Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Ottmar Edenhofer im Interview Merkels Klimaberater: „Die Bepreisung von CO2 muss in den Mittelpunkt rücken“

Ottmar Edenhofer plädiert für einen CO2-Preis von 50 Euro ab 2020 und warnt vor Milliardenstrafen, wenn die Bundesregierung weiter untätig bleibt.
2 Kommentare
Der Klima-Ökonom traut Europa eine Vorreiterrolle beim internationalen Emissionshandel zu. Quelle: imago/IPON
Ottmar Edenhofer

Der Klima-Ökonom traut Europa eine Vorreiterrolle beim internationalen Emissionshandel zu.

(Foto: imago/IPON)

Merkel-Berater Ottmar Edenhofer fordert von der Bundesregierung rasche Entscheidungen im Klimaschutz: „Die Option, einfach nichts zu tun, hat die Politik nicht“, sagt der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Interview mit dem Handelsblatt. Wenn nichts geschehe, seien die Klimaschutzziele für 2030 nicht zu erreichen.

Außerdem drohten Strafzahlungen an die EU in Milliardenhöhe. Edenhofer nimmt am Donnerstag an der Sitzung des Klimakabinetts teil. Das Gremium tagt unter der Leitung von Kanzlerin Angela Merkel und berät über den künftigen Kurs in der Klimaschutzpolitik.

Erste Beschlüsse sollen im September gefasst werden. Edenhofer empfiehlt die Einführung eines CO2-Preises für die Sektoren Verkehr und Gebäude. Zum Einstieg schlägt er ab 2020 einen Preis von 50 Euro je Tonne CO2 vor, der bis 2030 auf 130 Euro steigt. Die Idee einer CO2-Steuer ist nicht unumstritten. Insbesondere in der Union regt sich Widerstand.

Das komplette Interview lesen Sie hier:

Herr Edenhofer, am Donnerstag tagt das Klimakabinett. Welche Erwartungen knüpfen Sie daran?
Ich erwarte, dass das Klimakabinett das Thema CO2-Preisreform in seiner ganzen Breite aufgreift. Wir brauchen ein klares Signal dafür, die Bepreisung von CO2 in den Mittelpunkt der Klimapolitik zu rücken.

Was muss geschehen?
Wir haben das in unserem Gutachten sehr deutlich gemacht: Es gibt einen langfristigen Konvergenzpunkt, nämlich einen europäischen Emissionshandel, der ab 2030 alle Sektoren umfasst – natürlich ergänzt um einen Mindestpreis. Aber bis dahin ist es noch ein längerer Weg. Wir brauchen daher dringend auch kurzfristige Lösungen.

Welche?
Wir sehen zwei Optionen. Entweder man führt eine CO2-Steuer ein, oder man etabliert einen nationalen Emissionshandel für die Sektoren, die nicht vom europäischen Emissionshandelssystem erfasst sind.

Welche Lösung bevorzugen Sie?
Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Die CO2-Steuer ließe sich administrativ leichter umsetzen. Man würde dazu die bestehenden Energiesteuersätze anpassen und am CO2-Gehalt des Energieträgers ausrichten. Die Politik muss sich allerdings auch zutrauen, die Steuersätze beständig anzupassen, wenn die Konjunktur sich verändert oder Öl- oder Gaspreise schwanken.

Warum?
Es ist eine Illusion, zu glauben, man könnte einen Einstiegspreis von beispielsweise 50 Euro je Tonne CO2 über zehn Jahre einfach beibehalten. Man wird den Wert vielmehr schrittweise erhöhen müssen, um die Mengenziele zu erreichen. Das ist für die Politik eine schwierige Aufgabe. Insofern hat ein nationaler Emissionshandel Vorteile. Er ist zwar administrativ schwieriger umzusetzen, aber die Preise ändern sich automatisch, wenn sich die Konjunktur ändert oder die Ölpreise schwanken. Falls die Politik die Steuersätze nicht permanent anpassen will oder kann, ist ein nationaler Emissionshandel mit Höchst- und Mindestpreis vorzuziehen. Die Belastungen für die Bürgerinnen und Bürger bleiben übrigens in beiden Fällen gleich.

Grafik

Welchen CO2-Preis setzen Sie an?
Wir gehen in unserem Gutachten davon aus, dass man bei einer Steuer im Jahr 2020 mit 50 Euro je Tonne CO2 beginnt und den Wert bis 2030 auf 130 Euro steigert. Bei einem Emissionshandel läge der Mindestpreis 2020 bei 35 und müsste bis 2030 auf 70 Euro ansteigen. Der Höchstpreis läge im gleichen Zeitraum zwischen 70 Euro und 180 Euro.

Was geschieht, wenn die Große Koalition sich nicht durchringen kann, Ihrem Rat zu folgen?
Die Option, einfach nichts zu tun, hat die Politik nicht. Wenn nichts passiert, sind die Klimaschutzziele für 2030 nicht zu erreichen.

