Peer Steinbrück „Ackermann hatte Recht“

„Wir befinden uns im Jahr vier der Krise“: Peer Steinbrück sieht die Folgen der Finanzkrise noch nicht vollständig überwunden. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht der frühere Bundesfinanzminister über unterkapitalisierte Banken, Europas Schuldenprobleme – und einen möglichen Kanzlerkandidaten Steinbrück.
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SPD-Politiker Steinbrück: "Das Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen." Quelle: dpa

SPD-Politiker Steinbrück: "Das Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen."

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HB: Herr Steinbrück, vor zwei Jahren haben Sie auf der IWF-Jahrestagung mit den Finanzministerkollegen an einem Notfallplan gegen den Zusammenbruch des Weltfinanzsystems gearbeitet. Ist die Krise heute vorbei?

Steinbrück: Nein, wir haben die schlimmsten Folgen der internationalen Finanzkrise hinter uns, aber das Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir uns im Jahr vier der Krise befinden.

Warum so pessimistisch?

Die Fakten sprechen für sich: Makroökonomische Ungleichgewichte in der Welt gelten fort. Beispielsweise die unverändert hohe Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von Kapitalzuflüssen aus China oder die Unwuchten in der Euro-Zone, in der einige Länder einer unseligen Kombination aus exzessiver Verschuldung und abnehmender Wettbewerbsfähigkeit unterliegen. Auch die überraschend gute Wirtschaftsentwicklung in Deutschland ist noch kein Beleg dafür, dass die Krise überwunden ist. Ich halte beispielsweise einige deutsche Banken für deutlich unterkapitalisiert.

Welche?

Um Himmels Willen, ich nenne doch hier öffentlich keine Namen. Es liegt aber auf der Hand, dass die Bilanzen einiger Banken durch den Ausfall von Krediten als Folge der Rezession noch einen Abschreibungsbedarf haben.

In Ihrem Buch beklagen Sie, dass wir noch weit davon entfernt sind, jeden Finanzmarktteilnehmer und jedes Finanzprodukt zu regulieren. Hat die Politik den Ernst der Lage noch nicht erkannt?

Einiges ist passiert. Richtig ist, dass dieses Prinzip, das beim ersten G20-Weltfinanzgipfel als wegweisend galt, bisher nicht umgesetzt wurde. Die US-Administration hat zwar ein beachtliches Bankenregulierungspaket durchgebracht und auch die neuen Eigenkapitalvorschriften Basel III sowie die Reform der Bankenaufsicht in Europa gehen in die richtige Richtung, aber vieles ist noch Flickwerk. Ich halte die bisherigen Reformen nicht für hinreichend, um eine Finanzkrise dieses Ausmaßes künftig zu verhindern.

Die Finanzindustrie führt die Politik also immer noch an der Leine?

Der Vergleich ist übertrieben. Aber es stimmt wohl, dass das Primat der Politik über die Interessen der international agierenden Finanzwirtschaft nur teilweise zurückerobert werden konnte. Wie das Kräftemessen zwischen Politik und einer entgrenzten Finanzindustrie am Ende ausgeht, ist noch offen. Ich hätte mir gewünscht, wir wären bei diesem Punkt deutlich weiter.

Für das nächste G20-Treffen Mitte November in Seoul erwarten Sie also keinen Durchbruch?

Die Staats- und Regierungschefs wollen sich vor allem mit der genauen Ausgestaltung der neuen Eigenkapitalvorschriften für Banken befassen. Da geht es um komplizierte Detailfragen, beispielsweise was demnächst noch zum harten Kernkapital gezählt wird. Jedes Land hat seine eigenen Interessen im Blick. Das gilt auch für Deutschland und die Besonderheit der stillen Einlagen, insbesondere im Sparkassensektor. An einen Durchbruch glaube ich deshalb nicht, allenfalls an eine Verständigung auf lange Übergangsfristen.

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17 Kommentare zu "Peer Steinbrück: „Ackermann hatte Recht“"

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  • Wie es in einem anderen Kommentar schon gesagt wurde: was soll man von diesem Politiker halten, der in seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Finanzminister und dann Ministerpräsident die dubiosen und riskanten Geschäfte der WestLb unterstützt hat ? bei der Wahrnehmung seiner Aufgabe, nämlich Kontrolle dieses landeseigenen instituts, hat er völlig versagt und damit einen wesentlichen beitrag zur desaströsen Lage dieses Möchtegern-Global-Players geleistet.

