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Porträt Lauf, Mädchen, lauf!

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Angela Merkel regiert und präsidiert die Union zugleich. Sie weiß, dass sie kein gern gesehener Gast in deutschen Wohnzimmern ist, im Fernsehen, sagt sie, "wirke ich oft zu ernst, fast griesgrämig". Ihre Stärke liegt im persönlichen Kontakt; wen sie persönlich kennen lernt, hinterlässt sie meist als Fan. Zu den Ortsverbänden unterhält sie einen direkten Draht; Regionalkonferenzen sind ihr als Begegnungsstätte so wichtig wie als Stimmungsbarometer und Machtinstrument. Kollegen aus der Partei übermittelt sie vor Fernsehsendungen beste Wünsche, Fraktionsmitgliedern gratuliert sie persönlich zum Geburtstag, Kritiker poussiert sie mit offenem Visier, Nörglern schmeichelt sie mit Aufmerksamkeit. Fast jeden Abgeordneten hat Angela Merkel schon einmal mit ihrem Interesse an dessen Meinung überrascht; ihre Audienzen werden nie sporadisch, immer gezielt, meistens telefonisch gewährt; aus der Distanz fällt ihr Nähe leichter.

Die meisten Wochenenden sind für Angela Merkel am Sonntagmittag zu Ende. Bis zum "Tatort" klärt sie telefonisch die Lage, hört in die Partei hinein, bestellt Gefälligkeiten für die nächste Vorstandssitzung. Als Merkel wegen ihres Versteckspiels vor der Kür Horst Köhlers zum Präsidentschafts-Kandidaten unter Beschuss steht, lässt sie ihre Kritiker mit einer organisierten Wortmeldung ins Leere laufen: Völlig un-erwartet steht plötzlich die Türkei-Politik im Raum - und Volker Rühe im Kreuz- feuer. Eine Stunde erhitzen sich die Gemüter, dann ist die Wut entladen, Wolfgang » Schäuble verhindert - und Angela Merkel fein raus: Die Medien bewundern ihre Durchsetzungskraft.

Die Medien. Grundsätzlich kann Angela Merkel auf ihr Wohlwollen zählen. Friede Springer, graue Eminenz des Axel Springer Verlags, Liz Mohn, Matriarchin bei Bertelsmann, Patricia Riekel, Chefredakteurin der "Bunte", und Sabine Christiansen, Vorsitzende des Fernsehparlaments, gehören seit Jahren zu ihrem Förderkreis. Liz Mohn projiziert und publiziert ihren eigenen Erfolg auf das gewachsene Format von Angela Merkel; Patricia Riekel hält ihre Redakteure gerne an, keinen Politiker ohne Frage nach den Vorzügen der CDU-Chefin zu entlassen; Sabine Christiansen ist Merkel von Frau zu Frau gesonnen und bei fast jeder Party ihr erstes Anlaufziel.

Zimperlich ist Angela Merkel nicht. Kohl, Schäuble, Koch, Stoiber, Merz - gestandene Männer pflastern ihren Weg. Und sie ist nachtragend: Eine Szene aus dem Januar 2002 hat sie nie vergessen. Magdeburg, Klausurtagung, Schäuble und Merz feiern in der Hotelbar die soeben beschlossene Kandidatur Stoibers, Merkel und Baumann arbeiten fünf Meter weiter ihre Niederlage auf. Merz und Schäuble johlen aufdringlich laut; sie feiern nicht Edmund Stoiber; sie verhöhnen Angela Merkel. Acht Monate später serviert sie Merz als Fraktionschef ab; später beerdigt sie Schäubles Hoffnung auf den Einzug ins Bundespräsidialamt. Zu oft hat Angela Merkel erfahren müssen, dass sie von ihren Landesfürsten nicht unterstützt wird, sich als CDU-Chefin von ihnen belehnt fühlt. Als Pfarrerstochter war sie der DDR, als ostdeutsche Protestantin bleibt sie der CDU verdächtig.

Das Entscheidende hat die CDU dabei noch nicht mitbekommen: Angela Merkel bewegt sich nicht ohne Ursprung, ohne Ziel; sie bewegt sich aus dem Nichts ins Offene. Deshalb ist sie ihrer Partei immer einen Schritt voraus: weil sie in der beschleunigten Moderne nicht auf absolute Klarheit wartet. Ihr langer Lauf endet nicht irgendwann in einer idealen Zukunft, sondern täglich in einer etwas besseren Gegenwart. So hat Angela Merkel gegen den Willen der Granden ihrer Partei die Kanzlerkandidatur geschafft und zugleich die Union für eine Regierungsübernahme flott gemacht: Indem sie die Union geöffnet hat für eine fragliche Moderne, für eine fragile Zukunft, für eine ungewisse Welt.

Angela Merkel hat mit Helmut Kohl das Patriarchat in der Union abgeschafft, mit Norbert Blüm die Illusionen des Sozialstaats eingeholt, mit Heiner Geißler die Unbedingtheit des katholischen Prinzips überrundet, mit Edmund (und Ehefrau Karin) Stoiber die traditionelle familiäre Gewaltenteilung auf der Strecke gelassen. Die ordentlichen Lebensentwürfe der Merz, Koch, Wulff zwischen Hausmusik und Kindersegen sind in der Merkel-Union weiter möglich, vielleicht die Regel, aber nicht mehr verpflichtend.

Angela Merkel hat die Union säkularisiert, sie zum Abschied vom Prinzipiellen bewegt. Am Beispiel ihrer selbst - zum zweiten Mal verheiratet und kinderlos - zwingt sie die Christdemokraten dazu, auch das Andere gelten zu lassen: die andere Geschichte, die andere Herkunft, die andere Tradition.

Die neue Unübersichtlichkeit ist für Angela Merkel etwas, was die CDU lernen muss, wenn sie erfolgreich regieren will. Die Welt ist polyperspektivisch zerborsten, die utopischen Energien haben sich erschöpft. Angela Merkel ist für absolute Attitüden nicht empfänglich; sie erhebt keine perfektionistischen Sollforderungen, glaubt nicht an die Beschwörung universaler Ideen, erhebt keinen Anspruch aufs Vollkommene. Himmlische wie irdische Heilserwartungen sind ihr suspekt.

Diese Welt ist unvollkommen, fehlbar, menschlich, endlich - und ständig im Umbruch. Als Naturwissenschaftlerin kann Angela Merkel sie hervorragend dekonstruieren und in ihre Einzelteile zerlegen. Der individualistische Fortschrittsoptimismus der Liberalen ist Angela Merkel so fremd wie der Krisenstolz grüner Politik, die sozialistische Herbeterei einer idealen Zukunft so fern wie die konservative Beschwörung einer großen Vergangenheit. Angela Merkel will Politik machen, hier und heute, prinzipiell richtig, prinzipiell gut, so familiär, subsidiär, liberal und selbstbestimmt wie möglich, so staatlich, institutionell, sozial und ausgleichend wie nötig.

In ihrer Indifferenz ist Angela Merkel ihrem letzten männlichen Rivalen, Kanzler Gerhard Schröder, übrigens ganz ähnlich. Allein ihre Indifferenz ist entschiedener als seine.

Quelle: WirtschaftsWoche

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