Vereinfachungen geplant. So sollen Krankenfahrten zum Arzt in Zukunft nicht mehr einzeln von der Krankenkasse genehmigt werden müssen.

Die im Koalitionsvertrag versprochene Zusammenfassung von Leistungen der „Entlastungspflege“ für pflegende Angehörige zu einem „Entlastungsbudget“ sieht Straub ebenfalls positiv. Die Idee dahinter ist, dass die Angehörigen flexibles zwischen den verschiedenen Angeboten wechseln könnten. Derzeit müssen Tagespflege, Nachtpflege oder eine Pflegehilfe für die Urlaubszeit getrennt beantrag werden.

Allerdings ist noch nicht im Ansatz erkennbar, wie dieses Budget am Ende konkret ausgestaltet werden soll. Kritiker plädieren dafür, die teure und wenig effiziente Tagespflege, bei der Pflegebedürftige tageweise in stationäre Pflege abgegeben werden können, nicht in das Budget auszunehmen.

Andere Kritiker sprechen ganz offen über die Gefahr, dass sollten durch das Budget die Barrieren für pflegende Angehörige tatsächlich sinken, das ganze am Ende für die Pflegeversicherung viel zu teuer werden würde. Sie würden es lieber beim bestehenden intransparenten Leistungsdschungel belassen.

Die Pflegekassen hängen aber schon heute finanziell durch. Das Bundeskabinett hat daher bereits im Oktober eine Erhöhung des Pflegebeitrags um 0,5 Prozentpunkte auf den Weg gebracht.

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