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NRW-Regierungsberater Grünewald Psychologe zum Umgang mit Corona: „Bald zeigt sich: Wir sind nicht alle gleich“

Corona als Gleichmacher, das ist vorbei, findet der Chef des Rheingold-Instituts Stephan Grünewald. Nun rivalisieren Bundesländer, Branchen und Bürger wieder.
23.04.2020 - 07:43 Uhr Kommentieren
Der Psychologe ist Berater der NRW-Landesregierung. Quelle: imago/Future Image
Stephan Grünewald

Der Psychologe ist Berater der NRW-Landesregierung.

(Foto: imago/Future Image)

München Stephan Grünewald, Mitglied des „Expertenrats Corona“ der nordrhein-westfälischen Landesregierung, sieht Anzeichen dafür, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Viruskrise schwindet. „In den ersten Wochen gab es einen beispielslosen Schulterschluss zwischen Politik, Experten, Medien und Bevölkerung“, sagte der Psychologe und Mitbegründer des Rheingold-Instituts dem Handelsblatt. Nach einer „Duldungsstarre“ polarisiere die Debatte wieder stärker. „Es melden sich immer mehr Zweifler, ob das alles wirklich angemessen ist.“

Noch werde Corona als Gleichmacher erlebt. „Jeder ist betroffen. Und Pfleger, Krankenschwestern Supermarktkassiererinnen und Müllmänner werden auf einmal sozial wertgeschätzt“, erläutert Grünewald. Sobald die Maßnahmen gelockert würden, ende das „Kollektivschicksal“ und etwa unterschiedliche Finanzhilfen oder Ausgangsregelungen erzeugten zunehmen Rivalitäten. Bald werde sich zeigen: „Wir sind nicht alle gleich.“

Die polarisierenden Positionen der Menschen lassen sich laut Grünewald an der Zustimmung zur Haltung verschiedener Politiker festmachen. Namentlich nennt er die Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU, Nordrhein Westfalen) und Markus Söder (CSU, Bayern). „Die einen wollen eine Variante „Söder plus“, einen Anführer - jemanden, der noch durchsetzungsstärker ist und noch klarer durchregiert“, erläutert Grünewald, „Laschet ist der Typus des moderierenden, abwägenden Politikers, der Bürger mitnimmt und alle Risiken einbezieht.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview

Herr Grünewald, Sie erforschen seit Jahren die Seelenlage des Landes. Hat Sie das Verhalten der Deutschen in der Coronakrise überrascht?
Niemand hat so etwas auf dem Schirm gehabt. Das ist der tiefste Einschnitt seit dem Zweiten Weltkrieg. Als Mensch bin ich entsetzt, als Psychologe ist es spannend zu beobachten, was da seelisch passiert.

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    Was ist Ihnen aufgefallen?
    Wie wir mit einer Bedrohung umgehen, die wir sinnlich nicht wahrnehmen. In Phase eins versuchten die Menschen, gegen das Ohnmachtsgefühl anzugehen. Der Frühjahrsputz fiel noch martialischer aus als sonst, man sicherte sich Vorräte in Hamsterkäufen. In den ersten Wochen gab es einen beispielslosen Schulterschluss zwischen Politik, Experten, Medien und Bevölkerung. Alle Restriktionen wurden mitgetragen.

    Und Phase zwei?
    Ende März kam der Wendepunkt. Als die letzten Verbote ausgesprochen waren, fielen wir zurück in die Ohnmacht. Jedem war klar, man konnte die Krise nur aussitzen. Die meisten Menschen fügten sich in eine Duldungsstarre, eine soziale Fastenzeit. Andererseits polarisiert sich mittlerweile die Debatte wieder stärker. Es melden sich immer mehr Zweifler, ob das alles wirklich angemessen ist.

    In Ihrem letzten, 2019 erschienenen Buch heißt es, es gebe in der aufgewühlten Gesellschaft keinen gemeinsamen Aufbruchsgeist: „Mit banger Erwartung sieht man dem Einsturz entgegen.“
    Und die Pandemie ist dieses bestürzende Ereignis. Alles bricht weg, was unserem Leben Halt und Sicherheit gegeben hat. Deutschland war eines der letzten Paradiese. Nun hat man Angst vor der Infektion, dem persönlichen Bankrott, dem Lagerkoller und dem Schwinden des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

    Und als Antwort jagen wir von einer Webkonferenz in die nächste?
    Durcharbeiten ist eine Gegenstrategie. Wir erleben eine Verdichtung der Arbeit durch Digitalisierung. Dehnungsfugen fallen weg, man sitzt ja nicht mehr zwei Stunden in der Bahn, um zum Kunden zu kommen. Andere wiederum lassen sich auf Entschleunigung und den Reichtum des analogen Alltags ein: Sie spielen, basteln, reden. Da spaltetet sich die Wirklichkeit.

