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Klimaforscher Edenhofer

„Ohne CO2-Preis werden wir die Klimaziele 2030 und 2050 ganz sicher verfehlen.“

(Foto: Thorsten Futh/laif)

Ökonom Edenhofer zum Klimaschutz „Wir können uns nicht noch eine verlorene Dekade erlauben“

Der Ökonom spricht im Interview über Milliardenlasten durch Untätigkeit beim Klimaschutz. Der Wahlerfolg der Grünen sollte die Politik seiner Meinung nach wachrütteln.
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Er ist ein unermüdlicher Mahner für den Klimaschutz: Ottmar Edenhofer führt in Kürze gemeinsam mit dem Schweden Johan Rockström das renommierte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Das liegt auf einer bewaldeten Anhöhe, dem Potsdamer Telegraphenberg, wo schon Albert Einstein forschte.

Ein idealer Standort, von dem Edenhofer aus die Umweltpolitik der Bundesregierung im nahe liegenden Berlin beobachten kann – mit wachsender Sorge. Der gerade veröffentlichte Bericht des Weltklimarats zeigt für ihn einmal mehr, dass der Ausstoß des klimaschädlichen CO2 einen Preis bekommen muss, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen können.

Herr Edenhofer, der Weltklimarat fordert die Politik zu mehr Klimaschutz auf. Nur einen Tag später bremst Berlin in Brüssel bei der Abstimmung über CO2-Grenzwerte aus. Wird aus dieser Koalition noch eine Regierung, die Umweltschutz ernst nimmt?
Es gibt berechtigten Anlass für Zweifel, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Worauf gründet die?
Auf der grundsätzlichen Fähigkeit von Politikern zu weitsichtigem Handeln. Und dass die Politiker etwa jetzt nach den bayerischen Landtagswahlen und dem Erfolg der Grünen verstehen, dass man mit dem Thema Klimaschutz kurzfristig punkten kann, auch aufgrund des hinter uns liegenden Dürresommers. Ich denke, dass die Bundesregierung den Wünschen der Menschen hinterherhinkt. Die Zustimmung zum Kohleausstieg ist zum Beispiel ziemlich hoch.

Gerade da wird herumgeeiert. Glauben Sie, dass die frühere Umweltministerin und Kanzlerin den Hebel noch einmal umlegen kann?
Da bin ich mir nicht sicher. Klar ist nur, dass ein Scheitern der Kohlekommission, die ja ein Ausstiegszenario für das Ende der Kohleverstromung festlegen soll, noch mehr Vertrauen in die Politik zerstören würde. Zugleich nehmen mit dem Klimawandel Wetterextreme, Konflikte und Migration zu. Der erhöhte klimapolitische Handlungsdruck kommt jedoch von unerwarteter Seite – darauf setze ich.
Erzählen Sie!
Deutschland hat sich in Abstimmung mit den anderen EU-Staaten dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen im sogenannten Non-ETS-Bereich, also in Gebäuden, Verkehr und Landwirtschaft, in den nächsten Jahren deutlich zu mindern. Wenn Deutschland diese Ziele nicht erreicht – und danach sieht es leider aus –, dann muss die Bundesregierung Emissionsrechte von anderen Ländern kaufen, was ein ganz erhebliches Kostenrisiko ist.

Bis zu 60 Milliarden Euro bis 2030 stehen im Raum. Sie meinen, das könnte die Politik beeindrucken?
Ich meine schon. Damit gibt es einen handfesten Grund, sich Strategien zu überlegen, wie die Emissionen gesenkt werden könnten. Ich bin sicher, das heizt auch die Debatte um eine CO2-Bepreisung neu an, auch weil der Bundesrechnungshof dem Bundeswirtschaftsminister ziemlich deutlich gesagt hat, dass er sich um das Thema kümmern soll.

Bislang hat Peter Altmaier immer zu verstehen gegeben, dass das kein Thema für ihn sei.
Wenn die Bundesregierung das nüchtern abwägt, kann sie sich dem nicht länger verweigern. Ohne CO2-Preis werden wir die Klimaziele 2030 und 2050 ganz sicher verfehlen. Außerdem ist er wichtig für den Kohleausstieg.

Wieso?
Stellen Sie sich vor, man würde drei bis sieben Gigawatt vom Markt nehmen. Dann würde der Strompreis steigen. Und dadurch würden die nicht ausgelasteten Steinkohlekraftwerke wieder profitabler, könnten mehr Strom produzieren und mehr Emissionen verursachen. Mit einem CO2-Preis könnte man das verhindern.

