Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Pflegenotstand Wie Jens Spahn ausländische Pfleger anlocken will

Die Regierung will mit ausländischen Fachkräften die Personallücken in der Pflege schließen. Die Arbeitgeber verzweifeln aber oft an der Bürokratie.
1 Kommentar
Die Große Koalition will den Pflegeberuf aufwerten. Quelle: picture alliance / Gregor Fische
Demonstration von Pflegekräften

Die Große Koalition will den Pflegeberuf aufwerten.

(Foto: picture alliance / Gregor Fische)

BerlinAuf dem Papier hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wichtige Schritte gegen den Personalmangel in der Pflege eingeleitet: Mindestens 13.000 zusätzliche Stellen in der Altenpflege sollen geschaffen, deutlich mehr Pflegekräfte in den Krankenhäusern eingestellt werden.

Ein milliardenschweres Sofortprogramm, finanziert zum überwiegenden Teil durch die gesetzlichen Krankenkassen. Nur: Wer soll die Arbeit machen?

Schon jetzt sind Zehntausende Jobs in der Branche unbesetzt. Besonders Altenpfleger werden händeringend gesucht. Laut Bundesagentur für Arbeit kamen im vergangenen Jahr auf 100 offene Stellen gerade einmal 21 arbeitslose Altenpflegekräfte.

Mit der „Konzertierten Aktion Pflege“, die am Dienstag startet, will Spahn gemeinsam mit Arbeitsminister Hubertus Heil und der für Senioren zuständigen Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) den Beruf durch bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen aufwerten. Daneben hofft die Regierung auf mehr ausländisches Pflegepersonal – die Hürden für die Arbeitsaufnahme in Deutschland sind bislang aber vor allem für Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern hoch.

Beate Weiß sitzt in einem Biergarten im Berliner Stadtteil Wilmersdorf, die Sonnenstrahlen brechen durch die Baumkronen, doch die Stimmung der Endfünfzigerin ist gedrückt. Weiß leitet einen Pflegedienst in der Hauptstadt, der einen Teil seiner Arbeitskräfte aus einem osteuropäischen Drittstaat rekrutiert. Eigentlich heißt die Unternehmerin anders, ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Aus Angst, dass die Verfahren dann noch länger dauern könnten.

Auf der anderen Straßenseite liegt das Landesprüfungsamt für Gesundheitsberufe, ein vierstöckiger, grauer Verwaltungsklotz. Regelmäßig läuft Weiß über die mit bordeauxrotem Linoleum ausgelegten Flure, in der Hand eine dicke Mappe mit Unterlagen.

„Die platzt fast“, sagt sie und zählt den Stapel an Zeugnissen, Urkunden und Attesten auf, den sie für die sogenannte Gleichwertigkeitsprüfung ausländischer Abschlüsse vorlegen muss. Alles übersetzt und mit Stempeln der deutschen Botschaft in dem Drittstaat versehen, dazu weitere Beglaubigungsschreiben des dortigen Gesundheitsministeriums.

„Es geht um einen Vergleich von Diplomen. Warum muss das so kompliziert sein?“, fragt Weiß. Die Prüfung ziehe sich über Monate, mit etwas Glück schaffe sie zwei Anerkennungen im Jahr.

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), dem auch das Unternehmen von Weiß angehört, fordert von der Großen Koalition ein Einwanderungsgesetz, das die Gewinnung von ausländischen Pflegekräften erleichtert. „Allein mit inländischen Potenzialen sowie der Digitalisierung und Robotik werden wir die Fachkräftelücke von bis zu 500.000 Pflegekräften bis 2030 nicht schließen können“, sagt der Vorsitzende des bpa-Arbeitgeberverbands, Rainer Brüderle, dem Handelsblatt.

Der Gesundheitsminister sieht auf dem Balkan Potenzial zur Anwerbung von Pflegekräften. Quelle: dpa
Jens Spahn

Der Gesundheitsminister sieht auf dem Balkan Potenzial zur Anwerbung von Pflegekräften.

