Oettinger schlägt Alarm „Die Deindustrialisierung hat längst begonnen“

EU-Energiekommissar Günther Oettinger kritisiert im Interview die hohen Abgaben, die der deutsche Staat auf Strom kassiert. Die Bundesregierung müsse handeln - andernfalls sei der Wirtschaftsstandort in Gefahr.
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EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Quelle: dpa

EU-Energiekommissar Günther Oettinger.

(Foto: dpa)

BrüsselHerr Kommissar, die Energiewende in Deutschland kommt nicht voran. Wieso?

Weil die Energieversorgungskonzepte der 16 Bundesländer und des Bundes nicht aufeinander abgestimmt sind. Hinzu kommen tausend kommunale Energieversorgungspläne. Da geht zu viel durcheinander.

Wo sehen Sie Widersprüche?

Der Freistaat Bayern will seine Industrie autark mit Energie versorgen, teils aus Gaskraftwerken, teils aus Erneuerbaren. Auf der anderen Seite will der Bund Strom von den Windparks in der Nordsee in den Süden transportieren und dafür Leitungen durch ganz Deutschland bauen. Nur eines von beiden kann funktionieren. Die Leitungen durch Hessen, Thüringen und Niedersachsen werden nur dann genehmigt, wenn Süddeutschland den Strom auch tatsächlich abnehmen will. Deshalb braucht die Bundesrepublik Deutschland eine abgestimmte Steuerung der Energiepolitik.

Und das muss der neue Umweltminister Peter Altmaier machen?

Nicht nur. Wirtschaftsminister Philipp Rösler und Umweltminister Peter Altmaier müssen eng koordinieren, zum Beispiel bei der Förderung der Sonnenenergie.

Darüber ist doch schon entschieden. Die Bundesregierung hat die Förderung von Photovoltaik kräftig gekürzt.

Die Kürzungspläne hängen aber jetzt im Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat fest. Ich kann nur hoffen, dass sie dort nicht mehr lange liegen bleiben.

Gefährdet die Energiewende die Versorgungssicherheit in Deutschland?

Noch nicht. Allerdings steht Deutschland vor der großen Herausforderung, den Strom aus den noch laufenden acht Atomkraftwerken - es handelt sich um 14 bis 15 Prozent der Gesamtproduktion - binnen neun Jahren vollständig zu ersetzen.

Schadet die Energiewende dem Industriestandort Deutschland, weil Strom zu teuer wird?

Nicht der Ausstieg aus der Atomenergie macht Strom in Deutschland teuer, sondern die staatlichen Abgaben. Sie machen über 40 Prozent des Strompreises aus - mit steigender Tendenz. Allein für die Förderung erneuerbarer Energien zahlt der Stromkunde 3,59 Cent je Kilowattstunde. Nächstes Jahr droht der Satz auf fünf Cent, übernächstes Jahr sogar auf sechs Cent zu steigen. Ich kann davor nur warnen. Die hohen Strompreise haben die Deindustrialisierung Deutschlands bereits jetzt eingeleitet.

Wandern deutsche Unternehmen denn jetzt schon ins Ausland ab?

Ja, die Abwanderung hat begonnen. Zum Beispiel wird die Edelstahlproduktion mittelfristig aus Deutschland verschwunden sein. Für viele Produktionssparten wie etwa Aluminium, Kupfer, Stahl, Kunststoffe, Papier oder Industrietextilien sind die Energiekosten noch vor den Arbeitskosten zur Hauptsorge geworden.

