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NSU-Prozess Beate Zschäpe bleibt auch nach 5 Prozessjahren ein Rätsel

Die Beweisaufnahme konnte noch so langwierig sein: Viele Fragen über Beate Zschäpe bleiben unbeantwortet. Für die Richter ist das ein Problem.
05.07.2018 - 11:30 Uhr Kommentieren

„Lückenlose Aufklärung nicht möglich“ – Lebenslang für Beate Zschäpe?

München Fülliger ist Beate Zschäpe in den vergangenen fünf Jahren geworden. Das kann jeder im Saal 101 des Münchner Oberlandesgerichts sehen, wenn sie auf der Anklagebank des NSU-Prozesses Platz nimmt. Sie ist 43 Jahre alt und Hauptangeklagte in dem Verfahren, das die beispiellose Mord- und Anschlagsserie ihrer beiden Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt juristisch ahnden soll.

Die wohl entscheidende Frage für das Urteil der Richter lautet: Ist Zschäpe persönlich mitverantwortlich für die Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“? Oder hat sie es eher notgedrungen fast 14 Jahre im Untergrund ausgehalten, bevor sich die beiden Männer das Leben nahmen?

Geboren wird Beate Zschäpe am 2. Januar 1975 in Jena. Ihre Mutter gibt sie bei fremden Leuten in Obhut. Später kümmert sich die Oma um sie. Erst als sie größer ist, lebt sie bei der Mutter. Als Jugendliche, erinnert sich Sozialarbeiter Thomas Grund aus Jena im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur, gehört Zschäpe zuerst zur linken Szene.

Mit 15 sei sie mit einem linken Punk und dann mit einem linken Graffiti-Sprayer zusammen gewesen. Dann, 1992, mit 17, habe sie Uwe Mundlos kennengelernt. Da sei sie dann auf einmal rechts gewesen. Andererseits „hatte sie keine Lust, nur die Braut des großen Nazis zu sein“. Beate Zschäpe habe eine eigene Rolle spielen wollen.

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    Bald verliebt sich Beate Zschäpe in Uwe Böhnhardt, ebenfalls Neonazi, gefürchtet für seine Brutalität. Sozialarbeiter Grund sagt, es sei in der Clique „eine Todsünde“ gewesen, dass einer dem anderen die Freundin ausspannt. „Das hat niemand verstanden, dass die drei sich hinterher noch verstanden.“

    Ihre Aktionen werden politischer und provokanter: Bombenattrappen, Drohbriefe, eine Puppe mit Judenstern, die sie von einer Autobahnbrücke hängen. Auf Zschäpes Namen wird eine Garage gemietet. Zschäpe sagt, sie habe nur von harmlosen Dingen gewusst, die da gelagert gewesen seien - „Propagandamaterial“, dergleichen. Tatsächlich findet die Polizei in der Garage auch Sprengstoff.

    Die drei tauchen ab. Sie hausen monatelang zu dritt in einem Zimmer. Schon ein normales Paar hätte damit Probleme, sagt Zschäpes Anwältin Anja Sturm in ihrem Plädoyer. Wie das zu dritt funktioniert haben könnte, weiß sie auch nicht. Erste Überfälle bringen Geld. Zschäpe will nie dabei gewesen sein. Aber sie kann jetzt Bioware einkaufen und hat ein eigenes Zimmer - in den Wohnungen, die die drei über die Jahre unter falschen Namen mieten, in Chemnitz, später Zwickau.

    Zschäpe meint, an Weihnachten 2000 habe Böhnhardt ihr den ersten Mord gebeichtet. Sie sei entsetzt gewesen, die Feierstimmung dahin. Er habe hoch und heilig versprochen, dass so etwas nie wieder passiert. So oder ähnlich soll es in den folgenden Jahren auch nach den Morden zwei bis zehn gewesen sein. Zehn Mal ist Zschäpe angeblich schockiert, zehn Mal versprechen Böhnhardt und Mundlos, nicht mehr zu töten. Und zehn Mal bleiben die Szenen, die sich da abgespielt haben sollen, unscharf. War es wirklich so, wie Zschäpe sagt?

    Nach 2007 ist Schluss mit dem Töten. Vier Jahre leben die drei da noch zusammen, bis zu einem gescheiterten Banküberfall und dem anschließenden Selbstmord der Männer. Warum kein Mord mehr? Zschäpe schweigt dazu.

    Auch anderes bleibt rätselhaft. Etwa, ob die drei tatsächlich all die Jahre als Trio zusammenlebten. Zschäpe sprach davon, die Männer seien immer wieder auch längere Zeit irgendwo auf Reisen gewesen. Von Mundlos weiß man aus einer Zeugenaussage, dass er ein paar Monate ausgezogen sei. Nachbarn erinnerten sich vor Gericht vor allem an Zschäpe, kaum an „den Mann“ oder die Männer.

    Zschäpes heutiges Leben in der Untersuchungshaft, wiewohl vom Staat gut abgeschirmt, liegt da vergleichsweise offen. Sie hat unter Mitgefangenen Freunde, heißt es in Justizkreisen. Privilegien genieße sie keine. Sie trage Privatkleidung statt Anstaltskluft, das dürfe sie wie alle Untersuchungshäftlinge. Auf ihrem Laptop könne sie Prozessakten lesen. Alle anderen Funktionen seien deaktiviert.

    Kontakte nach draußen habe Zschäpe nach dem Tod der Oma vor eineinhalb Jahren so gut wie keine, heißt es. Nur die Mutter besuche sie drei bis vier Mal pro Jahr.

    Und Zschäpes heutige politische Gesinnung? Sie habe sich einmal schockiert geäußert, als sie die Nachricht von einem gekenterten Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer hörte. Die AfD lehne sie ab. Deren Einzug in den Bundestag habe sie gegenüber Mitgefangenen kritisiert.

    Kann sein. Oder auch nicht. Man sieht nicht, was in ihrem Kopf vorgeht. Man sieht, dass sie fülliger wurde über die Prozessjahre. Nur ist das unwichtig für das Urteil.

    • dpa
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