  • Ch-Gast super guter betrag.

  • ich möchte nur einen Punkt herausgreifen. Herr Steinbrück spricht von der Zurückeroberung des Primats der Politik. Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Man hat es doch freiwillig abgeben. Da gibt es zum beispiel einen Herrn Asmussen, dem äusserst enge Verbindungen zu einer Firma namens TSi GmbH nachgesagt werden. insider werden jetzt schmunzeln.

    Dann möchte ich an dieser Stelle auf ein Gutachten hinweisen, dass von der boston Consulting Group im Auftrag des Deutschen Finanzministeriums erstellt wurde. inhaltlich ging es um „Optimale staatliche Rahmenbedingungen für einen Kreditrisikomarkt / Verbriefungsmarkt für Kreditforderungen und – Risiken in Deutschland“. Sie erinnern sich vielleicht?

    An das Handelsblatt einen Vorschlag:
    Wie wäre es mit der befragung und Präsentation der Meinung und des Wissens solcher Experten, die sich in der Vergangenheit eben nicht dadurch ausgezeichnet haben, die Probleme, über die sie heute schwadronieren, mit verursacht zu haben? Hier schließe ich das interview des Herrn Waigel vom gestrigen Tage ausdrücklich mit ein.

  • Leider hat es der Sozialdemokrat Steinbrück verpasst, die Rechnung von den banken und ihren Eigentümern und Kontoinhabern zahlen zu lassen.
    Denn die banken haben ja auf Druck der Sparer und Aktionäre so aggressiv gehandelt.

    Der Staat hat sich nun zugunsten der Reicheren dieser Gesellschaft verschuldet und zahlt diesen dafür sogar noch Zinsen.

    Das ist reichlich dekadent.

    besser wäre es gewesen die bankenkrise von der Zentralbank bezahlen zu lassen, die in der Aufsicht grandios versagt hat.

    im Nachhinein ist die Entschuldung über den Kauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank noch heilbar.

    Mit dem Aufkauf von Anleihen 20.000 Euro pro Euro-Einwohner in den nächsten 10 Jahren wäre dies auch gerecht verteilt und würde die kritischen Staaten stark von den Zinsen entlasten, weil die Zinsen dann als Gewinn wieder zurück an die Staaten fließen.

    Dann wäre auch das Dekadenz-Problem der Steuerrückerstattung über Zinsen größtenteils gelöst und die Anleger müssten sich endlich Anlagen suchen anstatt die Arbeitnehmer als Hauptsteuerzahler zu belasten.

    Über 60 Milliarden Zinsen bei 60 Milliarden Neuschulden: ein Schuft der böses über die Generation Kreuzfahrt denkt.

  • @CH-Gast

    treffender hätte ich es als Deutscher auch nicht sagen können. Schlimm mit anzusehen, wie dieser Steinbrück das Scheinwerferlicht sucht. Als könnte er irgendeinen schlauen Rat zu Finanzen abgeben. Alles was er weiß, hat er sich von den bankern aufdiktieren lassen. Er hat denen immer freundlich zugespielt. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne den Schaden für das deutsche Volk dagegen abzuwägen. Wie hätte er es auch besser machen sollen? Er hatte doch überhaupt nicht kapiert, was um ihn rum passiert ist. Und jetzt verkauft er sich (und sein buch), als wäre es sein Wissen, auf das wir so sehr angewiesen sind. Wir sind mit einer unfähigen Kanzlerin schon genug gestraft. Noch so ein Kanzler der Unfähigkeit kann sich Deutschland wirklich nicht mehr leisten. ihr politisch gekauften Medien hört endlich auf den Steinbrück so zu hofieren!!!

