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Porträt Lauf, Mädchen, lauf!

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Die DDR hält ihre Geschwindigkeit ziemlich konstant; Angela Merkel ist zum stehenden Marschieren verdammt. Ihr Motor läuft auf Hochtouren, einen Gang einlegen darf sie nicht. Auf die politische Zuspitzung Ende der Achtzigerjahre reagiert sie mit vorsichtiger Gespanntheit. Das Gemeinschaftserlebnis in der Zionskirche ist ihr physisch unangenehm, weder will sie den sozialistischen Käfig vergolden noch das Ende der DDR herbeibeten, sie mag keine Wärmezonen im Kerzenlicht, keine untergehakte Solidarität, "kein Ringelpitz-Verhalten zur Durchsetzung politischer Ideen". Als das Licht in der DDR verglimmt, geht Angela Merkel nicht für Frieden, Freiheit, Vaterland auf die Straße.

Aber als die Mauer fällt, rennt sie los, lässt ihre aufgestauten Energien überschießen. Sie geht raus aus der Lehre und rein ins Leben, will gebraucht werden, anpacken, loslegen, natürlich demokratisch, aber Hauptsache: Aufbruch.

Ein politisches Programm verfolgt sie nicht. Die SPD verabsolutiert das Soziale, die Grünen das Ego, die FDP die Freiheit vom Staat, die Bürgerbewegten den inneren Frieden. Angela Merkel ist das alles zu abstrakt, zu hochtrabend, zu kategorisch. Sie sucht ein Betätigungsfeld, keinen Bekenntnisort. Erste Lösungen, nicht letzte Antworten.

Und sie landet, wenn nicht zufällig so doch beiläufig, bei der CDU. Sie hat keine Ahnung, dass Konrad Adenauer seiner Partei 1946 ins Stammbuch schrieb, was sie das Leben lehrte: Politik soll keine Programme entwerfen, sondern Ziele erreichen. Sie hat Müller-Armack gelesen und damit die Vorzüge der sozialen Marktwirtschaft kennen gelernt, vor allem aber: sie war lange eingesperrt und will jetzt frei sein. Wenn Angela Merkel einen inneren politischen Wertekompass hat, so zeigt der auf Freiheit. Nicht die Freiheit zu überspannten Lebensäußerungen, sondern die praktische, nützliche Freiheit Ludwig Erhards. Seine soziale Marktwirtschaft will sie erneuern.

Im Kommunalwahlkampf von NRW 2004 schippert die Unschuld vom Lande auf dem Rhein-Herne-Kanal von Gelsenkirchen nach Oberhausen. 150 Leser einer Regionalzeitung sind an Bord, der Chefredakteur lädt zum Interview, es gibt Bockwurst für einen Euro fünfzig. Angela Merkel guckt aus dem Fenster und sagt, es gebe eine Menge Grün im Ruhrgebiet.

Eine Leserin will wissen, wie die CDU-Chefin ihre Freizeit verbringt. Angela Merkel erzählt formatiert und verschwiegen. Sie hat ein Wochenendhaus nahe Templin, mit Garten. Die Tomaten sind dieses Jahr nicht rot geworden. Die Bohnenernte war gut. Die Erbsenernte war ausreichend. Angela Merkel kocht Kartoffelsuppe und backt Pflaumenkuchen mit Hefeteig. "So", sagt sie, "das war?s." Das Boot legt an. Angela Merkel ist erleichtert. Endlich hat sie wieder festen Boden unter den Füßen.

Wie eine aufgedrehte Spielzeugente watschelt sie durch den Oberhausener Vergnügungspark, die Entourage kann kaum Schritt halten, ein paar Wortwechsel mit Passanten, ein strahlendes Foto mit Benjamin Blümchen, dann fängt es an zu regnen. "Schade", sagt Angela Merkel, "ich wär? so gerne Riesenrad gefahren."

Stattdessen kehrt sie nun ins Brauhaus ein, die CDU tischt Dixieland auf und zwei knappe Wahlkampfreden, ein halbes Hähnchen für jeden mit ganz viel Pommes. Angela Merkel gähnt und vergisst dabei, ihre Hand vor den Mund zu nehmen. Das Volkstümliche strengt sie an, das Bad in der Menge ermüdet sie gründlich. Endlich kommen die Pommes. Sie langt zu. Sie ist hungrig, wie immer.

Angela Merkel will schon lange Kanzlerin werden, keine Frage, unbedingt. Sie hat nicht am Gartenzaun gerüttelt wie Gerhard Schröder, aber sie verfolgt ihr Ziel genauso entschlossen. Angela Merkels Laufbahn hat sich in einer Art Schnittmenge vollzogen, irgendwo zwischen ihrem Willen zur Macht und der Macht ihres Schicksals. Ihren Aufstieg verdankt sie so gut der Fähigkeit, sich selbst herauszufordern wie der Fähigkeit ihrer Wettbewerber, sie hartnäckig zu unterschätzen. Angela Merkel hat es geschafft, weil sie ihrem Ehrgeiz folgte und weil die Partei es passieren ließ. Ihren Erfolg hat sie so machtvoll befördert wie er ihr gütig zugestoßen ist. Angela Merkel hat ihre Karriere betrieben, der CDU ist sie unterlaufen.

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