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Pandemie Steigende Infektionszahlen: Ist die Coronalage wirklich so dramatisch?

Die Inzidenz steigt täglich weiter an und die Warnungen vor einer Auslastung der Intensivstationen sind zurück. Dabei fehlen Daten, die helfen, den Pandemieverlauf vorherzusagen.
28.10.2021 - 17:59 Uhr 2 Kommentare
Den Krankenhäusern fehlt medizinisches Personal. Quelle: imago images/Max Stein
Covid-Intensivstation in Dresden

Den Krankenhäusern fehlt medizinisches Personal.

(Foto: imago images/Max Stein)

Berlin Angesichts steigender Corona-Fallzahlen wächst die Sorge vor der vierten Infektionswelle im Herbst und Winter. So warnte die Deutsche Krankenhausgesellschaft vor einer „kritischen Situation der Pandemie“. Und nach Einschätzung des Weltärztebundes arbeiten das Pflegepersonal auf Intensivstationen und die Ärzte bereits am Anschlag.

Sorge bereitet auch der sprunghafte Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz von 118 auf 130,2. Vor einer Woche lag der Wert noch bei 85,6. Er gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche an.

Auch die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Coronapatienten pro 100.000 Einwohner stieg von 3,07 auf 3,31. Der Wert hat die Zahl der Neuinfektionen als maßgeblichen Indikator für den Pandemieverlauf abgelöst. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

„Aktuell steigen die Fallzahlen rasant“, sagte der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz dem Handelsblatt. Dieser Trend sei aufgrund der kälteren Jahreszeit allerdings auch so zu erwarten gewesen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach vor wenigen Monaten gar von einer möglichen Sieben-Tage-Inzidenz von 800 im Oktober.

Von diesem Horrorszenario ist Deutschland weit entfernt. Das zeigt, wie schwer der Verlauf der vierten Welle tatsächlich vorherzusagen ist – und damit auch die Warnungen der Intensivmedizin und Krankenhäuser einzuordnen sind. Der Verlauf hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab, die derzeit nur eine Momentaufnahme zulassen.

Schwere Verläufe bei Geimpften befürchtet

„Die langfristige Pandemieentwicklung lässt sich nach wie vor schlecht abschätzen“, sagte auch Epidemiologe Scholz. Als einen zentralen Punkt nennt der Experte die abflauende Impfwirkung, die auch in Ländern wie Israel zu einem rapiden Anstieg der Infektionszahlen führte. Dort ist mittlerweile ein Großteil der Bevölkerung ein drittes Mal geimpft. Auch der Schutz vor schweren Verläufen nehme langsam ab, sagte Scholz. So würden über die Wintersaison auch Geimpfte wieder schwere Verläufe haben.

Ein Indikator dafür sind die stark steigenden Infektionszahlen unter Älteren und die steigende Zahl der Impfdurchbrüche. Laut Robert Koch-Institut (RKI) waren in den vergangenen Wochen rund 30 Prozent der in den Kliniken behandelten Coronapatienten über 60 Jahre vollständig geimpft. Diese Altersgruppe erhielt bereits im Frühjahr eine Impfung.

„Hinzu kommt, dass wir für diese Saison eine stärkere Grippewelle erwarten, die auch zur Belastung der Intensivstationen beiträgt“, sagte Scholz. Außerdem sei nur schwer vorhersehbar, wie sich die Zahl der Erst- und Drittimpfungen entwickle.

Aufgrund der vielen Unbekannten lässt sich auch nicht die zentrale Frage beantworten, ob und wann die Intensivstationen an ihre Grenzen kommen. Ähnliche Warnungen hatten sich schon in den vorangegangenen Wellen nicht erfüllt – auch wegen Maßnahmen wie Lockdown und Schulschließungen.

Insgesamt werden laut dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) derzeit 1800 Coronapatienten intensivmedizinisch behandelt – 500 mehr als noch Anfang Oktober. Der Verlauf der Kurve zeigt steil nach oben. Aber wo sie endet, kann Divi nicht beantworten. Die Vereinigung arbeitet derzeit an einem Prognosemodell, um den Verlauf der vierten Welle besser einschätzen zu können. Doch das sei eine komplexe Angelegenheit, heißt es.

„Wir werden alle Patienten versorgen können, da bin ich mir sicher“, sagte Divi-Chef Gernot Marx dem Handelsblatt. „Aber es werden hierzu wieder Operationen abgesagt wie auch Pflegepersonal aus anderen Bereichen abgezogen werden müssen.“ Die Intensivmedizin sei zudem in der „absurden Situation“, dass weniger Betten zur Verfügung stünden. Im Vergleich zum Oktober 2020 gebe es 300 Covidpatienten mehr auf den Intensivstationen, aber gleichzeitig stünden etwa 4500 Betten weniger zur Verfügung.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wagte immerhin die Prognose, dass die Zahl der Corona-Intensivpatienten in zwei Wochen bei 3000 liege. Zum Vergleich: Zur Hochzeit im Januar lag die Zahl bei 5700. „Auch wenn die Krankenhäuser dies leisten können, wird es dann nicht ohne Einschränkung des Regelbetriebs ablaufen können“, warnte Verbandschef Gerald Gaß.

