Offene Wissenschaft Digitale Hochschulen sind noch Utopie

Der Austausch von Wissen und Informationen bietet Forschern große Chancen – doch in Deutschland werden sie kaum genutzt.
Kommentieren
Apps, die die Gesundheit von Patienten überwachen, könnten mehr leisten, wenn Forscher Zugriff auf anonymisierte Daten hätten. Quelle: mauritius images
Gesundheitshilfe durch Smartphone

Apps, die die Gesundheit von Patienten überwachen, könnten mehr leisten, wenn Forscher Zugriff auf anonymisierte Daten hätten.

(Foto: mauritius images)

BerlinMancher Herzkranke, Diabetiker oder Lungenkranke nutzt heute schon das Handy, um seine Krankheit akribisch zu beobachten. So speichert etwa eine App des Koblenzer Unternehmens Qurasoft nicht nur die Lungenfunktionsdaten der Patienten, sondern zugleich Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie den für Allergiker so entscheidenden Pollenflug. Gedacht ist die App als elektronisches Tagebuch für den Arzt.

Doch sie könnte noch viel mehr: „Hätten Forscher Zugriff auf all die anonymisierten Daten der Lungenpatienten, würde das womöglich zu ganz neuen medizinischen Erkenntnissen und Heilungsmethoden führen“, meint Volker Meyer-Guckel, Vizegeneralsekretär des Stifterverbandes. Das Beispiel zeige, welch ungeahnte Möglichkeiten die Öffnung der Wissenschaft („Open Science“) biete – etwa wie hier durch massenhafte Kooperation mit Patienten. Vor allem in der IT, der Pharmabranche und der Medizin.

Doch bisher reicht Open Science oft nur bis zur Veröffentlichung von Fachartikeln mit freiem Zugang für alle. „Was aber den Transfer und eine mögliche Wertschöpfung durch Kooperation mit Externen angeht – da hört das Denken in den Hochschulen meistens auf“, sagt Meyer Guckel mit Blick auf das jüngste Hochschul-Barometer, eine jährliche Umfrage von Stifterverband und Heinz-Nixdorf-Stiftung unter Hochschulleitungen, die dem Handelsblatt vorliegt.

Aktuell sieht danach nicht mal jeder zweite Hochschulchef große Potenziale durch die Kooperation mit bisher unüblichen Partnern wie Betroffenen, Patienten, Internetnutzern oder schlicht fachfremden Forschern – bei staatlichen Unis sind es sogar nur 30 Prozent. „Hier werden Innovationspotenziale nicht ausgeschöpft“, mahnt der Stifterverband.

Etwas offener sind die Hochschulen offenbar beim Thema Open Data, also der Bereitstellung von Forschungsdaten für andere. Mehr als 80 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sich hier in den nächsten Jahren sehr viel tun wird.

Deutsche Forscher legen Daten nur selten offen

Aktuell herrscht jedoch noch Zurückhaltung: Bei einer Befragung von 1564 vorrangig deutschen Forschern gaben nur 13 Prozent an, in der Vergangenheit Daten offengelegt haben, heißt es in einer Studie für den Stifterverband. Gut die Hälfte der Forscher hatte lediglich Kollegen, die sie persönlich kennen, schon einmal Daten überlassen.

Da aber Daten auch außerhalb der Wissenschaft „einen hohen Nachnutzungswert besitzen, lohnt sich eine gezielte Förderung der Verfügbarmachung“, fordern die Autoren. Denn es hapere ganz generell an der Vernetzung von Wissenschaft und innovativen Unternehmen.

Die Studie kam über die Analyse der Netzwerke in der Fachliteratur zu dem Ergebnis, dass beide Sphären vorwiegend getrennt diskutieren und agieren: Die Wissenschaft denkt viel zu selten an die potenzielle Verwertung ihres Wissens, und von den Unternehmen geht nur jedes fünfte eine Innovationspartnerschaft mit Forschern ein. Die Autoren plädieren daher dafür, Open Science gezielt voranzutreiben – zum Nutzen aller Beteiligten.

Auch Carsten Buhr, Chef des Berliner Wissenschaftsverlags De Gruyter, berichtet, dass „viele Forscher ihre Daten nicht teilen möchten, selbst wenn ihnen das nicht direkt schaden würde“. Zudem seien die Datenmengen oft so groß, dass Verlage für Speicherung und Aufarbeitung entsprechende Gebühren verlangen müssten. „Deshalb machen das viele Unis eher handgestrickt selbst mit Werksstudenten innerhalb bestehender Etats, die aber längerfristig nicht ausreichen, um in neue Systeme zu investieren.“

 Am weitesten ist die Hochschule 4.0 beim freien Zugang zu Informationen („Open Access“): Laut Studie waren 2013 gut 50 Prozent der wissenschaftlichen Artikel, die deutsche Autoren 2007 bis 2012 in Journals veröffentlicht hatten, kostenfrei online verfügbar – das ist immerhin europäischer Durchschnitt. Die große Masse der Hochschulen hat heute eine Open-Access-Strategie oder arbeitet an einer.

Offen ist allerdings die Zukunft der Kooperation mit den Verlagen. Seit 2016 verhandelt der scheidende Hochschulrektorenpräsident Horst Hippler für die gesamte deutsche Wissenschaft mit den großen der Branche – Elsevier, Springer Nature und Wiley – über ein bundesweites Lizenzierungsverfahren: Am Ende soll ein Abkommen stehen, das mehreren Hundert Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Bibliotheken den Vollzugriff auf die Verlagsprogramme sichert – wobei sie auf günstige Preise hoffen.

Zudem sollen alle Veröffentlichungen von Forschern deutscher Einrichtungen zugleich frei zugänglich werden. Der Preis soll sich an der Online-Nachfrage orientieren. Eine Einigung ist noch nicht in Sicht.

Startseite

0 Kommentare zu "Offene Wissenschaft: Digitale Hochschulen sind noch Utopie"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%