Peter-André Alt im Interview Hochschul-Präsident wirbt für längeren Bachelor und kürzeren Master

Der neue Hochschulrektorenpräsident Alt will mehr Zivilcourage, ein Studium generale für alle und mehr Studenten in die Fachhochschulen schicken.
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„Das Studium generale darf kein reines Schnupperstudium sein.“ Quelle: picture alliance / Ulrich Baumga
Peter-André Alt

„Das Studium generale darf kein reines Schnupperstudium sein.“

(Foto: picture alliance / Ulrich Baumga)

BerlinDer neue Rektorenpräsident würde den Hochschulen gerne die größte Reform seit dem Bologna-Prozess zumuten.

Herr Alt, Autobauer schummeln, Facebook und Google verkaufen unsere Daten, die Chemie steht im Verdacht, Umwelt und Gesundheit zu schaden – die handelnden Personen sind alle Akademiker ...
Man darf in der Tat Menschen nicht nur fachlich qualifizieren, sondern muss sie auch dazu befähigen, frei zu denken und sich zu widersetzen, wenn Zumutungen an sie herangetragen werden. Zivilcourage kann man nicht als Fach ins Curriculum schreiben, und Wissen immunisiert nicht gegen Missbrauch. Auch Inquisitoren waren gelehrte Leute, dem Nationalsozialismus haben angesehene Wissenschaftler als Schergen gedient.

Es hilft, wenn wir potenzielle Gefahren aufzeigen, indem wir Studierenden die Geschichte ihrer Fächer vermitteln – und zwar allen: Auch Chemiker, Informatiker und Ingenieure müssen lernen, dass ihr Fach ideologisch, politisch oder aus Gewinnstreben missbraucht werden kann.

Zum Beispiel?
Fritz Haber hat einerseits die Ammoniaksynthese ermöglicht, die die Ernteerträge massiv verbessert und die Welternährung revolutioniert hat. Er hat aber auch Giftgas für den Ersten Weltkrieg entwickelt – das kam beides aus dem gleichen Kopf. So etwas gibt es in jeder Disziplin: Germanisten haben Schiller zum Vorläufer des Nationalsozialismus erklärt.

Deutsche Ingenieure waren dafür verantwortlich, dass „der Tod ein Meister aus Deutschland“ wurde, wie es bei Paul Celan heißt. Niemand weiß , wie er unter den Nazis gehandelt hätte. Aber man muss mit Studierenden darüber reden, welche Herausforderungen heute auf sie zukommen können.

Gibt es Vorbilder?
In den 60er- und 70er-Jahren hat man sich vielfach bemüht, in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern ein breiteres Wissen zu vermitteln, bis hin zu Literatur, Kunst und Philosophie. Das wurde in den 90ern überwiegend gestrichen. Jetzt bemühen sich viele, den Horizont der Studierenden wieder gezielt zu weiten.

Wie ist das Verhältnis von Hochschulen und Wirtschaft im Jahr 2018?
Produktiv, aber im Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Die Ingenieure kooperieren mustergültig, aber schon in der Pharmaforschung und der Medizinforschung stehen sehr geschlossene Systeme nebeneinander. In den 70ern und 80ern haben sich große Unternehmen noch Grundlagenforschung geleistet, heute agieren sie sehr kurzfristig, Grundlagenforschung findet nur noch in Universitäten und anderen staatlichen Forschungseinrichtungen statt.

Wir verschenken hier viel Potenzial – wir müssten viel mehr Industrieforscher in die Hochschulen holen und Forscher in die Unternehmen. Es ist im ureigensten Interesse der Industrie, sich wieder stärker mit uns zu vernetzen, denn unsere gut 200.000 Wissenschaftler bilden ein riesiges Expertenpotenzial, aus dem sie schöpfen könnten.

Wie ist die Lage der Hochschulen? Das Betreuungsverhältnis Professor/Student ist historisch schlecht.
In vielen Punkten läuft es gut. Baulich hat sich einiges getan, die Qualität der Bachelorprogramme ist besser geworden, die Lehre wird ernster genommen als früher. Wir werden auch künftig jährlich rund 500.000 Erstsemester haben. Deren Betreuung ist in der Tat ein Schwachpunkt, weil wir Qualität und Intensität nicht selbst in der Hand haben. Helfen kann nur eine Gesetzesänderung, damit wir nicht pro Professor immer und überall eine bestimmte Menge an Studierenden aufnehmen müssen.