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Entwicklung des Verbraucherpreisindex von 2000 bis 2012

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27 Kommentare zu "Oettinger schlägt Alarm: „Die Deindustrialisierung hat längst begonnen“"

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  • Gegenmittel: Bürgerbewegung Solidarität für die Reindustrialisierung

    EIR http://wwww.bueso.de

    Michael C. Rupperts täglicher Peak Oil Blog

    http://www.fromthewilderness.com

  • Strom sollte Kostenwahrheit enthalten. Wenn im Norden viel, allerdings unregelmässig Windstrom erzeugt wird, muss dieser lokal billiger abgegeben werden als im Süden. Es entfallen ja Kosten für Nord-Süd-Stromtrassen und Leitungsverluste. Mittelfristig werden stromintensive Industrien gen Norden verlagert und müssen nicht ins Ausland abwandern. Mit solchem schrittweisen Umbau wird die deutsche Wirtschaft mittelfristig noch besser aufgestellt sein als heute.

  • @Energieelite

    Nein, denn ich spekuliere nicht, ich antizipiere auf Grundlage von Fakten! Herr Öttinger kann eine (drohende) Deindustrialisierung nicht mit Zahlen belegen, er spekuliert! Die Leistungsbilanzüberschüsse sind real und haben im letzten Jahrzehnt stetig zugenommen. Eine Umkehrentwicklung ist nicht absehbar! Das ist die Realität!

    Übrigens, China konnte nur deshalb Exportweltmeister werden, weil seine Währung an den Dollar gekoppelt und nicht frei handelbar ist!

  • insofern werde wahrscheinlich ich näher an der Wahrheit sein als Sie!
    ----------------------------
    Da sie über die Zukunft , die nicht so rosig ist wie sie sie sehen, spekulieren , kann es nur 50 : 50 stehen .

  • @Energieelite

    Sicher ist nur der Tod! Die Leistungsbilanzüberschüsse sind in den letzten Jahren aber eher größer geworden als kleiner, insofern werde wahrscheinlich ich näher an der Wahrheit sein als Sie!

    Firmen kommen und gehen. Thyssen würde sich wahrscheinlich heute wünschen, nie in Brasilien in ein Stahlwerk investiert zu haben! Niedrige Strompreise sind eben nicht alles.

  • 24.05.2012, 11:37 Uhr Anonymer Benutzer: MaWo

    Und was genau wollen sie uns jetzt damit sagen ?

  • Da wär ich mir nicht so sicher !
    Früher hat China dafür gesorgt , das Europa billige Kleidung bekommt .
    Heute Exportieren sie Solaranlagen,Windkraftwerke und heute können sie in der Zeitung lesen das Siemens in Nürnberg Massenentlassungen angekündigt hat , weil die Chinesen nun auch die dazugehörigen Transformatoren nach Deutschland Exportiert .
    China hat nicht nur billige Arbeitskräfte , sie bauen auch die Atomkraft aus , das ist dann sicher auch der Grund dafür , warum Ford in Asien Investiert und gleichzeitig in Köln Kurzarbeit beantragt .

  • @ Energieelite,
    mit Verlaub; diese Antwort ist Unfug hoch Drei.
    Sie können "laute Schreier" und "nichts sagende Mehrheiten" aber auch "Konzerne" nicht miteinander vergleichen.
    Im übrigen; Opel ist bereits seit längerer Zeit GM und damit ein US Konzern. Glaube Sie ernsthaft der würde wegen der "blauen Augen" der Kanzlerin in Deutschland seinen Standort festigen? Das Profit-Prinzip wenden aber alle Konzerne an, die nicht dem Standort Deutschland zuliebe auf eine Marge verzichten wollen und vor allem - denen die soziale Entwicklung absolut nicht interessiert.
    Sie könnten dieses Szenario ja einmal konsequent weiter bedenken.

  • @Energieelite

    Wenn wir 2020 wieder nachschlagen, werden wir feststellen, dass Deutschland weitere 1.500 Mrd. Euro Leistungsbilanzüberschüsse erzielt hat,
    und die von Ihnen aufgeführten Länder nicht!

  • @fx_gee

    Ja, rechnen müßte man können.

    1 Mrd. kWh (1 TWh) x 0,05 cent/kWh = 50 Mio. cent !

    = 500.000 Euro

    Sie sind Herrn Öttinger ebenbürtig! Hat die CDU schon bei Ihnen angefragt wegen eines Ministerpostens?!

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