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Pandemie Chaos um Luftfilter in Schulen – Experten warnen vor weiterem Jahr Wechselunterricht

Die Technologie gilt als wichtiger Schlüssel für einen normalen Schulbeginn. Doch viele Länder verweigern sich. Experten sind entsetzt.
03.07.2021 Update: 04.07.2021 - 10:41 Uhr Kommentieren
Wie gut sind die Länder auf das kommende Schuljahr vorbereitet? Eine Handelsblatt-Umfrage zeigt große Unterschiede. Quelle: dpa
Luftfilteranlagen im Landtag von Nordrhein-Westfalen

Wie gut sind die Länder auf das kommende Schuljahr vorbereitet? Eine Handelsblatt-Umfrage zeigt große Unterschiede.

(Foto: dpa)

Berlin Mit der Verbreitung der Delta-Variante kocht auch die Debatte über die Vorbereitung der Schulen auf den Herbst hoch – vor allem um den Einsatz von Filteranlagen. Sie sollen die Viren aus der Luft absaugen, sind aber trotz Fördermittel vom Bund bislang kaum verbreitet in Deutschlands Schulen.

Dabei halten Epidemiologen wie Markus Scholz von der Universität Leipzig die Geräte für sinnvoll, um die Öffnung der Schulen nach dem Sommer zu ermöglichen.

Wegen der eingeschränkten Impfung von Kindern und Jugendlichen seien sie mit regelmäßigen Schnelltests ein wirksames Mittel, die Aerosolbelastung zu verringern, sagte er dem Handelsblatt. „Es ist aber bedauerlich, dass bereits sehr viel Zeit verloren wurde, denn genau die gleiche Diskussion hatten wir bereits vor knapp einem Jahr.“

Auch die Kanzlerkandidatin der Grünen Annalena Baerbock fordert massive Investitionen, um sämtliche Schulen in Deutschland gegen Corona zu wappnen. „Es muss eine Luftfilteranlage für jeden Klassenraum in diesem Land zur Verfügung gestellt werden“, sagte sie in einem Gespräch mit der Funke Mediengruppe..

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    „Ja, das kostet Geld. Aber ich nehme nicht hin, dass wir wieder in eine Situation geraten, wo ein Teil der Kinder von Zuhause aus lernen muss, nur weil keine Vorsorge geleistet wurde.“ Manche Kinder hätten so sehr unter der Situation gelitten, dass sie das gesamte ABC verlernt oder psychische Folgen davongetragen hätten.

    Ausbau geht schleppend voran

    Erst am 12. Mai beschloss das Bundeskabinett etwa eine Förderung von stationären Luftfiltern in Schulen, in denen unter Zwölfjährige unterrichtet werden. Der Grund: Diese werden im Herbst anders als die Älteren noch nicht geimpft, also besonders anfällig für Covid-Infektionen, sein.

    Bis zum ersten Juli waren nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums allerdings nur 176 Anträge für den Neueinbau eingegangen, bisher wurden 84 Zusagen mit einem Volumen von rund 21 Millionen Euro verschickt. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es mehr als 32.000 allgemeinbildende Schulen.

    Auch eine Handelsblatt-Umfrage unter allen Bundesländern zeigt, wie schleppend der Ausbau vorangeht. Viele Kultusminister wissen nicht einmal, wie viele Schulen bereits Luftfilter verbaut haben. Sie verweisen auf die für die Schulbauten zuständigen Kommunen, die den Ball wiederum zurückspielen.

    Die Kultusminister hätten weder eine Bestandsaufnahme geliefert, noch klar Erwartungen formuliert, heißt es beim Städte- und Gemeindebund. Natürlich dürfe man jetzt nicht wieder Zeit vertrödeln – brauche aber zusätzliches Geld vom Bund. 

    Viele Schulminister halten Luftfilter auch gar nicht für entscheidend – und verweisen zur Rechtfertigung auf das Bundesumweltamt. So heißt es etwa in Baden-Württemberg, sowohl das Amt als auch der landeseigene Expertenkreis Aerosole „sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Luftfilter als zusätzliche Maßnahme sinnvoll sein können, sprechen sich aber nicht für einen generellen Einsatz dieser Geräte aus“. 

    Sachsen wiederum argumentiert, dass „Luftfilteranlagen ohnehin nur ein klitzekleiner Mosaikstein im Schutzsystem“ wären. „Das regelmäßige Stoßlüften erachten wir als wesentlich wirksamer.“ In Sachsen hätten Kommunen sich auch nicht nur auf das Umweltbundesamt verlassen, sondern den Einsatz selbst mit wissenschaftlicher Begleitung getestet – „und von einem flächendeckenden Einsatz wieder Abstand genommen“, so eine Sprecherin des Kultusministeriums. 

    Hamburg verweist zudem auf die Leitlinie zu „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung in Schulen“ eines Expertengremiums im Auftrage des Bundesbildungsministeriums.

    Kritik an der Förderung

    Auch darin sei die Nutzung von Luftfilteranlagen „nur im Ausnahmefall empfohlen“. Stattdessen setzt auch Hamburg auf Lüften, Tests und – als eines von nur noch fünf Ländern – auf Maskenpflicht im Unterricht. Empört reagiert Hamburg auf den Appell von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Luftfilteranlagen einzubauen. Kinder und Jugendliche hätten es verdient, dass es die oberste Priorität ist, dass Schulen nach den Ferien so normal wie möglich starten können“, sagte er. Dafür stelle der Bund die Mittel bereit. Aber: „Das Einbauen von Filtern in Schulen, das kann der Bund nicht.“

    Hamburg wiederum beklagt, dass sich das Förderprogramm nur auf fest zu installierende Luftfilteranlagen bezieht, die Aerosole herausfiltern sollen. „Planung und Installation einer solchen Anlage für ein Bestandsschulgebäude würde nach Auskunft von Fachleuten je nach baulichen Gegebenheiten mindestens ein Jahr dauern – das hilft für das kommende Schuljahr also nicht“, sagte der Sprecher des Bildungssenats.  

