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PhysikerinForscherin Priesemann sagt mithilfe von Rechenmodellen voraus, wann die Pandemie besiegt ist

Die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut hat früh für einen harten Lockdown plädiert. Ihre Rechenmodelle geben der Bundesregierung nun viele Hinweise, etwa zum Inzidenzwert.Barbara Gillmann 19.01.2021 - 16:45 Uhr Artikel anhören

Die 38-Jährige denkt bereits über ein Modell nach, um die Zirkulation des Virus europaweit abzubilden. Ihre Kollegen bezeichnen sie als Überfliegerin.

Foto: ddp images/Steffens

Berlin. Unmittelbar vor dem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Länderchefs an diesem Dienstag hat Viola Priesemann wieder einmal gewarnt: Gegen das Coronavirus und seine Mutationen hilft nur ein kurzer, harter Lockdown. Die Politik müsse sich klar entscheiden: „Es ergibt hier keinen Sinn, halbe Sachen zu machen, weil das den Lockdown unnötig verlängert“, warnt die Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. 

Am Anfang war es vor allem der Virologe Christian Drosten, der im Fernsehen dem Volk – und am Telefon den Ministerpräsidenten – die Pandemie erklärt. Seit dem Herbst ist es auch immer wieder die Physikerin und herausragende Wissenschaftlerin Priesemann. 

Noch im Sommer war die 38-Jährige regelrecht verzweifelt, weil sie nicht wusste, wie Politik funktioniert, wie sie die Entscheider erreichen kann, erzählte sie der „Zeit“. Der Sozialdemokrat Karl Lauterbach erklärte ihr dann, dass Spitzenpolitiker theoretische Abhandlungen nicht verstehen, dass man sie ihnen erläutern muss.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nickt nun eifrig, wenn Priesemann in einer Talkshow die mathematischen Modelle schildert, die sie zu ihrer Überzeugung gebracht haben. Und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) nennt ihre Arbeit „außerordentlich hilfreich“. 

Sie hat aus dem vergangenen Sommer die Lehre gezogen, dass die Pandemie erst dann unter Kontrolle sei, wenn der Inzidenzwert deutlich unter 50 Neuinfektionen gerechnet auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen liege – derzeit liegt der Wert knapp unter 140. „Entweder ein Feuer ist unter Kontrolle, oder ein Feuer ist eben außer Kontrolle“, sagt Priesemann und stellt sich damit auch gegen einzelne Kollegen wie beispielsweise den Bonner Virologen Hendrik Streeck, der dafür wirbt, „mit dem Virus zu leben“.

Oberhalb einer gewissen Grenze sei das System schlicht „instabil“, hat sie mathematisch berechnet – und Anfang Dezember in die Stellungnahme der Nationalen Akademie Leopoldina eingebracht. Doch auch Priesemann will die Menschen nicht einsperren: Im Freien sei die Ansteckungsrate bei Abstand schließlich „20-mal geringer als drinnen“. 

Aufschluss über den Kipppunkt

Kollegen nennen die frühere Waldorfschülerin eine „Überfliegerin“. Im Studium entwickelte sie erst eine Begeisterung für die Physik, als sie verstand, welch komplexes biologisches System hinter den Streifen eines Zebras stecken. Schließlich stürzte sie sich in Paris, Kalifornien und Frankfurt auf die Neurowissenschaften, die Ausbreitung von Informationen im Gehirn. 

Die Erkenntnisse übertrug sie 2020 auf die Pandemie – für sie ein zwar kompliziertes, letztlich aber zu berechnendes Geschehen. Inklusive des „Kipppunktes“, ab dem sich ein Geschehen exponentiell entwickelt. Das gelte aber auch umgekehrt: Diesseits des Kipppunktes, also eines Inzidenzwertes von maximal 50, sei aber auch die Schrumpfung der Pandemie exponentiell. 

Pandemie-Bekämpfung

Originaldokument: Die neuen Corona-Beschlüsse im Wortlaut

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Und Priesemann denkt über Deutschland hinaus: Vor Weihnachten initiierte sie einen Aufsatz internationaler Wissenschaftler im Fachmagazin „Lancet“ für eine gemeinsame Strategie Europas. Bei offenen Grenzen könne kein Land allein die Pandemie besiegen, es drohten ein Pingpong-Effekt und immer wieder neue Wellen. Sie denkt bereits über ein Modell nach, um die Zirkulation des Virus europaweit abzubilden. 

Wissenschaftlich sind Corona-Ausbreitungsmodelle übrigens kein „Hardcore“, sagt Priesemann, sondern „reine Data-Science“, deren Grundlagen aus den 1920er-Jahren stammen. „In der theoretischen Physik gewinne ich damit keinen Blumentopf.“ Wenn Corona besiegt ist, kann sie sich auch ganz anderes vorstellen: die Analyse der Machtkonzentration in der Gesellschaft – mithilfe der Mathematik.

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