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Pandemiebekämpfung Abschied vom Inzidenz-Wert: Bund will Corona-Politik neu ausrichten

Steigende Fallzahlen allein sollen nicht mehr zu einem Lockdown führen – auch andere Indikatoren sollen betrachtet werden. Eine andere Frage bereitet der Politik mehr Sorgen.
12.07.2021 Update: 12.07.2021 - 17:51 Uhr 1 Kommentar
Insgesamt sind nun knapp 43 Prozent der Menschen vollständig geimpft. Quelle: dpa
Volle Innenstadt

Insgesamt sind nun knapp 43 Prozent der Menschen vollständig geimpft.

(Foto: dpa)

Berlin Die Bundesregierung will neben der Sieben-Tage-Inzidenz auch weitere Kennzahlen heranziehen, um über mögliche Corona-Maßnahmen zu entscheiden. Die Zahl bleibe zwar ein wichtiger Indikator, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Eine Rückkehr zur Bundesnotbremse solle aber nicht mehr automatisch an den Anstieg der Infektionszahlen gekoppelt werden. Das Instrument, das bundesweite Corona-Maßnahmen wie eine Ausgangssperre oder Ladenschließungen an die Sieben-Tage-Inzidenz knüpfte, lief Ende Juni nach rund zwei Monaten aus.

Der Wert gibt an, wie viele Personen sich pro 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche angesteckt haben. Man werde Corona-Maßnahmen künftig auch von den Fortschritten beim Impfen und der Zahl der Krankenhauseinweisungen abhängig machen, sagte Seibert. Der Zusammenhang zwischen den Neuinfektionen und etwa der Zahl der Intensivpatienten habe sich möglicherweise verändert. Einen politischen Strategiewechsel gebe es aber erst mal nicht.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte am Montag 324 neue Positivtests gemeldet – das sind 112 mehr als am Montag vor einer Woche. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg den sechsten Tag in Folge an und liegt nun bei einem Wert von 6,4. Auch das RKI empfiehlt eine Abkehr von der Inzidenz als einzigem Gradmesser und stellt die „Hospitalisierung als zusätzlichen Leitindikator“ vor. Die „Bild“-Zeitung hatte zuerst darüber berichtet.

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Der Industrieverband BDI forderte, bei den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mehr als nur den Inzidenzwert in den Blick zu nehmen. „Politik muss mit Blick auf Testpflichten, Hygiene-, Impf- und Einreiseregelungen evidenzbasiert vorgehen“, erklärt Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans will ebenfalls neben dem Inzidenzwert andere Faktoren bei der Beurteilung der Corona-Pandemie hinzuziehen. „Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir in diesem Herbst nicht allein auf die Inzidenz starren“, sagte der CDU-Politiker im ZDF.

Debatte über den Informationswert der Inzidenz

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte hingegen, er wolle von der Sieben-Tage-Inzidenz zur Beurteilung der Corona-Lage vorerst nicht abrücken. Dies halte er für verfrüht. Es sei aber „sehr sinnvoll“, etwa die Zahlen der Krankenhauseinweisungen dazu in Relation zu setzen und zudem einen Koeffizienten zu finden, der die hohe Zahl der Geimpften berücksichtige. Vielleicht müsse man Grenzwerte auch erhöhen.

Grundlage für die Einschätzung ist die Annahme, dass das Gesundheitswesen bei hohen Fallzahlen durch die fortschreitenden Impfungen deutlich geringer belastet wird. Wer geimpft ist, den schützen die zugelassenen Vakzine mit einem hohen Prozentsatz vor einem schweren Krankheitsverlauf. „Da die gefährdeten Risikogruppen geimpft sind, bedeutet eine hohe Inzidenz nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag.

„Die Inzidenz verliert zunehmend an Aussagekraft, wir benötigen nun noch detailliertere Informationen über die Lage in den Kliniken.“ Spahn unterzeichnete nach Ministeriumsangaben eine neue Verordnung. Sie verpflichtet Kliniken dazu, mehr Details zu Covid-Patienten zu übermitteln. Sie soll noch am Dienstag in Kraft treten.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) reagierte auf den Vorstoß zurückhaltend. Es sei zwar „absolut vernünftig“, auch die Krankenhausbelegung zur Einschätzung der Pandemie heranzuziehen, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Gerald Gaß dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die DKG verwies aber darauf, dass es bereits umfassende Meldepflichten zu Corona-Patienten gebe. So müssten die Kliniken schon jetzt Krankheitsverdacht, Erkrankung oder Tod in Bezug auf Covid-19 an die Gesundheitsämter melden. Hinzu kämen weitere Angaben etwa über Zeitpunkt oder Zeitraum der Infektion und auch zum Impfstatus.

