Friedrich Merz

Kein Interesse am Ludwig-Erhard-Preis.

(Foto: Andreas Pein/laif)

Populismus-Vorwurf Eklat in der Ludwig-Erhard-Stiftung – Friedrich Merz lehnt Preis ab

Nachdem Friedrich Merz den Ludwig-Erhard-Preis abgelehnt hat, ist in der Stiftung ein heftiger Streit um den Vorsitzenden Roland Tichy entbrannt.
Update: 16.07.2018 - 18:40 Uhr 8 Kommentare

BerlinEs war ein Anruf, über den sich Friedrich Merz eigentlich freuen sollte. Die Ludwig-Erhard-Stiftung wolle ihn in diesem Jahr für seine Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft auszeichnen, eröffnete ihm Ursula Weidenfeld, die Jury-Vorsitzende des Ludwig-Erhard-Preises. Merz stünde damit in einer Reihe mit FDP-Legende Otto Graf Lambsdorff oder Ex-Kanzler Gerhard Schröder.

Doch Merz reagierte reserviert. Wer denn die Laudatio auf ihn halten werde, wollte er wissen. Wenig später folgte dann die endgültige Absage: Er wolle den Preis nicht entgegennehmen, erklärte Merz.

Der CDU-Politiker hat dafür Gründe. Er selbst will sich nicht äußern. Doch in einer internen E-Mail, die dem Handelsblatt vorliegt, schildern Jury-Mitglieder des Ludwig-Erhard-Preises Merz’ Beweggründe. Er tue sich grundsätzlich schwer mit Preisen, habe Merz mitgeteilt, „in diesem Fall aber besonders, weil er nicht mit dem Vorsitzenden der Stiftung auf einer Bühne auftreten wolle“. Der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, das ist seit 2014 Roland Tichy, Betreiber des Meinungsportals „Tichys Einblick“, das aus Sicht von Kritikern regelmäßig die Grenze zum Rechtspopulismus überschreitet.

Schon die Absage von Merz ist ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Ludwig-Erhard- Stiftung. Doch sie war nach Handelsblatt-Informationen nur der Stein des Anstoßes für vier namhafte Jury-Mitglieder, ihre Arbeit hinzuschmeißen. Die renommierten Journalisten Rainer Hank, Ulric Papendick, Nikolaus Piper und Ursula Weidenfeld erklärten ihren Austritt aus dem Gremium. Ein weiteres Mitglied soll ihnen am Wochenende gefolgt sein.

Schwere Vorwürfe gegen Stiftungschef Tichy

Die Journalisten machen Stiftungschef Tichy schwere Vorwürfe. Nicht nur, dass potenzielle Preisträger wie Merz wegen seiner publizistischen Tätigkeit inzwischen einen Bogen um die Stiftung machten. Sie fürchten auch, die Ludwig-Erhard-Stiftung laufe Gefahr, zur „Reputationsmaschine“ für „Tichys Einblick“ zu werden. Ein Vorwurf, den Tichy nicht gelten lassen will.

Auf Anfrage des Handelsblatts teilte Tichy schriftlich mit, die Hauptversammlung der Stiftung habe ihn gebeten, sein Renommee und seine Reputation in den Dienst der Stiftung zu stellen. „Dieses habe ich getan und werde es weiterhin tun“, schreibt Tichy. In der Ludwig-Erhard-Stiftung sehe er „keine Unstimmigkeiten“. Die Frage, warum Merz den Preis nicht annehmen wolle, könne nur Merz selbst beantworten. „Im Übrigen hat er mitgeteilt, dass er keinerlei Preise annimmt“, schreibt Tichy.

Der Eklat um den Ludwig-Erhard-Preis zeigt die Risse im konservativen Lager. Nicht nur zwischen den Unionsparteien gibt es seit Ausbruch der Flüchtlingskrise Streit, sondern auch in Stiftungen und Organisationen, die ihnen nahestehen.

Im September 2016 überreichte Roland Tichy den Preis an den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Quelle: dpa
Preisverleihung

Im September 2016 überreichte Roland Tichy den Preis an den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder.