Auf EU-Ebene?
Ja, aber man könnte auch darüber nachdenken, dass man mit denjenigen Ländern eine Pionier-Koalition bildet, die zumindest einen CO2-Mindestpreis wollen. Irland beispielsweise denkt über einen Mindestpreis nach, auch die Niederlande, Spanien und natürlich Frankreich.

Ist das ein Appell an die Kanzlerin, beim CO2-Preis eine Koalition der Willigen auf den Weg zu bringen?
Ja, unbedingt. Und man sollte sich da nicht nur auf den Stromsektor konzentrieren, sondern auch auf den Non-ETS-Bereich. Mittelfristig werden wir auch im Verkehrssektor bei den Emissionen nicht nur über Grenzwerte reden müssen, sondern auch über Preissignale.

Sollte die EU vor dem internationalen Klimagipfel im polnischen Kattowitz die Klimaziele noch einmal verschärfen – sozusagen als Signal dafür, dass es die EU ernst damit meint, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen?
Wünschenswert wäre es, vor allem in Verbindung mit einem Mindestpreis. Aber ob das vor Kattowitz gelingt, ist ungewiss.

Die Preise für Zertifikate im Europäischen Emissionshandel sind zuletzt stark gestiegen. Das ist ein klares Signal. Warum braucht man dann noch einen Mindestpreis?
Natürlich ist die Preisentwicklung im Emissionshandel erfreulich. Aber das Emissionshandelssystem gleicht einem Wettbüro für politische Entscheidungen. Im Moment sieht es so aus, dass die Händler künftige Knappheiten erwarten. Dazu hat die Reform des Emissionshandels ebenso beigetragen wie eine Reihe einvernehmlicher politischer Entscheidungen. Dadurch haben die Händler das Gefühl, dass sich die EU in klimapolitischen Fragen zusammengerauft hat.

Das klingt alles in allem sehr gut…
Ja. Aber wenn es zu einem Konjunktureinbruch kommt, ausgelöst etwa durch einen ungesteuerten Brexit oder Probleme in Italien, dann können die Dinge sehr rasch ganz anders aussehen. Es sollte nicht um die wechselnden Gefühlszustände und Erwartungen der Händler gehen, sondern darum, Investoren langfristige Berechenbarkeit zu geben. Darum halte ich einen Mindestpreis für unverzichtbar.

Stichwort Berechenbarkeit: Die Bundesregierung hat sich von den Klimazielen 2020 bereits verabschiedet. Was sagt das über die Berechenbarkeit der Politik, und welche Signale gehen davon aus?
Wir sollten uns nicht immer noch ehrgeizigere Ziele für die ferne Zukunft setzen, wenn zugleich niemand den Mumm hat, endlich die dazu erforderlichen Mittel zu ergreifen. Da sind wir wieder bei der C02-Bepreisung. Sie wäre ein klarer Indikator dafür, dass die Politik es tatsächlich ernst damit meint, die Ziele zu erreichen. Das ständige Verschieben auf immer ehrgeizigere Ziele in einer immer ferneren Zukunft schadet dem Klimaschutz mehr, als es hilft. 

Der jüngste IPCC-Bericht hat noch einmal deutlich gemacht, dass es ohne negative Emissionen nicht zu schaffen sein wird, die Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Das Thema war in Deutschland bislang chancenlos.
Das kann sich ändern, wenn man zeigt, dass es bei der Abscheidung von CO2 in der Stromerzeugung nicht um eine künstliche Verlängerung der Kohleverstromung geht. Das findet verständlicherweise keine Akzeptanz. Erst recht nicht, wenn man den Leuten suggeriert, die Technik sei risikolos.

Was dann?
Man wird deutlich machen müssen, dass es für manche prozessbedingte Emissionen in der Industrie keine Alternative dazu gibt, CO2 abzuscheiden und unterirdisch zu speichern. Das wäre ein Einstieg. In Kombination mit Biomasse wird man dann später dazu kommen, der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Da besteht heftig Forschungs- und Entwicklungsbedarf. Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften hat sich des Themas angenommen und auch Umweltschutzverbände in die Debatte eingebunden. So wächst stetig das Bewusstsein dafür, dass ambitionierte Klimaziele ohne negative Emissionen nicht erreichbar sind.

Bislang ist Deutschland bei dem Versuch gescheitert, für Abscheidung und unterirdische Speicherung von CO2 einen Regulierungsrahmen zu schaffen. Wie soll sich das ändern?
Das lässt sich politisch nur schaffen, wenn man offen über die Risiken diskutiert. Die Industrie hat zu lang gesagt, die CO2-Einlagerung im Untergrund sei risikolos, es sei unmöglich, dass CO2 aus den Speichern an die Erdoberfläche dringe. Das war nicht redlich. Es gibt keine risikolose Technologie. Man hätte darüber reden müssen, wie die Risiken gemanagt werden können, genau wie bei anderen Großtechnologien. Man muss den Menschen erklären, wozu die Technik notwendig ist und dass es sich um eine klimapolitisch sinnvolle Option handelt. In der öffentlichen Debatte wurde die unterirdische Speicherung von CO2 gleichgesetzt mit der Lagerung von Atommüll. Die Atommüllfrage ist aber im Gegensatz zur CO2-Speicherung tatsächlich eine ungelöste Frage. Man muss nun versuchen, aus dieser Falle herauszukommen.