An den Fachhochschulen ist die Betreuung besser als an Unis.
Das ist ein Grund, warum die Fachhochschulen deutlich mehr als nur ein Drittel der Studierenden unterrichten sollten. Das Studienangebot entspricht den Erwartungen vieler Studierender und eines erheblichen Teils des Arbeitsmarkts. Gerade im Massenfach BWL könnte man hier viel verlagern, ohne dass die Unis, wie aktuelle Rechenmodelle zeigen, Professuren abgeben müssten. Sie könnten sich im Gegenzug mehr auf die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und ihre Spezialfelder, darunter Jura, Medizin und Lehrerbildung, konzentrieren.

Aber kein Promotionsrecht für die Fachhochschulen?
Das muss bei den Unis bleiben. Aber sie müssen hier stärker und besser mit den Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Fachhochschulen zusammenarbeiten und mehr von deren guten Studierenden in Promotionsverfahren aufnehmen.

In Deutschland werden jährlich fast 30.000 Promotionen abgeschlossen – ist das nicht zu viel?
Diese Entwicklung müssen wir tatsächlich kritisch hinterfragen. Die hohen Zahlen haben ihre Ursache auch darin, dass in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – ein Doktortitel immer noch der Karriere hilft, etwa bei Juristen oder Chemikern. Aber wir täten uns einen Gefallen, wenn wir die Zahlen reduzierten.

Für die Hochschulen brauchen wir diese Masse jedenfalls nicht – denn am Ende bleibt nicht einmal jeder Fünfte in der Wissenschaft. Die Promotion kann nie Garantie für eine akademische Karriere sein, aber wir sollten auch nicht bei zu vielen die Hoffnung darauf wecken.

Große Probleme haben die Hochschulen bei der Digitalisierung.
Das ist eine Frage des Geldes – da fehlen Milliarden. Hier muss der Bund schnell das Versprechen des Koalitionsvertrags einlösen und darf sich nicht lange mit Organisationsdiskussionen aufhalten. Und die Förderung muss national und langfristig sein. Sonst verlieren wir den Anschluss.

Wo hakt es am meisten?
Für die Implementierung der IT brauchen Sie gute Leute, das kostet. Wir bekommen das vielfach nicht hin, weil uns aus den IT-Abteilungen permanent junge Experten mit besseren Angeboten von der Industrie abgeworben werden. Das größere Problem sind aber die Rechnerkapazitäten, die wir für Big Data brauchen.

Die müssen alle paar Jahre ersetzt werden. Es wäre extrem sinnvoll und viel günstiger, wenn mehrere Hochschulen und auch außeruniversitäre Institute hier Kapazitäten gemeinsam nutzen und organisieren würden. Und ich habe von den Informatikern gelernt, dass es bei Big Data durchaus einen Unterschied macht, ob der Rechner in meiner Stadt steht, oder ob ich einen nutze, der Hunderte Kilometer entfernt ist, denn da geht Zeit verloren.

Sie wollen ernsthaft ein zweisemestriges Studium generale für alle – was soll das denn kosten?
Wir brauchen eine Orientierung für alle, weil die Erstsemester immer heterogener werden und viele nach der 12. Klasse noch nicht reif für ein Studium sind. Das Studium generale darf aber kein reines Schnupperstudium sein, die Studierenden sollen da auch schon Punkte für ihr späteres Fach erwerben. Ich erhoffe mir, dass dann die Entscheidung für ein Studium fundierter ist und die Abbrecherquoten sinken.

Das wird auch nicht teurer, wenn man das System umbaut: Den Bachelor als Grundmodell mit einem Jahr Studium generale und drei Jahren Fachstudium. Dafür könnte man den Master auf ein Jahr verkürzen und im Prinzip nur noch die zulassen, die in die Forschung wollen. Für Ingenieure und das Lehramt müsste man Ausnahmen machen. Die große Masse wäre aber nach acht Semestern fertig. In England wird genau das praktiziert. Ich weiß, dass nach Bologna niemand Lust auf eine neue große Reform hat, aber die Anstrengung würde sich lohnen.

Herr Alt, vielen Dank für das Interview.

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