(Foto: dpa)

Dabei war die Ludwig-Erhard-Stiftung jahrzehntelang eine Institution, die über jeden Zweifel erhaben war. Honorige Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Medien engagierten sich dort, organisierten Veranstaltungen, schrieben Artikel und vergaben Preise an Politiker, Wissenschaftler oder Journalisten, die sich für das Erbe Ludwig Erhards einsetzten. Mitglieder sind etwa Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Wirtschaftsweise Lars Feld.

Doch nun, 51 Jahre nach ihrer Gründung, droht sich die Stiftung im internen Streit zu zerlegen – wie schon zuvor die liberale Hayek-Gesellschaft, die 2015 eine Austrittswelle prominenter Mitglieder erlebte. Auch dort waren führende Köpfe aus Sicht etlicher Mitglieder politisch zu weit nach rechts gedriftet.

Bei der Ludwig-Erhard-Stiftung ist ausgerechnet der Vorsitzende die politisch umstrittenste Person. Dabei schien Tichy zunächst bestens zur Stiftung zu passen. Er hat einen klaren ordnungspolitischen Standpunkt, führte bis 2014 die „Wirtschaftswoche“ als Chefredakteur, die wie das Handelsblatt zum Holtzbrinck-Verlag gehört. Doch nach seiner Absetzung bei der „Wiwo“ übernahm Tichy im gleichen Jahr nicht nur den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung, sondern gründete auch das nach eigener Bezeichnung „liberal-konservative“ Meinungsportal „Tichys Einblick“, das seit 2016 auch als gedrucktes Monatsmagazin erscheint.

Blog wie Magazin stehen seit ihrer Gründung in der Kritik. Viele der dort erscheinenden Beiträge deckten sich politisch stark mit Positionen der AfD, wird Tichy vorgeworfen. Vor wenigen Tagen zweifelte ein Gastautor auf „Tichys Einblick“, ob es die rechte Terrorgruppe NSU so gegeben habe, wie es im Prozess dargestellt wurde. Für Tichy selbst hatte ein Gastbeitrag bereits persönliche Konsequenzen: 2017 trat er von der Herausgeberschaft der Debattenplattform „Xing Klartext“ zurück, nachdem auf „Tichys Einblick“ ein Gastbeitrag erschienen war, in dem „grün-linke Gutmenschen“ als „geistig-psychisch krank“ bezeichnet wurden.

Auch in der Ludwig-Erhard-Stiftung wird die publizistische Tätigkeit des Vorsitzenden schon länger diskutiert. Einige Mitglieder halten Tichy die Treue. Meinungsvielfalt müsse man aushalten können, finden sie. Ein Mitglied glaubt auch, Tichy solle nun zum Opfer gemacht werden, weil es in der Stiftung Widerstand gegen die Auszeichnung von Merz gegeben habe, der Aufsichtsratschef des deutschen Ablegers des Vermögensverwalters Blackrock ist.

Die ausgeschiedenen Jurymitglieder sehen das anders. „Wenn es uns nicht einmal mehr gelingt, einen Preisträger auszuzeichnen, der der Stiftung nahesteht und der große Verdienste um die Marktwirtschaft erworben hat, hat entweder die Stiftung, oder die Jury ein Problem. Wir glauben, dass die Stiftung ein Problem hat“, schreiben sie in der E-Mail an den Stiftungsvorstand und mögliche künftige Jury-Mitglieder des Ludwig-Erhard-Preises. „Weil wir keinen Beitrag leisten konnten, dieses Problem zu lösen, haben wir uns zurückgezogen.“

Absage von Merz ist kein Einzelfall

Vor allem aber zeigt die Mail, dass die Absage von Merz offensichtlich kein Einzelfall war. „Seit dem vergangenen Jahr haben wir Probleme, Laudatoren zu finden. Viele haben mit Verweis auf die Rolle des Vorsitzenden der Stiftung in seiner privaten Publikation abgelehnt“, heißt es in der Mail. Am Ende hätte die Laudatio auf die Hauptpreisträger von der Jury selbst gehalten werden müssen.