Halten Sie es für realistisch, dass die Technologie bis 2030 einsetzbar ist?
Das wird ziemlich knapp, da mache ich mir keine Illusionen. Man sollte aber jetzt damit beginnen, das Thema voranzutreiben. Wer das Einhalten der 1,5-Grad-Grenze ernsthaft verfolgt, hat keine Alternative zur Abscheidung von CO2 und zu negativen Emissionen. Und auch bei der Zwei-Grad-Grenze können sie helfen, die Kosten zu senken. 

Was erwarten Sie vom Klimaschutzgesetz, das die Regierung im nächsten Jahr auf den Weg bringen will?
Ein Klimaschutzgesetz, das nur die Zielformulierungen wiederholt, wäre zu kurz gegriffen. Wir brauchen ein Gesetz, das Ziele benennt und dazu adäquate Mittel definiert. Am wichtigsten sind klare Preissignale für CO2. Ob die Große Koalition dazu die Kraft hat, das kann ich nicht beurteilen.

War der Ausstieg aus der Kernenergie unter Klimaschutzgesichtspunkten richtig?
Der Ausstieg war sinnvoll. Ich habe damals für den Ausstieg plädiert. Allerdings hatten alle Szenarien, die wir der Politik vorgestellt haben, eine grundlegende Voraussetzung: Wir benötigen einen angemessen hohen CO2-Preis, wenn der Ausstieg aus der Kernenergie keine negativen klimapolitischen Folgen haben soll. Das hat die Politik ignoriert. In der Folge stieg der Anteil der erneuerbaren Energien, diese verdrängten aber ausgerechnet die relativ teuren, aber effizienten und emissionsarmen Gaskraftwerke und verhalfen insbesondere Braunkohlekraftwerken zu einer Renaissance. Mit einem ausreichend hohen CO2-Preis wäre das nicht passiert.

Wenn Sie heute eine Rangliste im Klimaschutz aufstellen sollten, welches Land stünde auf Platz eins?
Eine Rangliste kann man nur aufstellen, wenn es einen echten Wettbewerb um die beste Lösung gibt. Die meisten Länder beteiligen sich aber gar nicht an einem solchen Wettbewerb. Es muss erstmals darum gehen, einen solchen Wettbewerb wieder in Gang zu setzen. Deutschland hätte zwar gute Chancen, in diesem Wettbewerb vorne mitzumischen, wäre aber sicher nicht auf Platz eins.

Welches Land dann? China?
Auch China sehe ich nicht auf Platz eins. China hat zwar den Ausbau der Kohlekraftwerke zurückgefahren, investiert aber immer noch kräftig in diesem Bereich, und zwar gerade außerhalb der eigenen Landesgrenzen. Man muss ganz nüchtern bilanzieren, dass wir eine verlorene Dekade hinter uns haben. Es hat zwar 2015 das Großereignis Paris gegeben, aber dem Bekenntnis zum Klimaschutz sind nicht in ausreichendem Ausmaß Taten gefolgt. Kein einziges Land der Erde verfolgt ernsthaft den 1,5-Grad-Pfad.

Ist irgendein Land wenigstens auf dem Zwei-Grad-Kurs?
Es gibt zwar einige Länder wie eben auch Deutschland, die sich am Zwei-Grad-Ziel orientieren: So soll Treibhausgasneutralität bis zur Mitte dieses Jahrhunderts erreicht werden. Aber es gibt kaum eine berechenbare Politik, mit denen diese Ziele auch erreicht werden können.

Ließe sich das noch ändern?
Ja, das ließe sich noch ändern. Und es gibt gute Ansätze. Etwa in Kalifornien, also ausgerechnet im Reich der klimapolitischen Finsternis, in den USA. Auch im kanadischen British Columbia. Beide treiben auf innovative Weise eine wirkungsvolle Bepreisung von CO2 voran, die langfristig berechenbar ist. Aber die Zeit rennt uns davon. Wir können uns nicht noch einmal eine verlorene Dekade erlauben. Wir dürfen Klimapolitik nicht mehr nur als Ankündigung ehrgeiziger Ziele begreifen.

Herr Edenhofer, vielen Dank für das Interview.

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