Ohne Krankenschutz Die Unversicherten

In Deutschland ist eine Krankenversicherung per Gesetz Pflicht. Und doch gibt es Hunderttausende, die keine Versicherung haben. Eine Katastrophe im Krankheitsfall – nicht nur für die Betroffenen.
30 Kommentare
In Deutschland haben hunderttausende Menschen keine Krankenversicherung, obwohl das nach Gesetzeslage eigentlich unmöglich ist. Quelle: Getty Images

In Deutschland haben hunderttausende Menschen keine Krankenversicherung, obwohl das nach Gesetzeslage eigentlich unmöglich ist.

(Foto: Getty Images)

DüsseldorfEs ist mal wieder soweit. Seine Muskeln verkrampfen sich, er hat sie nicht mehr unter Kontrolle und beißt sich auf die Zunge. Ihm wird schummrig. Dann kippt er um. Marek Majcrzak ist Epileptiker. Weil er seine Beiträge bei der Krankenkasse nicht bezahlen kann, lässt er sich bei der Malteser Migranten Medizin in Köln-Lindenthal nahe der Innenstadt untersuchen. Denn dort ist die Versorgung kostenlos.

In Deutschland haben hunderttausende Menschen keine Krankenversicherung, obwohl das nach Gesetzeslage eigentlich unmöglich ist. 2007 führte das Parlament die Versicherungspflicht für die gesetzliche, 2009 für die private Krankenversicherung ein. Die Bundesregierung hat die Gesetze erlassen, weil die Zahl der Unversicherten immer weiter anstieg. Nach Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes waren 2007 196.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Vier Jahre später waren es noch 137.000.

Diese Zahlen berücksichtigen allerdings nur Menschen mit festem Wohnsitz. Obdachlose oder Ausländer, die sich illegal in Deutschland aufhalten sind nicht mit eingerechnet. Es sind aber nicht nur Randgruppen, die keine Versicherung haben. Auch etliche selbstständige Unternehmer sparen sich aus finanziellen Gründen die Versicherung. Die Folgen: Unversicherte werden in Krankenhäusern nur behandelt, wenn es sich um einen Notfall handelt. Also bei lebensbedrohlichen Krankheiten oder akuten Schmerzen.

Eine Frau betritt die Malteser Migranten Medizin (MMM) in Köln. Sie kommt aus Angola und versteht kaum Deutsch. Die Empfangsdame versucht sich mit Zeichensprache mit der Frau zu verständigen, doch es klappt nicht. Eine Kollegin kann aber Portugiesisch und so kann die Behandlung beginnen.

Die MMM gibt es in 13 deutschen Städten und nicht nur Migranten suchen sie auf. In ihrem Standort in Berlin ist jeder dritte Patient deutsch, in München jeder Fünfte. Insgesamt arbeiten etwa 80 bis 90 Menschen ehrenamtlich für die MMM. Darunter befinden sich Allgemeinmediziner und Fachärzte wie Kinder- und Zahnärzte oder Gynäkologen. Außerdem helfen Empfangsdamen oder Dolmetscher.

Seit ihrem Bestehen besuchten 90.000 Patienten die MMM, 1300 Kinder wurden mit ihrer Hilfe geboren. Oft zögern die Patienten der MMM lange bis sie zum Arzt kommen. „Die Patienten kommen zu spät und so wird aus einer behandelbaren Krankheit ein ernste Erkrankung mit bleibenden Schäden“, sagt Claudia Kaminski, Pressesprecherin der Malteser. Häufige Erkrankungen der Patienten der MMM sind Zahnprobleme, Tumorerkrankungen, Infektionen oder Verletzungen durch einen Unfall.

Nicht nur Patienten ohne Versicherung werden nur im Notfall behandelt. Das gilt auch für Patienten wie Marek Majcrzak, die sich ihre Beiträge nicht mehr leisten können. Majcrzak, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Mitglied bei der „AOK“. Seit 18 Jahren lebt der Pole in Deutschland. Durch einen Gefängnisaufenthalt verlor er vor zwei Monaten seine Wohnung und seinen Beruf. Seitdem lebt er in Köln auf der Straße. Für seine Beiträge bei der AOK hat er kein Geld. Deshalb besucht er die MMM.

Krankenkassenrückstände in Milliardenhöhe
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Ohne Krankenschutz - Die Unversicherten

30 Kommentare zu "Ohne Krankenschutz: Die Unversicherten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Jeder, jeder muss zwangsweise einzahlen. Es kann nicht sein, das diese (...) von der Allgemeinheit leben dürfen.