Tichy bestreitet das. Laudatoren der vergangenen Jahre seien beispielsweise Wolfgang Schäuble, Christian Lindner, Karsten Linnemann, Lars Feld sowie erst Ende Juni Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier als Redner sowie auf der Hauptversammlung Jens Spahn gewesen. „Eine Absage wegen ‚Tichys Einblick‘ auf eine Anfrage ist mir nicht bekannt“, schreibt Tichy.

Die Kritiker sagen indes, viele Male habe man das Gespräch mit dem Vorsitzenden der Stiftung gesucht „und ihn gebeten, die Arbeit der Stiftung und seine persönliche Publikation besser voneinander zu trennen“, auch erneut nach der Absage von Merz. Doch passiert sei das Gegenteil: „Ein Vorstandsmitglied der Stiftung wurde Korrespondent von ‚Tichys Einblick‘“, heißt es in der Mail.

Umgekehrt sollten in der neuen Zusammensetzung der Jury des Ludwig-Erhard-Preises Autoren von „Tichys Einblick“ eine Rolle spielen. Aus Sicht der zurückgetretenen Jurymitglieder vermischt Tichy so immer stärker seine publizistische Tätigkeit mit der Arbeit der Ludwig-Erhard-Stiftung. Tichy weist diesen Vorwurf zurück. Er beabsichtige nicht, dem Vorstand für die Jury einen Autor von „Tichys Einblick“ vorzuschlagen.

Bundespolitiker begrüßen Merz' Schritt

Der Konflikt in der Ludwig-Erhard-Stiftung um Stiftungschef Roland Tichy beschäftigt auch die Politik. „Endlich steht jemand aus dem bürgerlichen Lager auf und entlarvt Roland Tichy, dessen rechtspopulistischer Blog ,Tichys Einblick‘ nicht zufällig so oft auf den Pulten der AfD im Bundestag liegt. Danke, Friedrich Merz“, twitterte FDP-Bundestagsfraktionsvize Alexander Graf Lambsdorff..

„Ich hätte nie gedacht, dass ich Friedrich Merz noch mal für etwas Respekt zolle. Aber dass er von dem immer mehr rechtspopulistischen Roland Tichy nicht den Ludwig-Erhard-Preis bekommen wollte, zeigt Haltung“, schrieb SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach. Der CDU-Abgeordnete Andreas Nick schrieb: „Respekt für Friedrich Merz – Längst überfällige Diskussion!“ Es meldeten sich auch Unterstützer Tichys zu Wort, aber keine namhaften Politiker.

Die übrigen Preisträger des Ludwig-Erhard-Preises wollen nach derzeitigem Stand ihre Preise annehmen, die Verleihung nach eigenem Bekunden aber teilweise nutzen, um auf inhaltliche Differenzen zum Stiftungsvorsitzenden hinzuweisen.

Die Ludwig-Erhard Stiftung hat für Dienstag eine Krisensitzung angesetzt. Darin soll es um eine „Erneuerung“ des Preises gehen, heißt es in einer internen Mail, die dem Handelsblatt vorliegt. Im Vorfeld gab es bereits neuen Ärger. So wurden neben alten und neuen Jurymitgliedern auch „weitere Teilnehmer“ zu der Sitzung eingeladen, darunter der FDP-Politiker Frank Schäffler und der Journalist Michael Hirz, die beide für „Tichys Einblick“ schreiben.

Dies sorgte unter alten Jurymitgliedern für Verwunderung. „Ich ging davon aus, dass es sich um ein Treffen zwischen verbliebenen und ehemaligen Jurymitgliedern handelt zur Erhellung des entstandenen Konflikts“, schreibt Rainer Hank, Wirtschaftschef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, in einer Mail an Tichy. Nun sehe er weitere Teilnehmer auf der Liste. „In welcher Mission werden sie dabei sein? Nach welchem Auswahlprinzip wurden sie eingeladen?“, fragt Hank.