Aber das hat die Politik auch mit Blick auf 2020 nicht davon abgehalten, nichts oder zumindest zu wenig zu tun.
Das stimmt. Neu ist aber, dass jetzt Strafzahlungen an die EU drohen. Und die müssen die Bürgerinnen und Bürger am Ende ja auch bezahlen.

Über welche Größenordnungen reden wir da?
Wie hoch die Strafzahlungen ausfallen, weiß niemand genau. Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits lässt sich nicht sagen, in welchem Umfang die Ziele verfehlt würden. Andererseits kennen wir den Preis nicht, zu dem wir bei Nichterreichen der Ziele Zertifikate von anderen Mitgliedstaaten kaufen müssten. Da die Reduktionsziele durchaus anspruchsvoll sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Überschüsse in anderen EU-Staaten besonders groß wären. Die Preise würden dann entsprechend hoch ausfallen. Wenn man von 50 Euro pro Tonne ausgeht, reden wir bei einer entsprechenden Zielverfehlung von über drei Milliarden Euro pro Jahr. Bis 2030 kämen dann also 30 Milliarden Euro zusammen. Das ist ein signifikanter Betrag, der im Bundeshaushalt fehlen würde.

Nehmen wir an, die Große Koalition führt einen CO2-Preis in den Sektoren Verkehr und Gebäude ein – müssten die Preise in den beiden Sektoren unterschiedlich hoch sein?
Wir sprechen uns in unserem Gutachten klar für einen einheitlichen Preis aus: zunächst für die Sektoren Verkehr und Wärme. Mittelfristig sollte der Preis für alle Sektoren der gleiche sein. Das ist allerdings ein Prozess, der sich über einige Jahre hinziehen wird.

Für den Verkehrssektor wäre ein einheitlicher Preis günstig, weil dort die Vermeidungskosten sehr hoch sind. Bei einem niedrigen CO2-Preis müsste in diesem Sektor also nichts passieren.
Ich höre dieses Argument immer wieder. Es ist aber nicht stichhaltig. Wenn die Verbraucher und Investoren davon ausgehen müssen, dass sie bis 2030 für die Tonne CO2 130 Euro zahlen werden, dann wird auch im Verkehrssektor eine ganze Menge passieren. Unsere Ziele sind so ehrgeizig, dass dort reduziert werden muss, wo dies zu geringsten Kosten möglich ist. Eigene Preise im Verkehrs- oder Wärmebereich würden dem System dagegen die Flexibilität nehmen; auch werden wir den Verkehrs- und Wärmesektor elektrifizieren müssen. Daher müssen diese Sektoren mit dem Stromsektor gekoppelt werden. Dafür ist ein einheitlicher Preis Voraussetzung.

Kann der CO2-Preis im Verkehrssektor überhaupt eine Lenkungswirkung entfalten? Der Berufspendler, der auf sein Auto angewiesen ist, wird am Ende fast jeden Spritpreis zahlen.
Empirisch ist das nicht zu halten. Wir sehen auch im Verkehrssektor, dass Preissteigerungen mittel- und langfristig zu Emissionsminderung führen.

Wie soll die Entlastung für die Bürger organisiert werden?
Die einkommensschwachen Bürger könnte man etwa über eine jährliche Pauschalzahlung entlasten. Außerdem bietet sich an, die Stromsteuer auf das europarechtliche zulässige Mindestmaß abzusenken. Davon würden alle Haushalte profitieren.

Es wird Härtefälle geben, etwa den sozial schwachen Fernpendler, der in einer schlecht gedämmten Wohnung lebt.
Der einkommensschwache Fernpendler profitiert ja von der Pauschalzahlung. Es wird Härtefälle geben, und die sollte man über einen Fonds absichern. Das Beispiel vom Fernpendler mit schlecht isolierter Wohnung wird zwar immer wieder als Beispiel für die befürchteten sozialen Verwerfungen ins Feld geführt, wird aber in seiner quantitativen Bedeutung überstrapaziert. Wir sollten aber auch deutlich machen, dass Haushalte durch die CO2-Bepreisung unterm Strich netto gewinnen können, etwa die vierköpfige Familie mit Normaleinkommen oder die Rentnerin auf dem Land. Aber es werden nicht alle gleichermaßen gewinnen.

Stichwort Entlastung: Wie soll die Kompensation für den Teil der energieintensiven Industrie aussehen, der im internationalen Wettbewerb steht?
Hier plädiere ich dafür, einfach und schlicht die bestehenden Ausnahmeregelungen beizubehalten, die schon entsprechend austariert sind.

