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Porträt Lauf, Mädchen, lauf!

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Das Laufwunder wird von Anfang an unterschätzt. Im Kabinett gilt Merkel als Kohls Mündel, von dero Gnaden Ministerin für Frauen/Jugend (1991- 1994) und Umwelt (1994-1998), doppelte Quote, doppelt belächelt: eine Frau aus dem Os- » ten. Erst der neue Parteichef Wolfgang Schäuble emanzipiert sie 1998 zur Generalsekretärin. Als Schäuble über die Spendenaffäre stolpert, steht Merkel plötzlich wie eine Ikone des Neuanfangs da. In der CDU-Führung regt sich Skepsis; die Spitzen wollen einen elder statesman für den Übergang, Kurt Biedenkopf oder Bernhard Vogel.

Angela Merkel weiß sich zu helfen. Sie erfindet die Regionalkonferenzen, gewinnt die Basis, sie wird für ihren diskursiven Führungsstil gepriesen und erzwingt den Vorsitz. Die CDU-Granden beruhigen sich; ist ja nur für den Übergang. Zum Jahreswechsel 2001/02 wird amtlich, dass die Union Angela Merkel mehr duldet als schätzt: Reihenweise kehren ihr Vorstände und Landeschefs den Rücken, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) geht ins Kanzlerrennen. Die verlorene Bundestagswahl 2002 ist für Angela Merkel ein Erfolg gegen die Union. Sie erobert den Fraktionsvorsitz. Sie steht auf, klopft sich den Staub vom Leib, rennt wieder los.

Mit Wahlsiegen in den Ländern festigt sie seitdem ihre Macht, mit Macht ihre Führungsrolle in Berlin. Ihren engsten Führungskreis hat sie wie einen weiblichen Geheimbund organisiert. Büroleiterin Beate Baumann ist ihre vertraute Einflüsterin, ein Gewittertierchen mit feinen Fühlern, immer als Spionin unterwegs im Land der parteiinternen Feinde.

Pressesprecherin Eva Christiansen systematisiert die Meinungskontrolle, lenkt, leitet, deutet die politischen Gassenhauer des Tages, synchronisiert Angela Merkels Standpunkte mit der öffentlichen Wahrnehmung und die öffentliche Wahrnehmung mit Merkels Standpunkten.

Auf Baumann und Christiansen kann Angela Merkel sich unbedingt verlassen. Wenn die drei nicht gerade aufeinander glucken, beackern sie ihre Mobiltelefone, senden sich Neuigkeiten, melden Wasserstände, taxieren die Debatten, tarieren sie in ihrem Sinne aus; auch Hildegard Müller, Merkels Lautsprecherin im Präsidium, darf zuweilen dabei mitmachen. Es kommt vor, dass Angela Merkel mit der Steuerung des tagespolitischen Geplänkels so sehr beschäftigt ist, dass sie bei öffentlichen Terminen an der Seite der Gastgeber plötzlich ungeniert anfängt, auf ihr Handy einzutippen. Das Simsen ist ihr zur Sucht geworden.

In der Fraktion sitzt sie wie eine Spinne im Netz; geschickt hat sie Kritiker verfangen und Skeptiker eingesponnen, die haben, was ihr fehlt. Helmut Kohl, den sie 1999 ins historische Museum stellte, zählt sie über Kohl-Freund Ronald Pofalla, den wirtschaftspolitischen Sprecher der Fraktion, zu ihren Beratern. Volker Kauder, der ihr 2002 noch die Eignung als Kanzlerkandidatin absprach, hat sie erst zum Geschäftsführer der Fraktion und dann zum Generalsekretär der Partei ernannt. Norbert Lammert, Urgestein der West-CDU, katholischer Schöngeist und moralische Autorität, hat sie mit kühlem Verstand für ihre Sache gewonnen. Hamburgs Oberbürgermeister Ole von Beust sieht in ihr die Garantin für eine gesellschaftliche Öffnung der CDU.

Selbst Skeptiker wie CSU-Landesgruppenchef Michael Glos haben sich nach und nach wie Metallspäne nach dem Machtmagneten Merkel ausgerichtet; ganz zu schweigen von notorischen Opportunisten wie Außenpolitiker Friedbert Pflüger, der noch zu jedem Zeitpunkt seines politischen Lebens auf 360 Grad anspielbar war.

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