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Porträt Lauf, Mädchen, lauf!

Woher kommt Angela Merkel? Wohin geht sie? WirtschaftsWoche-Reporter Dieter Schnaas über die wahrscheinlich erste Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
  • Dieter Schnaas
Angela Merkel Ende Mai 2005. Foto: dpa

Angela Merkel Ende Mai 2005. Foto: dpa

Fragen nach dem Warum kann Angela Merkel nicht leiden. Warum es ihre Eltern 1954 gegen den Strom nach Ostdeutschland zog? Warum sie sich 1982 von ihrem ersten Mann trennte? Warum sie 1989 beim Demokratischen Aufbruch und bald darauf bei der CDU anheuerte? Aus Liebe, pflegt Angela Merkel zu sagen. Weil es vorbei war. Und: Weil es zu mir passte. Angela Merkel ist wie ein Gletschersee. So tief man auch hineinschaut - einen Grund findet man nie.

Keiner kennt Angela Merkel. Es gibt drei Biografien über sie und einen Interview-Band, unzählige Zeitungsartikel und stundenlanges Bildmaterial. Man hat ihr Leben mit Humboldt?scher Akribie vermessen, verzeichnet, katalogisiert, heraus kam dabei immer nur: eine Art Angela Merkel. Sie hieß "Kohls Mädchen" und "Deutschlands Maggie Thatcher", sie wurde als "Zonen-Angie" verspottet und zur "Jeanne d?Arc" verklärt. Allein auf das Leitmotiv ihres Wesens ist noch niemand gestoßen. Wahrscheinlich nicht einmal sie selbst.

Angela Merkel, die studierte Physikerin, bewegt sich nach den Regeln der Quantentheorie: absolut schnell und relativ unscharf. Alles in ihrem Leben scheint sich ohne Ursache zu vollziehen, nach dem Prinzip des zwangsläufigen Zufalls. Im nachhinein betrachtet, hat es bei Angela Merkel immer so kommen müssen, rückblickend ist es immer notwendig auf ihre neue Bestimmung hinausgelaufen: auf die Naturwissenschaftlerin in Leipzig, auf die Pressesprecherin beim Demokratischen Aufbruch, auf die Ministerin im Kabinett Kohl, auf die Parteichefin der christlich-demokratischen Männerwirtschaft. Es gibt Gesetzmäßigkeiten, nach denen das Leben von Angela Merkel passiert. Aber es gibt keinen Grundsatz, von dem es sich ableiten ließe.

Woher kommt sie? Wohin geht sie? Was will sie? Angela Merkel ist noch immer incognito unterwegs in der CDU, ohne Ausweis ihrer Herkunft, ein blinder Passagier im Führerhaus der Partei. Vielen Christdemokraten bereitet das Unbehagen. Angela Merkel ruht nicht im Familienfrieden, preist weder Tradition noch Kirchensonntag, kennt die Westintegration nur vom Hörensagen und meidet den rheinischen Karneval. Im ideell aufgeladenen Wertekosmos der Union verhält sie sich wie ein aufsässiges Elementarteilchen: unfassbar, unbändig, immer unterwegs, scheinbar ohne Ursprung, ohne Ziel: irgendwohin.

Nur ganz am Anfang will es mit dem Unterwegssein noch nicht richtig klappen. Die kleine Angela ist das Gegenteil eines motorischen Genies; sie selbst wird sich später als "Bewegungsidiot" bezeichnen. Angela spricht bereits, als sie endlich anfängt, die Welt unter ihre Füßchen zu nehmen; noch mit fünf Jahren kapituliert sie vor jedem Weg, der bergab zeigt. Ihr Vater zeigt ihr, wie sie runter vom Hügel kommt, langsam, Schritt für Schritt. Angela muss sich das erklären lassen: wie man steht und wie man geht. Seither ist es ihr wichtiger, voranzukommen, als zu wissen, wohin die Füße tragen.

