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Porträt Lauf, Mädchen, lauf!

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Beim Landesparteitag der niedersächsischen CDU vergangenes Jahr in Hannover nimmt sie ihren Platz viel zu schnell ein. Der Saal steht nach Merkels Rede, applaudiert der Vorsitzenden, gratuliert sich zu ihr.

Zweimal setzt sich Angela Merkel, steht wieder auf, lächelt, winkt und setzt sich wieder. Endlich ist Ruhe. Überschwang ist ihr unangenehm, Massen sind ihr auch in zu- » stimmender Form verdächtig. Angela Merkel will nicht verführen. Sie will überzeugen. Sie will zeigen, dass sie es kann. Dass sie das Zeug dazu hat. Dass sie besser ist als alle anderen. Die Delegierten sollen das ihretwegen glauben, fühlen, spüren. Vor allem aber sollen sie es wissen.

Ihre Rede war okay, wie immer. Das Wort klar kam oft darin vor und das Wort völlig. "Und da sage ich ganz klar: Wir stehen vor völlig veränderten Bedingungen." Ein typischer Satz von Angela Merkel. Ganz klar: Globalisierung ist eine unerschütterliche Größe, der Wettbewerb der internationalen Standorte unumstößliche Gewissheit. Dahinter, sagt Angela Merkel, können wir nicht zurückfallen; von hier aus müssen wir weiterreden. Wir müssen die Prämissen kennen, um die Prioritäten zu bestimmen. Politik ist Logik. Angela Merkel will, dass ihre Politik berechenbar ist, nicht fehlerfrei.

Wettbewerb bedeutet Innovation, Innovation bedeutet neue Wege gehen, neue Wege gehen bedeutet, den Mut zum Irrtum aufzubringen: trial and error. Wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sagt Angela Merkel, ab und an mal wieder vorn dabei zu sein. Es ist unmoralisch, sagt Angela Merkel, träge und scheu Risiken zu meiden und es nicht wenigstens zu versuchen.

Das gelte für Lohnkostenzuschüsse und einen lockeren Kündigungsschutz, für Langzeitarbeitslose und die Gesundheitspolitik, für die grüne Gentechnik und die Windenergie. Das ganze Leben ist für Angela Merkel eine Versuchsanordnung. Ganz klar: Wir müssen die Prioritäten bestimmen, um zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen. Politik ist Problemlösen.

Angela darf studieren. Sie hat ein exzellentes Abiturzeugnis, ihr Vater ist gut verdrahtet in der Kirchenhierarchie, da lässt sich was machen. Es ist 1973. Joschka Fischer prügelt sich in Frankfurt mit Polizisten, Gerhard Schröder wird in Hannover Gewerkschaftsmitglied, Guido Westerwelle geht in Bonn auf die Realschule, Helmut Kohl lässt sich zum Chef der CDU krönen.

Angela Kasner mischt Kirsch-Whiskeys in der Kellerbar ihres Leipziger Studentenwohnheims. Sie hat Sandalen an und Jeans, sie ist beliebt, gesellig und immer auf Achse, sie zeltet wild und geht mit Rucksack ins Gebirge, sie macht Interrail im nahen Osten, Budapest und Prag, Bukarest und Sofia. In Leipzig lebt sie studentisch, bescheiden, kommt mit zehn Quadratmetern aus, mit Bett, Schrank, Schreibtisch und Etagenklo, ist anspruchslos und braucht nicht viel, ach ja, einen Mann vielleicht: Ulrich Merkel, er ist 24, sie 23, als sie heiraten, es war so üblich, hat Angela Merkel einmal auf die Frage nach dem Warum gesagt. Nach fünf Jahren stimmt die Chemie nicht mehr, die Ehe wird geschieden. Angela Merkel zieht weiter. Sie nimmt die Waschmaschine mit - und seinen Namen.

Seit 1978 lebt Angela Merkel in Ost-berlin. Eine Stelle als Lehrerin für Russisch und Physik wird ihr vom Staate Honecker verwehrt, also fängt sie als Mitarbeiterin bei der Akademie der Wissenschaften an. Ein Wohnberechtigungsschein wird ihr verweigert, also zieht sie durch die Straßen im Prenzlauer Berg, sucht vier Wände, die keiner braucht und zieht ein; sie lebt von 650 Ostmark im Monat, zwischen Sperrholz, Schimmel, Schädlingen. Als ihr Vater sie zum 30. Geburtstag besucht, stellt er fest: "Sehr weit hast du?s noch nicht gebracht."

Angela Merkel läuft im Kreis. Sie mischt ein bisschen mit bei der FDJ, hält sich sporadisch in Ostberliner Kirchenkreisen auf; hier diskutiert sie über Gott und die Welt, dort streicht sie den Disco-Keller. Richtig warm wird sie weder mit Karl Marx noch Jesus Christus; lieber befreundet sie sich mit sich selbst. Angela Merkel sammelt Bildung, lädt ihren Speicher auf, frisst Bücher, Popper, Grass und Böll, Bulgakow, Gogol, Solschenizyn, "ich las, was ich kriegen konnte". An der Akademie darf sie "Nature" und "Science" studieren, nach Feierabend blättert sie im "National Geographic", und wenn sie morgens vor acht Uhr den S-Bahnhof Schönhauser Allee erreicht, ist meistens noch ein Exemplar des "Morning Star" zu haben, das Organ der kommunistischen Partei Großbritanniens, das sie zur Vertiefung ihrer Eng- » lisch-Kenntnisse nutzt. Angela Merkel ist ehrgeizig, nicht zielstrebig, voller Tatkraft eingeengt und eingeschränkt.

1986 promoviert sie mit einer Dissertation über "Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen", aber das ist es nicht. Sie will mehr, weiß nicht, wohin mit sich und ihren Kräften.

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