Unklar blieb am Montag, ob Maßnahmen wie Schulschließungen künftig auch weiter an bestimmte Inzidenzwerte gekoppelt werden sollen oder nicht. Denn wie Kinder und Jugendliche weiterhin geschützt werden sollen, die sich nur eingeschränkt impfen lassen können, ist noch völlig offen. Fachleute warnen vor Langzeitschäden besonders in der Altersgruppe unter zwölf Jahren, für die noch kein Vakzin zugelassen ist.

Eine Corona-Politik, in der nur Krankenhauseinweisungen eine Rolle spielen, wäre deswegen falsch, twitterte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. „Durchseuchung der Kinder und zahllose Long-Covid-Fälle wären die Folge.“

Aufmerksam wird die Lage in Ländern wie Großbritannien beobachtet. Der britische Premier Boris Johnson hatte angekündigt, zum 19. Juli alle Corona-Maßnahmen aufzuheben – trotz einer seit Juni stark steigenden Sieben-Tage-Inzidenz, die nun bei einem Wert von über 300 liegt. Zwar sterben auch wieder mehr Menschen an dem Coronavirus oder müssen ins Krankenhaus eingeliefert werden – allerdings auf einem weitaus niedrigeren Niveau als bei den vorangegangenen Wellen. In dem Land ist bislang etwas mehr als jeder Zweite vollständig geimpft.

Eine Frage der Geschwindigkeit

In Deutschland bereitet das Impftempo hingegen zusehends Sorgen. Am Sonntag seien so wenige Menschen geimpft worden wie zuletzt im Februar, schrieb CDU-Politiker Spahn am Montag auf Twitter. „Anders als im Februar ist nun aber genug Impfstoff da“, fügte er hinzu. Tatsächlich sinkt die Zahl der durchschnittlichen täglichen Impfungen seit mehr als einem Monat.



Während der Wert Anfang Juni noch 860.000 betrug, lag er am Montag nur noch bei knapp 620.000. Mehrere Politiker und Verbände hatten in der vergangenen Woche deswegen Aktionen und Anreize für Impfungen gefordert.

Insgesamt sind nun knapp 43 Prozent der Menschen im Land vollständig geimpft. Wie entscheidend der Wert dafür ist, wie gut Deutschland durch den Herbst und Winter kommt, zeigt ein RKI-Bericht. Um eine stärkere Belastung des Gesundheitswesens zu vermeiden, müsse mindestens eine Impfquote von 75 Prozent erreicht werden, heißt es darin. Darunter komme es spätestens im Oktober zu einem starken Anstieg der Inzidenzen und Intensivbettenbelegung.

Der Chef des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung (ZI), Dominik Stillfried, sieht bislang noch gelassen auf die zurückgehenden Impfungen. Um eine Impfquote von 75 Prozent bis zum Herbst zu erreichen, müssten noch rund 500.000 Impfdosen pro Tag bis zum dritten Quartal verimpft werden. „Wir könnten das Impftempo sogar noch verlangsamen, um diese Quote zu erreichen, so es die Impfbereitschaft hergibt”, sagte Stillfried.

Mehr: Deutschland droht im Herbst ein Corona-Déjà-vu

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1 Kommentar zu "Pandemiebekämpfung: Abschied vom Inzidenz-Wert: Bund will Corona-Politik neu ausrichten"

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  • Mit Vollgas in den nächsten Lockdown: Wir haben ja nicht nur einen Intensivbetten-Skandal, sondern es ist auch lukrativ für Krankenhäuser, Corona-Patienten zu haben. Die Krankenhäuser haben deshalb auch gerne Patienten zu Corona-Patienten erklärt, deren Test zwar positiv war, aber die nicht an Corona erkrankt waren. So lange die Finanzierung so geregelt ist, werden wir immer überlastete Krankenhäuser und überlastetes Personal haben. Die Krankenhäuser müssen ja nur fleißig testen - je mehr Tests, desto mehr Positive.

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