Als Tochter eines Pfarrers steht Angela Kasner (heute Merkel) in der DDR unter dem Generalverdacht, staatsfeindlich erzogen zu werden. Ihren Vater hat es 1954 nach dem Theologiestudium in Westdeutschland zurück zur Heimatkirche in die Uckermark nach Templin gezogen; ihre Mutter, Lehrerin aus Hamburg, ist ihrem Mann gefolgt, so war das damals. Herlind Kasner muss auf die Ausübung ihres Berufs verzichten; umso mehr hält sie die Kinder zu besonderen Anstrengungen an, ermuntert Angela, immer ein bisschen besser zu sein als die anderen. Die Sticheleien der Lehrer pariert sie mit Leistungen, an denen keiner vorbeisehen kann. Angelas Leben ist ein Wettbewerb, der nicht gerecht ist, aber den sie trotzdem gewinnen will. Sie nimmt die Konkurrenz mit der Welt auf. Und zeigt es ihr.

Ihre ersten 16, 17 Jahre, sagt Angela Merkel heute, seien "rundum glücklich" gewesen. Die Uckermark ist voller Wälder, Felder, Seen, ein Paradies für jedes Kind. Angela ist die Beste in Russisch und Mathe, sie trägt Zahnspange, Brille und orthopädische Einlagen, sie macht ein bisschen mit bei der FDJ und schaut Westfernsehen, sie tanzt nicht gern und sammelt Kunstpostkarten, sie liest viel und hält sich ungeschminkt von Jungs fern, sie merkt sich Europas Hauptstädte und ist führendes Mitglied der Templiner CDU - dem Club der Ungeküssten. Angela ist vernünftig, aufgeweckt, unaufgeregt. Man kann nicht sagen, dass sie das Leben sucht. Aber man kann sagen, dass sie ihren Platz im Leben findet.

Beim Landesparteitag der niedersächsischen CDU vergangenes Jahr in Hannover nimmt sie ihren Platz viel zu schnell ein. Der Saal steht nach Merkels Rede, applaudiert der Vorsitzenden, gratuliert sich zu ihr.

Zweimal setzt sich Angela Merkel, steht wieder auf, lächelt, winkt und setzt sich wieder. Endlich ist Ruhe. Überschwang ist ihr unangenehm, Massen sind ihr auch in zu- » stimmender Form verdächtig. Angela Merkel will nicht verführen. Sie will überzeugen. Sie will zeigen, dass sie es kann. Dass sie das Zeug dazu hat. Dass sie besser ist als alle anderen. Die Delegierten sollen das ihretwegen glauben, fühlen, spüren. Vor allem aber sollen sie es wissen.

Ihre Rede war okay, wie immer. Das Wort klar kam oft darin vor und das Wort völlig. "Und da sage ich ganz klar: Wir stehen vor völlig veränderten Bedingungen." Ein typischer Satz von Angela Merkel. Ganz klar: Globalisierung ist eine unerschütterliche Größe, der Wettbewerb der internationalen Standorte unumstößliche Gewissheit. Dahinter, sagt Angela Merkel, können wir nicht zurückfallen; von hier aus müssen wir weiterreden. Wir müssen die Prämissen kennen, um die Prioritäten zu bestimmen. Politik ist Logik. Angela Merkel will, dass ihre Politik berechenbar ist, nicht fehlerfrei.

Wettbewerb bedeutet Innovation, Innovation bedeutet neue Wege gehen, neue Wege gehen bedeutet, den Mut zum Irrtum aufzubringen: trial and error. Wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sagt Angela Merkel, ab und an mal wieder vorn dabei zu sein. Es ist unmoralisch, sagt Angela Merkel, träge und scheu Risiken zu meiden und es nicht wenigstens zu versuchen.

Das gelte für Lohnkostenzuschüsse und einen lockeren Kündigungsschutz, für Langzeitarbeitslose und die Gesundheitspolitik, für die grüne Gentechnik und die Windenergie. Das ganze Leben ist für Angela Merkel eine Versuchsanordnung. Ganz klar: Wir müssen die Prioritäten bestimmen, um zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen. Politik ist Problemlösen.