  • Unsere Politiker sind doch nicht die wirklichen Spieler auf der politischen bühne, sondern nur die Schauspieler/Marionetten.
    Die Puppenspieler im Hintergrund rechnen langsam damit, daß die Regierung "Atom,- Pharma,- Finanz,- Hotel,- usw.-Merkel/Westerwelle" es nicht über die nächste Wahl schafft.
    Sie beginnen rechtzeitig damit, einen Ersatzman aufzubauen und knüpfen eine neue Marionette an ihre Fäden, damit ihnen die Kontrolle nicht wirklich entgleitet.
    Ähnlichkeiten zum Wechsel Schröder - Merkel sind natürlich reiner Zufall.

  • Populistischer Steinbrück-Mist
    Da hat einer seinen Eid irgendwie mißverstanden und wie folgt interpretiert: ... Nutzen abwehren ... und Schaden mehren ...
    Die EU-Finanzwirtschaft regulieren will er. Wir haben hier einen Religionsstifter vor uns.
    Dieser Mensch hat in der Tat die falschen Maschen und falschen Strickmuster und Webfehler des EURO-KLEiDES noch immer nicht erkannt. Dieses Kleid wird ihm aber selbstverständlich sprichwörtlich "vom Leib fallen".
    ?... Euro immer stabilisieren... ?
    ist klar, so ca. 2000 Jahre, hält dann doppelt so lange wie das 1000jährige Reich!
    ? ... Deutschland Strafe zahlen ...?
    Statt dieses interviews wäre er besser eine Runde um einen stillen See gelaufen - , um zu sich zu kommen. Unglaublich!
    Aber das ein ballon durch Aufblasen "beulen" davontrage, läßt uns an eine Freudsche Fehlleistung denken: An den vermehrten DRUCK. Den in seiner Partei. Die hat ja bekanntlich immer recht.

  • Zitat Steinbrück: "Es muss nicht gleich ein Schuldenerlass sein. Aber wahrscheinlich ist, dass über eine Stornierung von Zinszahlungen oder eine spätere Rückzahlung von griechischen Staatsanleihen eher früher als später geredet werden muss. Es ist auch gerecht, dass nicht nur der Steuerzahler für die Probleme in Griechenland gerade steht, sondern auch die Gläubiger, die immerhin üppige Renditen eingestrichen haben."
    ---
    bedeutet übersetzt eine Neuverhandlung der Schulden, eine Herabsetzung der Zinsen und eine Neuverhandlung der Laufzeiten. Das wird sicher auch ein mögliches Szenario für weitere überschuldete Staaten sein.

  • Dem Steinbrück glaube ich kein Wort. Was er sagt ist nur gut Wind machen für seine Kanzlerkandidatur. Aber auf so einen Kanzler können wir eben so verzichten wie auf Frau Merkel.

  • ich halte Herr Steinbrück für die beste Wahl in jeder Hinsicht. Herr Steinbrück ist einfach kein Schaumschläger der immer an den anderen Parteien herumsucht, bis er etwas hat und dann eine Schlammschlacht daraus macht. Er antwortet aus Überzeugung und lobt dabei auch Herr Schäuble der nicht der SPD angehört. bemerkenswert ist die Offenheit bei der Selbstkritik. Andere Kommentare hier sind nicht nachzuvollziehen hinsichtlich "@mono und aruba". Andere Politiker sind da weit weniger offen und sagen nie, was sie hätten besser machen können. Lieber suchen sie den Feind in der anderen Partei um nicht selbst der Sündbock zu sein. Die Grünen und FDP würden nie jemanden in der anderen Partei loben, ohne Hintergedanken und parteipolitischen Spielchen. ich hoffe inständig, dass wir als nächsten Kanzler jemand lernfähigen haben wie Herr Steinbrück. ich möchte an dieser Stelle auch auf Vorzeigepolitiker wie Frau Dr. Merkel und Herr Steinbrück hinsichtlich ihrer Teamfähigkeit hinweisen. beide sind Menschen die durch eigene Leistungen versuchen zu glänzen und nicht in dem sie die anderen als dumm darstellen. beide haben ohne Stress und Streit sehr gut regiert und die Ehe zwischen SPD und CDU war die beste die ich in meinen jungen Jahren mit erlebt habe. Wie konnte sich die CDU nur mit diesen Egoisten, Lobbyisten und Handlagern der Wirtschaft(FDP) verbünden?

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