    Zudem würden mit der vorgesehenen Fördersumme „nur weniger als ein Prozent der Klassenzimmer in Deutschland ausgestattet werden können“. Die Kultusminister hätten diese „sehr in die Irre führende Werbemaßnahme des Bundes bereits deutlich kritisiert“.

    Damit ein normaler Schulalltag wieder möglich ist, sollen Luftfiltergeräte helfen. Quelle: dpa
    Luftfilter im Klassenzimmer

    Damit ein normaler Schulalltag wieder möglich ist, sollen Luftfiltergeräte helfen.

    (Foto: dpa)

    Den Grünen-Gesundheitsexperten Janosch Dahmen entsetzt das übliche Hin- und Herschieben von Verantwortung zwischen Bund und Ländern. „Ich erkenne keinen ausreichenden Ansatz, das Problem von Infektionsgefahren durch Aerosolbildung in Klassenräumen systematisch anzugehen“, sagte er dem Handelsblatt. „Es reicht nicht, nur Mittel für Luftfilter und Lüftungen bereitzustellen, sondern es müssen nach eineinhalb Jahren Pandemie endlich funktionierende Lüftungskonzepte vor Ort auch umgesetzt werden.“

    Dazu gehöre auch, die Bedingung der Förderrichtlinie anzupassen, die sich nur auf Schüler unter zwölf bezieht. „Das ist Augenwischerei“, kritisierte Dahmen, denn auch für ältere Schüler werde die Impfung nur eingeschränkt empfohlen und zudem „werden bis zum neuen Schuljahr nicht alle ein Impfangebot erhalten haben“. 

    „Statt sich vorausschauend endlich um die Kinder zu kümmern, kippt die Bundesregierung die Verantwortung den Schulen vor die Füße, die es materiell und organisatorisch nicht allein lösen können.“ Die Folge sei, dass das Schuljahr wie im vergangenen Jahr ohne funktionierende Konzepte beginnen werde.

    Der FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann fürchtet gar, dass die Länder „absehbar und freiwillig auf ein weiteres Semester mit Fern- und Wechselunterricht zusteuern“. Das könne nicht das Ziel sein, insbesondere im Hinblick auf die Delta-Variante oder gar neue Varianten. Es sei „ein Skandal“, wenn die Länder die Schulen in den Sommerferien nicht aufrüsten würden. Luftfilteranlagen könnten Schulschließungen vermeiden.

    Einige Bundesländer preschen vor

    „Sie können Aerosole mit Coronaviren oder anderen Viren in Innenräumen reduzieren und sind somit ein wichtiges Präventionsmodul von vielen Schutzmaßnahmen“, sagte Ullmann. „Daher müssen die Länder dafür sorgen, dass sie konsequent und flächendeckend eingesetzt werden, ansonsten wird es frostig in Deutschlands Schulen.“

    Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) warnt bereits vor größeren Corona-Ausbrüchen in Klassenzimmern nach den Sommerferien. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es nach den Ferien und besonders in den Wintermonaten immer wieder zu Ausbrüchen an einzelnen Schulen kommen kann“, sagte sie dem „Spiegel“. Man sei noch nicht über den Berg. Ziel müsse es sein, die Infektionen schnell zu erkennen, „damit es höchstens zu kurzfristigen Unterbrechungen im Unterricht an den Schulen kommt“. 

    Einige wenige Länder haben jedoch durchaus spezielle eigene Förderprogramme für Filter. Rheinland-Pfalz sei hier schon 2020 aktiv geworden: Von den sechs Millionen Euro für mobile Luftfilteranlagen seien drei Millionen beantragt und bewilligt worden. Nutznießer seien rund 1300 Schulen landesweit.

    Auch das Saarland hat vier Millionen Euro bereitgestellt, davon seien bisher 480.000 Euro für rund 200 Klassenräume abgerufen worden. Bremen berichtet, dass dort in den 141 öffentlichen Schulen aktuell rund 2400 mobile Luftreinigungsgeräte im Einsatz seien, weitere könnten bestellt werden. 

    Von den Ministerpräsidenten macht lediglich der Bayer Markus Söder (CSU) Druck auf die Kommunen: „Wir haben fast 100.000 Klassenzimmer und Übungsräume, aber die Kommunen haben nur 14.000 Filteranlagen angeschafft oder bestellt. Das reicht nicht“, kritisierte er und drohte mit einer Landesanweisung.

    Doch Söders Kultusministerium teilt mit, dass die 37 Millionen Euro, die das Land für Filteranlagen in den Schulen bereitgestellt hatte, bereits „nahezu vollständig verausgabt“ seien. 

    Der Deutsche Lehrerverband hatte sich bereits empört gezeigt, dass die Mehrzahl der Länder „fahrlässigerweise“ die Maskenpflicht im Unterricht ausgesetzt habe. „Viel wichtiger wäre, dass sie für den Herbst ausreichend Filteranlagen und digitale Ausrüstung besorgen“, sagte Lehrer-Präsident Heinz-Peter Meidinger dem Handelsblatt. „Stattdessen macht die Kultusministerkonferenz den gleichen Fehler wie im Sommer 2020, als sie bereits einmal voreilig die Pandemie für beendet erklärte.“

    Mit Agenturmaterial

    Mehr: Trotz Delta-Variante: Länder heben Maskenpflicht in Schulen auf – Lehrerverband reagiert entsetzt

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