    Normal wäre in einer solchen Situation Eskapismus.
    Manche fliehen tatsächlich in die Tagtraumwelt des Internet und von Netflix. Das führt jedoch langfristig zu Unruhe, das Wutpotenzial steigt. Wenn man die Stilllegung dagegen als Besinnungspause nutzt, können solche zweckfreien Räume der Nährboden für große Ideen sein. Das liegt den Deutschen. Wir werden in der Krise erfinderisch.

    Sie haben in der Vergangenheit kritisiert, dass Deutschland keinen Masterplan und keine Visionen habe. Nun müssen wir zwangsläufig einen Plan gegen Corona und für ein neues Wirtschaftswunder entwickeln.

    Das ist eine Negativvision. Wir wollen gemeinsam eine große Gefahr abwehren. Diese Haltung wird aber bröckeln.

    In der Politik bieten sich derzeit zwei Politiker mit unterschiedlichen Plänen an: Armin Laschet, in dessen Expertenrat Sie sitzen, und Markus Söder aus Bayern.
    In unseren Studien zu Corona erleben wir tatsächlich eine Zweiteilung. Die einen wollen eine Variante „Söder plus“, einen Anführer - jemanden, der noch durchsetzungsstärker ist und noch klarer durchregiert. Der Patentrezepte anbietet. Die anderen sagen, der Lockdown grenze an Freiheitsberaubung. Man bräuchte einen offeneren, laxeren Umgang. Das müsse jeder selbst verantworten – so wie in Schweden. Laschet ist der Typus des moderierenden, abwägenden Politikers, der Bürger mitnimmt und alle Risiken einbezieht.

    Und was ist mit Angela Merkel? Sie galt schon früher in Ihren Umfragen als „fürsorglich“ und „beruhigend“.
    Sie hat diesen Vertrauensbonus und fungiert wieder als nationaler Schutzengel, so wie vor der Flüchtlingskrise. Es werden sich bald aber wieder Oppositionen herausschälen. Höchstwahrscheinlich wird die AfD die „Söder plus“-Position besetzen, mit dem Virus als neuem Feindbild. Die FDP wird für mehr Eigenverantwortung und Lockerung eintreten. Beide werden Leute hinter sich bringen.

    Droht hier ein neuer sozialer Spaltpilz wie 2015 in der Flüchtlingsfrage?
    Ich sehe Parallelen. Wir bekommen mit, dass es Risse in den Familien gibt. Man redet nicht mehr miteinander – entweder weil man den anderen im Umgang mit dem Virus für fahrlässig oder für autoritätshörig hält.

    Wie lange ist der Mensch eigentlich in einem Lockdown zum absoluten Verzicht fähig?
    Das Maximum sind 40 Tage. Das Wort Quarantäne kommt vom italienischen „quaranta“, also vierzig - zu Zeiten der Pestgefahr im 17. Jahrhundert sperrte man in Venedig die Leute über diesen Zeitraum weg. Deshalb sind übrigens auch unsere Sommerferien so lang. Anfang Mai müssen wir den Menschen eine neue Perspektive geben – und von da an am besten im Drei-Wochen-Rhythmus.

    Was haben Sie als Psychologe im Expertenrat der NRW-Landesregierung eigentlich konkret bewirkt?
    Ich habe auf die wachsende Gefahr eines seelischen Alltagskollaps und einer erneuten gesellschaftlichen Polarisierung hingewiesen. Letztere kann sich jetzt verstärken, weil es keine kollektiven Maßnahmen mehr gibt, sondern differenzierte. Das muss klug argumentiert werden, sondern drohen Eifersüchteleien und Unverständnis.

    Wie beurteilen Sie die Lockerungsmaßnahmen, die Bund und Länder am vorigen Mittwoch beschlossen haben?
    Diese Öffnung darf nicht dazu führen, dass die Menschen glauben, sie seien wieder in der alten Normalität. Die Erleichterungen müssen deshalb, aus psychologischer Sicht, eben mit neuen Vorsichtsmaßnahmen kombiniert werden, damit die Bürger das Gefühl haben, weiter wachsam und aktiv zu sein. Dazu gehören die Maskenpflicht und eine App, die Infizierte anzeigt.

    Die Bevölkerung akzeptiert das ohne Murren?
    Die Politik sollte vorher die Befindlichkeit der Bevölkerung kennen. Viele sind zum Beispiel begierig darauf, wieder zum Friseur zu gehen, Sie haben Angst, in der sozialen Isolation zu verwildern. Die gepflegte Frisur unterscheidet den Menschen vom Barbaren. Und Friseure sind wichtige Gesprächstherapeuten, die uns im doppelten Sinne den Kopf waschen.

    Wie wichtig ist es, die Fußball-Bundesliga im Mai weiterzuspielen?
    Die Menschen haben die soziale Fastenzeit nur durch kleine Fluchten ertragen. Das wochenlang gute Wetter war so etwas wie eine himmlische Tröstung. Man ging spazieren oder joggte. Fußball sorgt oft für den dramaturgischen Höhepunkt der Woche, ist also eine große Flucht.