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Wenn die GKV nicht ständig ihre Leistungen kürzen würde, wären die Beitragssteigerungen noch höher als in der Privaten. Es ist einfach, auf der PKV herumzuhacken - viele (unwissende) plappern natürlich die Bildparolen nach.
    Wer glaubt denn, dass die Überführung der Rückstellungen in die GKV das Problem lösen würde? Die Milliarden hätte die Öffentliche Hand schneller verprasst für Flughäfen, Bahnhöfe oder Elbphilharmonien als wir piep sagen können!

  • Solange sich die Politiker hinstellen und immer wieder unser Gesundheitssystem in den Himmel heben, wird sich am Grundübel nichts ändern.
    Die Politiker werden von der Gesundheitslobby dazu eingespannt, in keinem Falle etwas am System zu ändern.
    Jeder fährt gut dabei und kann die Versicherten abzocken.
    Egal ob GKV oder PKV jeder will nur Junge versichern in der Hoffnung das keine Leistungen entstehen.
    Man nehme die GKV, die mit aller Macht verhindert das Personen ab 55+ noch in ihr System kommen.
    Bei der PKV ist es umgekehrt, man saugt die Kohorten der 60 jährigen bis aufs Blut aus, und unternimmt alles, dass diese nicht einmal innerhalb der PKV wechseln können.
    Das ganze System stinkt. Wie kann ein System funktionieren, bei dem PKV und GKV gegeneinander arbeiten.
    Wir haben kein funktionierenden Dualsystem, sondern zwei geschlossene Systeme die mit den Versicheten den Affen machen. Der Versicherte steht zwischen den Stühlen und hat nur mit Schikanen, Ablehnungen und Gesetzen zu tun. Die im Zweifel immer für den Versicherer gut ausgelegt werden.
    Man sollte echt daran gehen, das jeder nach seinen finanziellen Möglichkeiten an der Finanzierung beteiligt wird, und es auch in der PKV ein gesundes Verhältnis von Versicherungsbeitrag und Einkommen gibt. Der angebliche Vorteil in den Leistungen der PKV kann nicht rechtfertigen, dass man im Rentenalter in Armut gerät, und Sozialleistungen beantragen muss. Ein Gesundheitssystem das auf der einen Seite Rücklagen hortet, und trotzdem im Alter unbezahlbar wird, gehört abgeschafft.
    Da sollte man echt überlegen, ob nicht ein Umlagesystem für alle das bessere wäre. Macht endlich die Bürgerversicherung für alle. GIbt den Privatversicherten ihre Altersrückstellungen und überführt das ganze in ein gesetzliches System. Dann sollen die privaten sich mit Zusatzversicherungen zu Tode kalkulieren.

  • Das sind wirklich keine Einzelschicksale. Mein Mann (50) und ich (59) haben es am eigenen Leib erlebt und erleben es immer noch. Mein Mann, im Ausland geboren, seit unserer Heirat vor 20 Jahren in Deutschland, seit 12 Jahren deutscher Staatsangehöriger, ist auch ohne Krankenversicherung. Und das obwohl ich selbständige Versicherungsagentin bin seit 25 Jahren! Da auch er als Kaufmann selbständig ist, bleibt nur die PKV. Wir haben über Jahre versucht, ihn unterzubringen. Wegen Vorerkrankungen wollte ihn niemand haben! Dann kam das Gesetz zur Versicherungspflicht und dann die Schaffung des Basistarifes in der PKV (damit ja alle einen Versicherungsschutz auch ohne Gesundheitsfragen erhalten können)! Dem Gesetzgeber recht herzlichen Dank dafür. Wir verdienen nicht genug, um fast 700 EUR für diesen Tarif plus Pflegepflicht zu zahlen! Meine private Krankenversicherung kostet ja schon fast 600 EUR (kein Luxustarif mit hoher SB), dazu kommt die private Altersversorgung für uns beide. Wir erwarten seit Jahren nach Abgabe der Steuererklärung die Rückfrage, wo denn mein Mann krankenversichert sei. Kann dann ich als Ehefrau verdonnert werden, das Erbe meiner Eltern (das meiner eigenen Altersversorgung dient)für die Krankenversicherung meines Mannes zu verbrauchen? Sollte dies der Fall sein, so gehe ich bis zum Bundesgerichtshof! Fazit: man kann also auch völlig unverschuldet ohne Krankenversicherungsschutz sein!
    Mit freundlichen Grüßen
    Anette Klingenberg

  • Das sind keine Einzelschicksale, sondern einige Beispiele von vielen. Gut versorgt ist nur der privat versicherte.
    Es bedient sich die Ärzteschaft, due Pharmaindustrie und die hochqualifizierten rumänischen Großfamilien, aber mit Sicherheit nicht der "normale" deutsche GKV-Versicherte.

