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Pflege Interesse an Pflege-Zusatzversicherungen bricht ein

Die private Pflegevorsorge in Deutschland erlahmt. Die Regierung unternimmt gegen den Trend nichts – und erntet dafür scharfe Kritik.
07.08.2018 - 18:37 Uhr Kommentieren
Teure Leistungen, wenig Vorsorge. Quelle: dpa
Betreuung im Altenheim

Teure Leistungen, wenig Vorsorge.

(Foto: dpa)

Berlin Der Koalitionsvertrag von Union und SPD ist bei der Pflege voller wohlklingender Versprechen. Eine gute und verlässliche Pflege sei schließlich für immer mehr Betroffene und ihre Angehörigen von zentraler Bedeutung, schrieben die Koalitionspartner. Ein Aspekt wurde in dem Kapitel aber vollständig ausgespart: die Absicherung der Bürger beim Pflegerisiko durch private Zusatzversicherungen.

Dabei galt die staatliche Förderung der Eigenvorsorge einmal als ein Modell, um drohende Kosten durch Pflegebedürftigkeit im Alter für den Einzelnen abzufedern und die finanziellen Folgen der alternden Gesellschaft für zukünftige Generationen durch eine kapitalgedeckte Säule bei der Pflegefinanzierung zu dämpfen.

Das Desinteresse der Politik geht einher mit einem dramatischen Einbruch bei der ohnehin geringen Nachfrage nach Pflege-Zusatzversicherungen. Dem Handelsblatt vorliegende Zahlen der Privaten Krankenversicherung (PKV) zufolge lag die Zahl der Neuabschlüsse bei ungeförderten Policen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bei lediglich 8.125. Im Vergleichszeitraum 2017 hatte der Zuwachs immerhin noch gut 28.000, im ersten Halbjahr 2016 rund 52.000 betragen.

Zum Stichtag 30. Juni 2018 liefen in Deutschland insgesamt 2,74 Millionen dieser Versicherungsverträge. Auch bei der staatlich geförderten Zusatzvorsorge, dem sogenannten „Pflege-Bahr“, erlahmte die Nachfrage deutlich. Gab es hier 2015 noch einen Nettozuwachs von fast 34 Prozent, legte die Zahl der Verträge zuletzt nur noch um sechs Prozent zu. Zum 30. Juni 2018 zählten die Anbieter der PKV knapp 850.000 „Pflege-Bahr“-Versicherungen.

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    Das Bundesgesundheitsministerium sieht in den Zahlen keinen Grund zur Beunruhigung. „Viele Menschen entscheiden sich für eigene Vorsorge für den Fall der Pflegebedürftigkeit, um die Leistungen der sozialen Pflegeversicherung zu ergänzen“, erklärte eine Ministeriumssprecherin. Die Neuabschlüsse würden sich zwar „weniger dynamisch“ entwickeln, stiegen aber weiterhin stetig an.

    Kritik an der GroKo

    Die Interpretation der Versicherungswirtschaft ist dagegen eine andere. Die Einführung der staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung im Jahr 2013 unter dem früheren Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) habe einen „Lernprozess unterstützt, dass auch Eigenvorsorge wichtig ist“, sagte PKV-Geschäftsführer Stefan Reker dem Handelsblatt.

    Die Große Koalition schade diesem Prozess, indem sie durch ihre Versprechungen in der Pflege „ein falsches Sicherheitsgefühl“ erzeuge. „Mit Blick auf die begrenzte finanzielle Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Pflegeversicherung sollten keine unrealistischen Erwartungen geweckt werden“, warnte er.

    Die Anfänge der freiwilligen Pflegeversicherung reichen in die 80er-Jahre zurück. Damals boten private Krankenkassen die ersten Policen an, die Resonanz war bescheiden. Mitte der 90er Jahre ging dann die gesetzliche Pflegeversicherung an den Start, die anders als die kapitalgedeckten Angebote der Privaten nach dem Umlageverfahren funktioniert.

    Die neue Pflichtversicherung sichert das Pflegerisiko im Alter allerdings nur teilweise ab. Zuletzt lagen die Eigenanteile in Pflegeheimen im Bundesdurchschnitt bei 1 831 Euro. Bei den zusätzliche Kosten müssen die Betroffenen oder ihre Angehörigen auf ihr Vermögen zurückgreifen. Reicht das nicht, springt das Sozialamt ein.

    Zusätzliche private Eigenvorsorge vonnöten

    Damit die Bürger stärker für den Pflegefall vorsorgen, brachte die letzte schwarz-gelbe Bundesregierung eine Förderung von privaten Zusatzversicherungen auf den Weg. 60 Euro jährlich schießt der Staat beim „Pflege-Bahr“ dazu. An der Summe hat sich bis heute nichts geändert.

    Die FDP-Pflegepolitikerin Nicole Westig kritisiert die Untätigkeit von Union und SPD bei der privaten Pflegevorsorge. Die Große Koalition müsse sich endlich Gedanken machen, wie sie die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest machen wolle. „Besonders böse droht das Erwachen bei der Pflegeversicherung zu werden“, sagte Westig dem Handelsblatt.

    Eine nachhaltige Pflegefinanzierung erfordere eine zusätzliche private Eigenvorsorge. „Die GroKo und auch der Gesundheitsminister tun jedoch nichts dafür, die Menschen in die Lage zu versetzen, für sich selbst vorsorgen zu können.“

    Die pflegepolitische Sprecherin der Grünen, Kordula Schulz-Asche, sieht den Nachfrageeinbruch bei den Pflegezusatzversicherungen dagegen als Beleg dafür, dass das System der privaten Vorsorge in diesem Bereich gescheitert ist. „Eine grundsätzliche Reform ist überfällig: Wir müssen zu einer Art Bürgerversiherung in der Pflege kommen, die Eigenanteile von Pflegebedürftigen begrenzt und die Finanzierung auf eine breitere und gerechtere Basis stellt“, sagte Schulz-Asche dem Handelsblatt. Auch Steuermittel müssten stärker für die Pflege verwendet werden.

    Der Deutscher Pflegerat sieht die private Vorsorge ebenfalls skeptisch. „Wenn wir eine qualitativ und quantitativ angemessene pflegerische Versorgung gewährleisten wollen, muss mehr Geld ausgegeben werden als bisher“, sagte Pflegeratspräsident Franz Wagner dem Handelsblatt. „Das bedeutet, dass die Pflegeversicherung deutlich umfangreichere Leistungen als bisher übernehmen muss.“ Eine stärkere Belastung der Pflegebedürftigen durch steigende Eigenanteile müsse verhindert werden.

    Die Folge wären, gerade mit Blick auf den demografischen Wandel, immer weiter steigende Beiträge zur gesetzlichen Pflegeversicherung. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bereits die nächste Beitragserhöhung zum 1. Januar 2019 in Aussicht gestellt. Über die Chancen einer zusätzlichen kapitalgedeckten Säule bei der Pflege spricht er nicht.

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