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Olaf Köller im Interview Wie man Mädchen in Naturwissenschaften und Technik besser fördern kann

Ein „Girls' Day“ reicht laut dem renommierten Pädagogen Köller nicht aus, um Mädchen für MINT-Fächer zu begeistern. Der Kontakt müsse früher erfolgen.
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Laut Olaf Köller sollten Mädchen der Physik und Chemie früher begegnen, um entsprechende Interessen ausbilden zu können. Quelle: Imago/Westend61
MINT-Fächer

Laut Olaf Köller sollten Mädchen der Physik und Chemie früher begegnen, um entsprechende Interessen ausbilden zu können.

(Foto: Imago/Westend61)

BerlinOlaf Köller leitet das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel. Er sieht durchaus Wege, mehr Mädchen in MINT-Berufe zu locken.

Herr Köller, die US-Mathematikerin Karen Uhlenbeck hat gerade als erste Frau den Abel-Preis – eine Art Nobelpreis für Mathematik – bekommen. Geht es aufwärts?
In Mathematik auf jeden Fall. Schülerinnen belegen zunehmend Mathematik-Leistungskurse, es gibt hier auch viele Lehramtsstudentinnen. Mathematik ist also das kleinere Problem – die großen Baustellen sind Physik, Chemie, Informatik und die Ingenieurwissenschaften.

Liegen wir international zurück?
Es ist in den Industrienationen ein weltweites Phänomen, dass sich Frauen weniger für solche Fächer interessieren. Die Ausnahmen sind immer und überall Biologie, Life-Sciences – und in Technikfächern alles, was mit Umwelt zu tun hat. In den früheren Ostblockstaaten war das anders, allerdings politisch gesteuert.

In Ländern wie der Türkei oder Saudi-Arabien werden viel mehr Frauen Ingenieurinnen. Woher kommt das?
Ja, wir beobachten das in vielen arabischen Ländern – denn der Ingenieurberuf bietet ihnen die Chance, beruflich und gesellschaftlich aufzusteigen. Das verliert sich, je mehr Freiheit es in einer Gesellschaft für die individuelle Berufswahl gibt.

Weil man bei uns auch mit Kunstgeschichte überleben kann?
Vor allem, weil Wirtschaftswissenschaften und Jura in Industrieländern eine echte Alternative für Frauen sind. BWL ist ihr liebstes Studienfach. Und weil es ebenfalls hohe Einkommen verspricht, kümmert es Frauen wenig, dass Betriebe händeringend MINT-Fachkräfte suchen.

Auch in Großbritannien und Dänemark gibt es mehr MINT-Frauen. Wie können auch wir mehr in diese Mangelberufe holen?
Die Identität – wer bin ich, was will ich? – bildet sich in der Sekundarstufe eins, also in Klasse fünf bis zehn, stark aus. Biologie gibt es schon früh ab der fünften Klasse, Physik und Chemie erst viel später, wenn die dann ohnehin meist reiferen Mädchen ihre Vorlieben schon ausgebildet haben. Informatik kommt oft sogar erst in der Oberstufe dazu.

Was ist also zu tun?
Ein Weg kann sein, in den ersten Jahren nach der Grundschule einen integrierten Naturwissenschaftsunterricht, der alle drei Fächer berücksichtigt, anzubieten. So begegnen die Mädchen der Physik und Chemie früher und können entsprechende Interessen ausbilden. Jungen kommen auch leichter außerschulisch mit Physik oder Technik in Kontakt, Väter dienen teilweise als Modell. Dabei interessieren sich junge Mädchen durchaus für Physik und Chemie, das sieht man deutlich an den Projekten der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. Mädchen brauchen mehr und längerfristig solche Angebote.

Der „Girls’ Day“, der diese Woche wieder stattfindet, hilft nicht?
Er ist nice to have, aber nur ein Tag. Es ist naiv zu glauben, damit Mädchen in der Breite mehr für Naturwissenschaft und Technik interessieren zu können.

Wie wichtig sind Vorbilder?
Sie sind entscheidend. Man kann Fotos, Geschichten, Filme erfolgreicher Naturwissenschaftlerinnen oder Ingenieurinnen in die Schule holen. Das wirkt authentisch, ähnlich stark wie Geschichte mit Zeitzeugen. Sie dürfen aber nicht agieren wie Männer.