  • @bankenmensch. Ja sicher Einzelschicksale sind immer ein Problem und kein System auf eine Allegemeinheit angewandt, kann alles und jede Möglichkeit erfassen und schon gar nicht dem gerecht werden. Es ging in diesem Artikel aber um das liebe Geld und die hohen Beiträge weniger um die Leistung und schon gar nicht um Einzelschicksale. Trotzdem bleibe ich bei der Aussage, Deutschland ein gutes Versorgungssystem an dem sich jeder bedient wie es ihm lustig ist. Das gilt es einzuschränken, dann bekommen wir auch die Kosten besser in den Griff, haben mehr Beitragszahler und ein insgesamt stabileres Gesundheitssystem ohne, dass wir jemanden etwas wegnehmen. Ausser vielleicht 400,00 € p.a.(natürlich nur wenn er oder sie sich gesundheitlich versorgen lässt).

    Herzliche Grüße


    Michael Herzberg

  • Krebspatientin, 35 Jahre alt. Diagnose Brustkrebs, Chemo etc schlägt alles nicht richtig an. Ein Spezialist in Frankfurt hat eine spezielle, bereits mehrfach erfolgreiche Methode - die letzte Hoffnung für die Patientin. Der Arzt sagt ihr: "klären Sie erstmal mit Ihrer Krankenkasse die Kostenübernahme." Gezahlt wurde nicht. Die junge Frau ist mittlerweile verstorben.

  • Hier wird in manchen Beiträgen arg pauschalisiert. Es ist doch nicht so, dass nur die, welche nicht wollen oder irgendwann Zahlungsrückstände hatten, unversichert sind.

    Für einige zehntausend Menschen ist das ein unlösbares Problem, denn sie haben eine schlechte Gesundheitsversorgung bzw. gar keine, obwohl sie Jahrzehnte solidarisch Sozialabgaben zahlten, irgendwann aus welchem Grund auch immer in die PKV wechselten, die im Alter bei ca. 7 % Beitragszuschuss von der Bruttorente unbezahlbar wurde und natürlich bereit sind, einen Beitrag zu zahlen, der mit ihrer Rente kompatibel ist.

    Der Gesetzgeber hat ihnen, die immerhin weiter Steuerzahler sind, die Tür zu der gesetzlichen KVdR geschlossen und ihnen auch sonst jede Möglichkeit genommen, sich zu einem vernünftigen Beitrag ordentlich zu versichern, hat sie einfach im Regen stehen lassen.

    Das ist der gleicher Gesetzgeber, der sich gleichzeitig vorbildlich für alle Neuankömmlinge sorgt, die hier nie etwas geleistet hatten, aber aus Sozialkassen mit Großfamilien versorgt werden. Und bitte, das ist kein fremdenfeindlicher Populismus, sondern Fakt.

  • Beispiel gefällig?
    Patient mit gebrochenem Ellbogengelenk. OP gut verlaufen, Arm 2 Monate in Gips. Die Physiotherapeutin sagt, der Arm braucht ein halbes Jahr lang 3 Anwendungen Physiotherapie pro Woche, sonst beliebt er (teilweise) steif. Der Arzt verschreibt insgesamt 18 Anwendungen, danach keine mehr. Begründung: Der Leistungskatalog der GKV sagt, man sei nach den 18 Anwendungen gesund. Die Realität sieht zwar anders aus, aber die GKV zahlt trotzdem nicht.

  • Der Zahnarzt lässt sich einen Vertrag über eine private Honorarvereinbarung unterschreiben - ansonsten fängt er nicht an zu arbeiten. Und ihm ist es egal, ob er einen Kassen- oder Privatpatienten behandelt - und woher der Patient das Geld für die Begleichung der Rechnung bekommt. Das ist nur ein Beispiel von vielen.
    Ein gute Gesundheitsversorgung in Deutschland bestreite ich - zumindest für Kassenpatienten.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%