Ökonomen zum Einheitsbericht „Dies ist eine Bedrohung für den Föderalismus“

In Deutschland besteht immer noch ein wirtschaftliches Ost-West-Gefälle und wenig Aussicht, dass sich die Lücke bald schließt. Führende Ökonomen sehen die Politik am Zug, um vor allem den schwächsten Regionen zu helfen.
3 Kommentare

„Die Deutsche Einheit braucht einen langen Atem“

BerlinÖkonomen werten den Regierungsbericht für Ostdeutschland als Signal an die Politik, die schleppende wirtschaftliche Entwicklung in den neuen Ländern noch stärker in den Blick zu nehmen. Offenbar hätten viele Bürger im Osten das Gefühl, die vorherrschende Wirtschaftspolitik  nehme Interessen der breiten Masse nicht ernst. „In dieser Hinsicht besteht tatsächlich Handlungsbedarf“, sagte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, dem Handelsblatt. „Die Wirtschaftspolitik muss deutlich machen, dass sie diese Interessen ernst nimmt“, betonte er. „Insbesondere auf dem Arbeitsmarkt gilt es, den Interessen der Beschäftigten wieder mehr Gewicht zu verleihen und zum Beispiel höhere Löhne zu ermöglichen.“    

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnte, die Probleme hauptsächlich im Osten zu verorten. „Das zentrale Problem in Deutschland ist nicht ein Ost-West-Gefälle, sondern ein zunehmendes Nord-Süd-Gefälle, denn auch viele Regionen in Westdeutschland werden immer stärker abgehängt“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt. Es gehe daher nicht um ein spezielles Problem Ostdeutschlands. Vielmehr würden die regionalen Unterschiede in Deutschland immer größer. „Dies ist eine Bedrohung für den Föderalismus“, warnte der DIW-Chef. „Die Politik wird immer weniger ihrer Verantwortung nach dem Grundgesetz gerecht, gleiche Lebensbedingungen für alle in Deutschland zu gewährleisten.“

Laut dem Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit, den das Kabinett am Vormittag gebilligt hat, bestehen zwischen Ost- und Westdeutschland auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung noch starke Unterschiede in der Wirtschaftskraft. Obwohl sich diese in den vergangenen Jahren weiter angenähert habe, habe der durchschnittliche Abstand im Jahr 2016 noch 27 Prozent betragen. Ohne Berlin seien es sogar 32 Prozent. Die Verringerung des Abstands bei der Wirtschaftskraft habe sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten „erheblich verlangsamt“.

Insgesamt lag das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner dem Bericht zufolge in Ostdeutschland im vergangenen Jahr bei 73,2 Prozent des westdeutschen Vergleichswerts. Wesentliche Gründe für die weiter bestehenden Unterschiede seien die Kleinteiligkeit der ostdeutschen Wirtschaft und ein Mangel an Konzernzentralen großer Unternehmen. „So ist kein einziges ostdeutsches Unternehmen im Börsenleitindex Dax-30 notiert“, heißt es in dem Bericht.

Die Regierung befürchtet, dass die Globalisierung und der demografische Wandel regionale Unterschiede tendenziell verschärfen werden. Sie warnt zugleich, aus regionaler Strukturschwäche könnten sich Folgeprobleme für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft ergeben. „Gerade in den schwächsten Regionen, in denen sich Menschen abgehängt fühlen mögen, können gesellschaftliche Spaltungen bis hin zu radikalen Einstellungen entstehen.“ Ein regionaler Ausgleich leiste daher immer auch einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.

„Weit verbreitetes Gefühl eines gesellschaftlichen Kontrollverlusts“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Ökonomen zum Einheitsbericht - „Dies ist eine Bedrohung für den Föderalismus“

3 Kommentare zu "Ökonomen zum Einheitsbericht: „Dies ist eine Bedrohung für den Föderalismus“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • OST-WEST und SÜD-NORD GEFÄLLE

  • Vielleicht wird es auch Zeit, da endlich ehrlich zu sein. Es wird keine Angleichung der Lebensverhältnisse möglich sein. Es wird Regionen geben, da wird sich keine Wirtschaft mit entsprechender Wertschöpfung entwickeln. Diese ist auch in anderen Regionen auf dem Rückzug und das passt eigentlich ganz gut zur Demographie mit weniger zur Verfügung stehenden Arbeitskräften, die aber in Summe so produktiv sind, wie eine höhere Zahl früher. Sprich wir brauchen weniger Menschen, mehr hätten wir auch gar nicht, und für diese brauchen wir natürlich weniger Wohnungen, Häuser, Dörfer, Städte,...

    Es wäre also ehrlicher, eine "entsiedelungsplanung" für bestimmte Gegenden aufzustellen. Sprich zu deinvestieren. Gezielt und geplant. Straßen nicht mehr zu erneuern oder sogar rückzubauen, Ver-/ Entsortgungsinfrastruktur zurück fahren/ ganz aufgeben. Und das alles offen und transparent damit jeder weiß, wo in 20 Jahren niemand mehr wohnen wird. Und ja, es wird dann Landstriche in D geben, da wird dann überwiegend land- und Fortstwirtschaft betrieben. Und sonst nichts mehr. Da gibt es außer ein paar Höfen und Feldwegen dann nicht mehr viel. Die Industrie wird sich in einzelnen größeren Zentren konzentrieren. Die Umsiedlung dahin muss dann staatlich unterstützt werden.

    Das alles gehört zur Wahrheit dazu. Wir können nicht die selbe Infrastruktur wie früher/ heute in aussterbenden Gegenden aufrecht erhalten, nur weil ein paar Leute von früher träumen.

  • Da wäre es doch Vorbildlich wenn diese Herren Ökonomen sich als Manager infragekommder Betriebe betätigen um der Welt zu zeigen , wie es geht !
    Seitenlange Empfehlungen schreiben kann heute jeder 5-Klässler .

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%