Am Ende Ihrer Überlegungen steht die Ausweitung des bestehenden europäischen Emissionshandels auf alle Sektoren. Wie realistisch ist das?
Natürlich wären das anstrengende Verhandlungen mit ungewissem Ausgang. Dennoch glaube ich, dass das ein politisch gangbarer Weg wäre. Deutschland müsste eine „Koalition der Willigen“ schmieden. Als anfängliche Koalitionspartner kämen etwa die Niederlande und Frankreich in Betracht. An die ärmeren Staaten müssten entsprechende Transferzahlungen geleistet werden, damit sie mitmachen. Am Ende würden alle Mitgliedstaaten in der EU davon profitieren, weil die europäischen Ziele zu vergleichsweise geringen Kosten erreicht werden.

Steht die EU mit ihrem Emissionshandelssystem am Ende allein da?
Ich kann nur dazu raten, über den Tag hinaus zu denken. Auch China experimentiert mit einem nationalen Emissionshandel. In den USA wird über eine CO2-Steuer diskutiert, auch bei den Republikanern. Natürlich wird unter einem US-Präsidenten Donald Trump keine nationale CO2-Steuer eingeführt, aber Trump bleibt nicht ewig Präsident. Man kann sich also durchaus vorstellen, dass wir 2030 auf eine Welt zusteuern, in der zwischen der EU, China und den USA ein gemeinsamer Markt zur CO2-Minderung entsteht. Gelänge es der EU, ein funktionierendes CO2-Bepreisungssystem auf die Beine zu stellen, wäre die EU nicht nur Vorbild, es würde auch die Position der EU in den internationalen Verhandlungen stärken.

Bei steigenden CO2-Preisen werden auch technisch aufwendige Varianten der CO2-Vermeidung, etwa die Abscheidung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage, kurz CCS), interessant. Müsste die Bundesregierung dafür nicht auch eher heute als morgen die Weichen stellen?
Um das Ziel der Nullemissionen bis 2050 zu erreichen, benötigen wir negative Emissionen. Ohne CCS wird es nicht gehen. Auch CCU, also die Nutzung von CO2 als Rohstoff, kann eine Rolle spielen, ebenso synthetische Kraftstoffe. Beim Erhalt und Management natürlicher Kohlenstoffsenken wächst der Landwirtschaft eine wichtige Aufgabe zu. Es ist daher unverzichtbar, dass die Politik diese Themen jetzt angeht.

Herr Edenhofer, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Klimaschutz kann auch ein Geschäftsmodell sein, kommentiert Gastautorin Sabine Nallinger.

Startseite

Mehr zu: Ottmar Edenhofer im Interview - Merkels Klimaberater: „Die Bepreisung von CO2 muss in den Mittelpunkt rücken“

2 Kommentare zu "Ottmar Edenhofer im Interview: Merkels Klimaberater: „Die Bepreisung von CO2 muss in den Mittelpunkt rücken“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wieder ein sog. Experte, der sich durch die Klimawandelhysterie versucht in den Vordergrund zu spielen.

    Einfaches Kopfrechnen genügt. Wir sind verantwortlich für 2 - 3 % der CO2-Belastung weltweit. Selbst wenn wir uns auf null stellen, hat dies keinen Einfluss auf den Klimawandel, den es im übrigen schon seit Jahrmillionen auf der Erde gibt- nur Volksvermögen in astronomischer Größenordnung wird verschleudert.
    In den nächsten 10 bis 15 Jahren gibt es in China, Indien, Brasilien und Russland 1.400 Kohlekraftwerke in Betrieb. Wir könnten mit unserem Geld effektivere Dinge für die Umwelt tun.
    Das wären mal wertbringende Antworten vom Experten Edenhofer.

    Den restlichen Schmarrn erzählen uns schon die sog. Umweltaktivisten, die für nichts Verantwortung haben und ständig deutsches Recht brechen und dem Rechtstaat Millionen und aber Millionen für Polizei etc. kosten.
    Jeder soll sich informieren - aber bitte nicht durch Nachplappern von Parolen - und dann selbst Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen.
    Anderen Vorgaben machen, wie sie ihr Leben zu führen haben, ist mit Verlaub eine Anmaßung und asozial.

    Schönen Tag wünscht Peter Michael

  • Eine Co2- Bepreisung bringt meiner Meinung nach gar nichts; es ist wieder eine neue Steuer, deren Einnahmen irgendwo verwurstelt werden. Ich bin mir sehr sicher, dass alles nur verschlimmbessert wird. Irgendwo wird für die normale Bevölkerung ein wenig bei der EEG-Umlage gestrichen, aber z.B. bei den Treibstoffkosten einige hundert Euro mehr zu zahlen sind. Wir zum Beispiel sind im Ruhestand und möchten wenigstens 1 x im Monat unsere Enkelkinder sehen; dass sind schon fast 10.000 km im Jahr. Aber: die nächsten Wahlen werden das klären.

Serviceangebote