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Neuer Wirtschaftsweiser Ökonomen kritisieren Gewerkschaftskandidaten Achim Truger

Mitglieder des Sachverständigenrats kritisieren die Publikationsleistung des gewerkschaftsnahen Ökonomen Achim Truger. Der Maßstab ist umstritten.
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Truger ist Keynesianier – diese Theorierichtung findet seit Jahrzehnten kaum noch Platz in Fachzeitschriften. Quelle: Mark Bollhorst
Achim Truger

Truger ist Keynesianier – diese Theorierichtung findet seit Jahrzehnten kaum noch Platz in Fachzeitschriften.

(Foto: Mark Bollhorst)

FrankfurtIm Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat die Entscheidung der Gewerkschaften für Irritation gesorgt, den gewerkschaftsnahen Ökonom Achim Truger für das Gremium zu nominieren. Gewohnheitsrechtlich dürfen Arbeitgeber und Gewerkschaften je ein Mitglied für das Beratungsgremium der Bundesregierung vorschlagen. Im Februar läuft die dritte Amtszeit von Peter Bofinger auf dem Gewerkschaftsticket aus.

Das Handelsblatt hatte über die Festlegung der Gewerkschaften auf Truger berichtet. Ratsmitglied Isabel Schnabel twitterte daraufhin, die wissenschaftliche Qualifikation müsse an oberster Stelle stehen, sonst könne der Rat seinem Qualitätsanspruch nicht gerecht werden. „Veröffentlichungen in angesehenen internationalen Fachzeitschriften können diese Qualifikation am besten belegen“, zweifelte sie Trugers Eignung öffentlich an.

Ihr Ratskollege Lars Feld legte eine Schippe drauf und schrieb, er stelle Trugers Wissenschaftlichkeit nicht nur indirekt infrage, sondern direkt. Deutlich wurde auch Justus Haucap, Chef des wettbewerbs‧ökonomischen Instituts DICE in Düsseldorf: „Die Gewerkschaften entsenden ein wissenschaftliches Leichtgewicht, das kaum auf Augenhöhe mit den anderen vier Mitgliedern diskutieren kann“, sagte er der „FAZ“.

Der Trend, wissenschaftliche Leistung an Veröffentlichungen in führenden Fachzeitschriften zu messen, ist allerdings im Fach zunehmend umstritten. In einem kürzlich veröffentlichten Aufsatz, der auch im „Journal of Economic Literature“ (JEL) erscheinen soll, spart Nobelpreisträger James Heckman nicht mit Kritik. „Berufungskommissionen entziehen sich ihrer Verantwortung, wenn sie die Entscheidung an Herausgeber der führenden Zeitschriften delegieren“, schreiben er und Koautor Sidharth Moktan.

Wer als Wissenschaftler Karriere machen wolle, müsse sich den wirtschaftspolitischen und methodischen Präferenzen der Herausgeber anpassen. Wer dazu nicht bereit sei, habe kaum eine Chance. Heckman ist selbst Herausgeber einer der fünf weltweit führenden Fachzeitschriften, des „Journal of Political Economy“.

Nobelpreisträger George A. Akerlof schließt sich in einem auch für das JEL vorgesehenen Beitrag dieser Kritik an. Bei den führenden Zeitschriften komme man an, wenn man ein etabliertes Modell verwendet und daran nur kleine Veränderungen vornimmt. Das produziere Gleichförmigkeit und befördere Karrierismus. Gänzlich Neues oder deutlich vom Mainstream Abweichendes habe geringe Publikationschancen.

Achim Truger ist wie Peter Bofinger Keynesianier – diese Theorierichtung findet seit Jahrzehnten kaum noch Platz in Fachzeitschriften.

Truger im Mittelfeld

Doch auch wenn man den Maßstab Schnabels akzeptiert, erweist sich die Kritik von ihr und Haucap als zweischneidig. So kommentiert der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW, Marcel Fratzscher, er halte die öffentliche Kritik an Truger für unangebracht, auch weil in Deutschland nur wenige Kollegen gut in Topzeitschriften vertreten seien.

Als führende Messlatte dafür gilt das Handelsblatt-Ranking, das die Forschungsinstitute KOF (Zürich) und DICE erstellen. Hier ist Kandidat Truger nicht unter den ersten 250 des deutschsprachigen Raums (nach Lebenswerk) vertreten – Schnabel und Haucap allerdings auch nicht. Höchstplatzierter Wirtschaftsweiser ist Volker Wieland auf Rang 122. Lars Feld und Christoph Schmidt folgen auf den Rängen 188 und 209. Zum Vergleich: Fratzscher steht auf Rang 41.

Beim Indikator, der anzeigt wie oft Arbeiten von anderen Wissenschaftlern zitiert werden, liegt Truger laut der Datenbank Repec mit 346 Nennungen vor Bofinger. Schnabel mit 597 Zitationen und Haucap mit 694 werden deutlich öfter zitiert. Beide spielen aber eher in Trugers Liga als in der von DIW-Chef Marcel Fratzscher (4572) oder von Schnabels Ratskollegen, die drei- bis fünfmal so oft zitiert werden wie sie.

Auf den vorderen Plätzen der Handelsblatt-Publikationsrangliste stehen viele Professoren, die kaum in der Öffentlichkeit präsent sind. Das Auseinanderfallen von hoher Publikationsleistung und Einfluss als Berater oder Kommentator wird durch die Einfluss-Rangliste der „FAZ“ bestätigt. Diese misst separat die Publikationsleistung und das Renommee als Berater. Für Letzteres werden Parlamentarier und Führungskräfte von Ministerien gefragt, wessen Rat sie am meisten schätzen.

Der publikationsschwache Peter Bofinger liegt mit seinem Ansehen als Politikberater mit 84 Punkten weit vor Schnabel mit neun Punkten. Auch Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrats bis 2009, hatte kaum Aufsätze in internationalen Zeitschriften vorzuweisen, war aber ein ausgesprochen einflussreicher Politikberater.

Unerwartete Personalie

Die heftigen Reaktionen auf Trugers Nominierung könnten damit zusammenhängen, dass viele in und um den Sachverständigenrat damit gerechnet hatten, dass die Gewerkschaften den von vielen Seiten vorgeschlagenen, publikationsstarken Jens Südekum nominieren würden. Südekum liegt im Handelsblatt-Ranking nur knapp hinter Wieland. Er ist Ökonom am von Justus Haucap geleiteten Institut DICE und hat sich manchen Gewerkschaftspositionen gegenüber aufgeschlossen gezeigt.

Dazu zählt, dass er eine aktive Industriepolitik befürwortet, um zu vermeiden, dass Regionen bei der Globalisierung abgehängt werden. Die Gewerkschafter sehen aber andere seiner Positionen kritisch. So kam er in der Zeitschrift „Kyklos“ zu dem Ergebnis, dass höhere Löhne regelmäßig Beschäftigung kosteten.

Mit Gabriel Felbermayr vom Ifo-Institut forderte er zur Senkung des hohen deutschen Handelsüberschusses vor allem eine Deregulierung des Dienstleistungssektors. Er kritisierte, dass Unternehmen wie der Fahrdienstvermittler Uber hierzulande ein Schattendasein fristeten. Als Vermittler informeller Beschäftigung betreibt Uber aus Sicht der Gewerkschaften ein problematisches Geschäft.

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