(Foto: dpa)

Nötig seien bundeseinheitliche Standards und eine zentrale Stelle zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Die Bundesregierung müsse außerdem eine „Anwerbungsinitiative“ mit kostenlosen Sprachkursen an Goethe-Instituten im Ausland starten.

Fachkräfte aus dem Ausland werden immer wichtiger

Der Pflegebedarf in Deutschland nimmt stetig zu. Das liegt an der alternden Gesellschaft, aber auch an der Pflegereform der vergangenen Legislaturperiode, die den Empfängerkreis für Leistungen der Pflegekassen deutlich ausweitete.

Fachkräfte aus dem Ausland decken schon jetzt einen immer größeren Teil der Arbeit ab: Von 2013 bis 2017 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig in der Pflege beschäftigten Ausländer von rund 74.000 auf fast 128.000. Gut die Hälfte von ihnen kommt aus der Europäischen Union, der Rest aus Drittstaaten in Osteuropa, Asien oder auf dem Balkan.

Ohne ausländische Fachkräfte sei es kaum mehr möglich, in Deutschland ein Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung zu betreiben, sagte Spahn der „Bild am Sonntag“. Der Minister sieht besonders im Kosovo und in Albanien noch großes Potenzial, um Pflegepersonal für Deutschland zu gewinnen.

Fachkräfte aus diesen Ländern müssten jedoch oft zehn Monate auf ein Visum warten. „Diese Abläufe müssen wir beschleunigen.“

Auch der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, fordert eine Verschlankung der Verfahren. Eine Möglichkeit seien Partnerschaften mit Ausbildungsstätten in anderen Ländern, deren Abschlüsse dann in Deutschland automatisch anerkennungsfähig seien.

Allerdings mahnt Westerfellhaus im Gespräch mit dem Handelsblatt ein behutsames Vorgehen an: „In der Pflege herrscht auch in anderen Staaten ein Mangel, den wir mit gezielten Abwerbeversuchen nicht vergrößern dürfen.“

Leitlinie für die Bundesregierung ist der Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur internationalen Anwerbung von Gesundheitsfachkräften. Auf einer WHO-Liste stehen 57 Länder mit einem kritischen Mangel an Gesundheitspersonal, viele von ihnen liegen auf dem afrikanischen Kontinent.

Der Pflege-Beruf soll attraktiver werden

Die Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Heike Baehrens, macht deutlich: „Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben kann ein kleiner, durchaus sinnvoller Beitrag zur Deckung unseres Fachkräftebedarfs sein – allerdings nicht aus Ländern, die selbst auf diese Kräfte angewiesen sind.“

Bis Mitte 2019 soll die „Konzertierte Aktion Pflege“ Vorschläge erarbeiten, wie der Beruf attraktiver gemacht und der Personalmangel bekämpft werden kann. An dem Prozess beteiligen sich neben den Ministerien Vertreter von Ländern, Arbeitgebern, Gewerkschaften, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden.

Eine Arbeitsgruppe befasst sich mit den Möglichkeiten, noch mehr Pflegekräfte aus dem Ausland in die Bundesrepublik zu holen.

Beate Weiß, die Berliner Unternehmerin, ist skeptisch. „Jeder, der in der Pflege arbeitet, hat schon vor Jahren den Notstand gesehen“, sagt sie. Mittelfristig würden in Heimen und bei ambulanten Diensten Hunderttausende neue Pfleger benötigt. „Wo sollen all diese Fachkräfte herkommen?“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Pflegenotstand - Wie Jens Spahn ausländische Pfleger anlocken will

1 Kommentar zu "Pflegenotstand: Wie Jens Spahn ausländische Pfleger anlocken will"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Warum wird es philippinischen und thailändischen Bewerbern weitaus schwerer gemacht, Pflegekräfte in Deutschland zu werden, wie plötzlich den Südosteuropäern und Migranten ?
    Erinnert sich jemand bei den erfolgreichen Einstellungen vor 30 Jahren an Integrationsprobleme, religiös bedingte Forderungen und kulturelle Probleme ?
    Warum importiert man sich weiteres Konfliktpersonal, wenn beste Erfahrungen mit südostasiatischen Helfern gemacht wurden ?
    Liegts an 5 Cent mehr die Stunde ?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%