Warum nicht?
Wenn Sie Mädchen Wissenschaftlerinnen oder Ingenieurinnen präsentieren, die stolz sind, 80 Stunden die Woche zu arbeiten, und für die Kinder nur ein Randthema sind, wirkt das nur abschreckend. Role-Models müssen die Vereinbarkeit von Karriere und Familie zeigen. Das ist einer der Gründe, warum Frauen vor allem nach der Promotion aus der Wissenschaft aussteigen. Wir gewinnen heute keine Forscherinnen mehr, wenn wir erzählen, dass sie rund um die Uhr im Lab stehen müssen – und auch keine Ingenieurinnen.

Das beeinflussen auch die Eltern ...
Natürlich. Wenn beide Vollzeit arbeiten, heißt das praktisch oft, dass Sie 40 Stunden arbeitet und sich 40 Stunden den Kindern und dem Haushalt widmet. Er arbeitet 60 Stunden und vielleicht 15 Stunden für Kinder und Haushalt. Das wollen Frauen nicht nachahmen. Und das müssen wir akzeptieren, wenn wir sie in die MINT-Berufe locken wollen.

In der Lehre ist die Kluft viel größer: Unter den 20 beliebtesten Berufen der Frauen ist kein einziger gewerblich-technischer ...
Richtig. Gut qualifizierte Mädchen wählen oft kaufmännische Berufe – obwohl sie als Mechatronikerinnen im Zweifel besser verdienen. Daran kann auch ein bisschen Berufsorientierung in den letzten Klassen nichts ändern, denn die Interessen sind da schon ausgebildet. MINT-Werbung muss viel früher beginnen.

Viele Chefs scheuen weibliche Azubis: Deshalb haben Mädchen bei der Bewerbung schlechtere Chancen – ganz besonders in MINT-Berufen.
Da herrschen robuste Stereotype bei Arbeitgebern: „Mädchen interessiert das nicht, Mädchen können das nicht – also können sie auch nicht erfolgreich sein.“ Im Mittel sind Mädchen tatsächlich weniger MINT-interessiert, wir müssen aber Wege ebnen, wenn eine Frau Mechatronikerin werden möchte und dafür enormes Interesse mitbringt. Derselbe Mechanismus greift übrigens bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Auch sie werden von Lehrherren selbst bei gleichen Noten seltener berücksichtigt.

Sind wir überhaupt weitergekommen in den letzten 40 bis 50 Jahren?
Ja, schon. In der Medizin und in Fächern wie der Psychologie haben Frauen enorm aufgeholt. Aber im MINT-Bereich liegen wir eben noch sehr weit zurück.

Und nun?
Das Wissen um den Fachkräftemangel reicht jedenfalls offenbar nicht. Nötig sind mehr Anreize und Kampagnen von Politik und Verbänden, um Arbeitgeber zu motivieren, sich für junge Frauen noch attraktiver zu machen. Das gibt es ja teilweise auch für leistungsschwache Schulabgänger.

Olaf Köller ist der Leiter des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel. Quelle: Pressebild
Olaf Köller

Olaf Köller ist der Leiter des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel.

(Foto: Pressebild)

Ihr Institut, das IPN, organisiert Naturwissenschafts-„Olympiaden“. Wie sieht es denn da aus?
Auch in der Schule herrschen Stereotype vor vom Topschüler in Physik oder Chemie: Der ist männlich und kein Migrant. Deshalb sensibilisieren wir die Lehrer ausdrücklich, dass sich auch Mädchen bewerben sollen. Und es wirkt: Der Anteil in der Physik-Olympiade ist über die Jahre von deutlich unter 20 auf über 30 Prozent gestiegen. Es geht.

Heute gibt es in der Informatik oder Ingenieurfächern nur zehn bis 15 Prozent Frauen – was ist möglich?
Sicher kein Gleichstand – das ist auch nicht nötig. Aber ein Viertel oder Drittel könnte man erreichen mit früher Ansprache und stärkerer Berücksichtigung der Interessen der Mädchen – das wäre ja schon enorm hilfreich für den Arbeitsmarkt.

Herr Köller, vielen Dank für das Interview.

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