    Profispiele zeigen, um TV-Verträge zu erfüllen – wirkt das nicht wie ein willkürliches Privileg für eine bestimmte Branche?
    Ohne Zuschauer ist die Bundesliga sicher eine Zumutung. Aber es ist doch so: Wir haben Brot, es fehlen Spiele. Auch Aktivitäten in Oper und Theater – alles ohne Publikum, -wären für Streamings auszuweiten. Die Protagonisten halten auf der Bühne ja mehr Abstand als die Fußballer im Zweikampf.

    Die Debatte um die Bundesliga und um Ausnahmeregelungen gibt einen Vorgeschmack auf die soziale Frage, wer Krisengewinner und wer Krisenverlierer wird.
    Das wird künftig eine der großen Enttäuschungen und Gefahren sein. Noch wird Corona als Gleichmacher erlebt. Jeder ist betroffen. Und Pfleger, Krankenschwestern Supermarktkassiererinnen und Müllmänner werden auf einmal sozial wertgeschätzt. Doch bald wird sich zeigen: Wir sind nicht alle gleich. Wenn wir die Maßnahmen lockern, endet das Kollektivschicksal. Wenn eine Branche dann mehr darf als eine andere oder ein Bundesland mehr als ein anderes, erzeugt das „Geschwisterrivalitäten“.

    Und die Rolle der Politik dabei?
    Es wird schwerer für Politiker, diese Konflikte zu moderieren. Ihre aktuell hohen Zustimmungswerte sind nur eine Momentaufnahme.

    Wie wird der Medienkonsum aussehen? Die Erregung über Corona habe sich schneller ausgebreitet als der Erreger, haben Sie angemerkt.
    Die Menschen haben drei, vier Wochen gebannt alles zum Thema aufgenommen. Jetzt hat sich das erschöpft, zeigen unsere Interviews. Man hat wirklich alles gehört und weiß, wie man sich verhalten soll. Nun schaut man wieder weniger Nachrichten. Gefährlich wäre, wenn Medien durch stärkere Dramatisierung gegensteuern wollen. Sie müssen weiter aufklären, einordnen und Kontext herzustellen, etwa über Ländervergleiche.

    Das Phänomen der „Fake News“ schien zuletzt gebannt. Alle interessierten sich für Wissenschaft und ihre Fakten. Bleibt das so?
    Ein Grundinteresse am Faktischen gibt es immer noch. Aber Verschwörungstheorien versprechen fatalerweise auch eine einfache Orientierung. Hier gibt es aber einen Schuldigen, einen Sündenbock und damit die Hoffnung, man könne das Schicksal wenden, wenn man die vermeintlichen Urheber bestraft.

    Deutschland hat sich jahrelang schwer mit der Digitalisierung getan. Nun entfaltet sie sich quasi von allein – ein Marktlagengewinn?
    Notwendigkeit bedeutet ja, dass Wendigkeit der Not entspringt. Wir erleben einen beispielslosen Digitalisierungsschub. Das kann aber zu Kollateralschäden führen, wenn es zum Beispiel mehr digitale Kontrolle und Steuerungswut gibt und die analogen Dehnungsfugen im Alltag wegbrechen.

    Wie wird sich das Land insgesamt aus der Coronakrise heraus weiterentwickeln? Mehr Abschottung? Oder mehr Mut, eigene Antworten in und mit der Globalisierung zu finden?
    Wir ziehen uns in der Krise derzeit immer stärker auf uns selbst zurück und verengen unseren Horizont. Das ist menschlich, aber es ist wichtig, den Radius bald wieder zu erweitern. Ich appelliere zum Beispiel, dass die Deutschen wieder in Europa solidarisch werden.

    Nach 1945 hatten die Deutschen den Traum, das zerstörte Land wiederaufzubauen. Greift dieser Mechanismus jetzt auch?
    Es handelt sich sicherlich um einen anderen Wiederaufbau. Die Deutschen haben zuletzt große Opfer gebracht - es wäre deshalb zu wenig, alles wieder einfach auf den alten Stand zu bringen. Es gibt die Sehnsucht nach einem neuen Bild. Das beginnt mit der Frage, wie hochtourig man sein Leben eigentlich führen will. Die Erfahrung extremer Entschleunigung haben wir früher ja gar nicht gemacht. Das fließt mit ein.

    Welche neuen Werte sind beim Neustart wichtig?
    Empathie und eine neue Sensibilität für Solidarität. Auf wen kann ich mich in der Not verlassen? Auf welche Politiker, Freunde und auch Marken? Das hat das Fiasko von Adidas gezeigt, die Mieten einfach nicht bezahlen wollten. Und Muße wird wichtig. In einer aktuellen Studie haben wir festgestellt, dass viele Deutsche das Puzzeln wiederentdeckt haben. Man muss hier Schritt für Schritt vorgehen, braucht Etappenziele und einen Rahmen. Und alle Teile sind gleichermaßen wichtig. Das ist so wie beim Neustart der Gesellschaft.

    Herr Grünewald, vielen Dank für das Gespräch.

    Mehr: Der Widerstand der Länderchefs gegen Merkels Basta-Politik ist gut und richtig.

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