Andere halten solche Warnungen für übertrieben. „Ich halte es für unangemessen, repetitiv vor einer Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen zu warnen“, sagte der Direktor der Uniklinik Essen, Jochen Werner, dem Handelsblatt. Das Krankenhaus behandelt derzeit 18 Coronapatienten auf der Intensivstation, ähnlich viele wie vor einem Jahr. „Wir befinden uns mittlerweile in einem transparenten, aber auch trainierten Zustand und haben gelernt, mit der Lage umzugehen.“

Länder verschärfen Coronaregeln

Die „Panikmache“ schade vor allem all den nicht an Covid-19 erkrankten Patientinnen und Patienten, die Angst bekommen, kein Bett mehr zu erhalten, schlechter versorgt zu werden oder sich im Krankenhaus gar mit Corona anzustecken. „Diese Sorgen können nicht nur schwer kranke Menschen schwer belasten“, sagte Werner. „Es hilft auch den unter Druck stehenden Pflegekräften in keiner Weise, immer wieder den Zusammenbruch ganzer Versorgungsstrukturen vor Augen geführt zu bekommen.“ Jeder Patient könne davon ausgehen, die bestmögliche Versorgung zu erhalten.

In einigen Bundesländern führt die Intensivbettenbelegung bereits dazu, dass die Coronamaßnahmen wieder angezogen werden. In Baden-Württemberg etwa nähert sich die Zahl der Corona-Intensivpatienten der Marke 250 an, die für härtere Gegenmaßnahmen entscheidend ist.

Wird der Wert an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen erreicht oder überschritten, ruft Baden-Württemberg die sogenannte Warnstufe mit strengeren Regeln vor allem für Ungeimpfte aus, die etwa Kontaktbeschränkungen vorsehen. Entspricht der Wert an zwei aufeinanderfolgenden Tagen 390 oder mehr, sieht der Stufenplan eine verpflichtende 2G-Regel vor, die einem Lockdown für Ungeimpfte gleichkommt.

Am ehesten entspricht der derzeitige Pandemieverlauf einem Modell des RKI aus dem Sommer, das bei einer vergleichbaren Impfquote und ähnlichen Coronamaßnahmen für den Oktober einen starken Anstieg der Inzidenzzahlen vorhersagte. Demnach würde die Fallzahl bis in den Dezember hinein auf 400 ansteigen und dann wieder abflachen. In diesem Szenario wären die Intensivbetten mit einer Belegung von über 6000 Covidpatienten wieder ähnlich stark ausgelastet wie zur Hochzeit im Januar.

Impfquote weiterhin entscheidend

Um eine stärkere Belastung des Gesundheitswesens zu vermeiden, müsse mindestens eine Impfquote von 75 Prozent erreicht werden. Das Ziel müsse aber sein, dass sich mindestens 85 Prozent der Zwölf- bis 59-Jährigen vollständig impfen lassen. In der Gruppe über 60 Jahre hält das RKI gar eine Impfquote von 90 Prozent für nötig. Die Quote der vollständig geimpften Bürger liegt derzeit bei 66,4 Prozent. Bei den über 60-Jährigen beträgt sie inzwischen 85,1 Prozent und in der Altersgruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen 40,6 Prozent.

Entscheidend für den Verlauf der vierten Welle wird also vor allem sein, wie viele Menschen sich erst- und drittimpfen lassen. Der geschäftsführende Gesundheitsminister Spahn rief am Donnerstag zu einer solchen Verstärkung („Booster“) länger zurückliegender Impfungen auf.

Tatsächlich sind die Fallzahlen in Regionen wie Thüringen, Bayern und Sachsen dort am höchsten, wo die Impfquote besonders niedrig ist. Auch das Papier der Ampelfraktionen von SPD, Grünen und FDP sieht deswegen ein höheres Impftempo vor und will dafür ein Praktiker-Panel einberufen, um Vorschläge zu erarbeiten. Allerdings wollen sich einer Forsa-Umfrage zufolge neun von zehn Nichtgeimpften in Deutschland auch in den kommenden acht Wochen nicht gegen Corona impfen lassen.

Mehr: Deutschland rauscht planlos in den Corona-Winter

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2 Kommentare zu "Pandemie: Steigende Infektionszahlen: Ist die Coronalage wirklich so dramatisch?"

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  • Meine volle Zustimmung Herr Bajohr.

    Erstaunlich ist, dass in einer Leitmedien mal prominent und ohne wenn und aber darauf hingewiesen wird, dass 4.500 Intensivbetten - mitten in der größten Gesundheitskatastrophe unseres Landes - abgebaut werden.
    So kann man natürlich sehr viel leichter darauf hinweisen, dass die bösen Ungeimpften dafür sorgen, dass die Intensivbetten nicht ausreichen.,
    Ist jedenfalls ein Zeichen dafür, dass offensichtlich die gesundheitlichen Risiken nicht für besorgniserregend angesehen werden oder die Personaler im Gesundheitswesen sind total unqualifiziert, für eine ausreichende "Personaldecke" zu sorgen und deshalb die Zahl der betreibbaren Intensivbetten reduziert sind.
    Meiner Meinung nach ist der größte Fachkräftemangel in den leitenden politischen Positionen.

    Wir geben lieber Milliarden für die Wiedergutmachung angerichteten wirtschaftlichen Schadens aus anstatt einen Bruchteil davon für Personal im Gesundheitswesen auszugeben.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Unterstellungen und Verdächtigungen ohne Bezug oder glaubwürdige Argumente, die durch keine Quellen gestützt werden, sind nicht erwünscht.
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