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8 Kommentare zu "Populismus-Vorwurf: Eklat in der Ludwig-Erhard-Stiftung – Friedrich Merz lehnt Preis ab"

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  • Friedrich Merz war und ist einfach eins, ein wahrer und aufrechter Demokrat, Hut ab vor dieser Courage. Schade das wir in der CDU/CSU nicht mehr dieser Politiker haben und schade dass Herr Merz schon vor langer Zeit von Angela Merkel abgesägt wurde.

  • Ludwig Erhard hätte bestimmt auch nicht gewollt, dass dieser Mensch einen Preis bekommt, der seinen Namen trägt.

    Danke daher für die Ablehnung. So hat Merz zumindest nicht Erhardt besudelt.

  • So recht kann ich nicht erkennen, was Herrn Merz, einen Anwalt mit länger zurückliegender politischer Karriere, zum Preis der Stiftung qualifiziert hat. Ich habe ein wenig gegooglet, aber nichts substanzielles gefunden. Nun gut, die Stiftung wird Gründe gefunden haben.

    Der Artikel von Handelsblatt ist sachlich berichtend, im Gegensatz zu anderen Kommentatoren kann ich da nichts anstößiges finden.

    Traurig sind aber die geschilderten Vorgänge, wie aus politischen Erwägungen heraus eine strikte Ausgrenzung erfolgt. Mit Menschen anderer Meinung will man sich nicht mehr zeigen, Feigheit und Angst vor der Ausgrenzung durch den Mainstream führen zu vorauseilendem Gehorsam und Spaltpilz. Eine traurige Entwicklung.

  • Ich habe das Handelsblatt inkl. online premium schon vor einer Woche gekündigt.
    Abonniert habe ich es seinerzeit, weil ich fundierte Informationen über das Geschehen in Wirtschaft und auf den Finanzmärkten erwartete. Das ist für mich leider nicht erfüllt. Es betreibt aus meiner Sicht Wirtschaftspopulismus im Stil der Zeitung mit den vier großen Buchstaben, unter dem Deckmantel einer für mich fragwürdigen "political correctness". Mit sachlichen Informationen hat das m.E. nichts zu tun.
    Übrigens: von allen Testportfolios, die ich habe, floppen die Handelsblatt Aktientipps am meisten. Gut das ich danach nicht wirklich handele.
    Schade! Ich suche mal weiter...

  • Was ist denn das für ein Spiel, welches das Handelsblatt hier treibt. Hier soll eine integre Person demontiert werden, weil die Meinungen nicht kompatibel zueinander sind. Herr Tichy ist ein kritischer Geist, der eben nicht alle Strömungen des Maintreams und der Political Correctness mit macht. Im Gegenteil, er steuert gegen den Strom und gibt konträren Meinungen eine Platform; was ich sehr schätze. Gleiches gilt übrigens auch für Herrn Roland Tichy persönlich als Mensch. In einer Vielzahl von öffentlichen Videoauftritten habe ich ihn als eloquenten Gesprächspartner erleben dürfen.

  • Auch Linke können linkisch sein.
    Und auch Rechte können recht tun.

  • Es wird keine Gelegenheit ausgelassen um im Kampf um die Meinungsdiktatur gemäß PC Andersdenkende zu diskreditieren.
    Ziel ist es auch hier die Psychische Vernichtung von Herrn Tichy.

    Man muß ja nicht mit Tichys Einblick einverstanden sein, aber man sollte doch geistig in der Lage sein die Arbeit in der Ludwig Erhardstiftung zu bewerten ohne nur auf Tichys Einblick zu schielen.

    Da ist man bei Linken aber weit aus mehr als tolerant, da ist selbst die Unterstützung von linken Gruppen die Gewalt ausüben kein Hindernis diese Personen in Gremien zu entsenden.

  • An den Tag die Situation

    Nichts an den Tag bringen gib uns heute. Nicht etwa doch Knospe gedeihe.

    Mir deuchte und fleuchte
    Kowalski

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