Angela darf studieren. Sie hat ein exzellentes Abiturzeugnis, ihr Vater ist gut verdrahtet in der Kirchenhierarchie, da lässt sich was machen. Es ist 1973. Joschka Fischer prügelt sich in Frankfurt mit Polizisten, Gerhard Schröder wird in Hannover Gewerkschaftsmitglied, Guido Westerwelle geht in Bonn auf die Realschule, Helmut Kohl lässt sich zum Chef der CDU krönen.

Angela Kasner mischt Kirsch-Whiskeys in der Kellerbar ihres Leipziger Studentenwohnheims. Sie hat Sandalen an und Jeans, sie ist beliebt, gesellig und immer auf Achse, sie zeltet wild und geht mit Rucksack ins Gebirge, sie macht Interrail im nahen Osten, Budapest und Prag, Bukarest und Sofia. In Leipzig lebt sie studentisch, bescheiden, kommt mit zehn Quadratmetern aus, mit Bett, Schrank, Schreibtisch und Etagenklo, ist anspruchslos und braucht nicht viel, ach ja, einen Mann vielleicht: Ulrich Merkel, er ist 24, sie 23, als sie heiraten, es war so üblich, hat Angela Merkel einmal auf die Frage nach dem Warum gesagt. Nach fünf Jahren stimmt die Chemie nicht mehr, die Ehe wird geschieden. Angela Merkel zieht weiter. Sie nimmt die Waschmaschine mit - und seinen Namen.

Seit 1978 lebt Angela Merkel in Ost-berlin. Eine Stelle als Lehrerin für Russisch und Physik wird ihr vom Staate Honecker verwehrt, also fängt sie als Mitarbeiterin bei der Akademie der Wissenschaften an. Ein Wohnberechtigungsschein wird ihr verweigert, also zieht sie durch die Straßen im Prenzlauer Berg, sucht vier Wände, die keiner braucht und zieht ein; sie lebt von 650 Ostmark im Monat, zwischen Sperrholz, Schimmel, Schädlingen. Als ihr Vater sie zum 30. Geburtstag besucht, stellt er fest: "Sehr weit hast du?s noch nicht gebracht."

Angela Merkel läuft im Kreis. Sie mischt ein bisschen mit bei der FDJ, hält sich sporadisch in Ostberliner Kirchenkreisen auf; hier diskutiert sie über Gott und die Welt, dort streicht sie den Disco-Keller. Richtig warm wird sie weder mit Karl Marx noch Jesus Christus; lieber befreundet sie sich mit sich selbst. Angela Merkel sammelt Bildung, lädt ihren Speicher auf, frisst Bücher, Popper, Grass und Böll, Bulgakow, Gogol, Solschenizyn, "ich las, was ich kriegen konnte". An der Akademie darf sie "Nature" und "Science" studieren, nach Feierabend blättert sie im "National Geographic", und wenn sie morgens vor acht Uhr den S-Bahnhof Schönhauser Allee erreicht, ist meistens noch ein Exemplar des "Morning Star" zu haben, das Organ der kommunistischen Partei Großbritanniens, das sie zur Vertiefung ihrer Eng- » lisch-Kenntnisse nutzt. Angela Merkel ist ehrgeizig, nicht zielstrebig, voller Tatkraft eingeengt und eingeschränkt.

1986 promoviert sie mit einer Dissertation über "Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen", aber das ist es nicht. Sie will mehr, weiß nicht, wohin mit sich und ihren Kräften.

Die DDR hält ihre Geschwindigkeit ziemlich konstant; Angela Merkel ist zum stehenden Marschieren verdammt. Ihr Motor läuft auf Hochtouren, einen Gang einlegen darf sie nicht. Auf die politische Zuspitzung Ende der Achtzigerjahre reagiert sie mit vorsichtiger Gespanntheit. Das Gemeinschaftserlebnis in der Zionskirche ist ihr physisch unangenehm, weder will sie den sozialistischen Käfig vergolden noch das Ende der DDR herbeibeten, sie mag keine Wärmezonen im Kerzenlicht, keine untergehakte Solidarität, "kein Ringelpitz-Verhalten zur Durchsetzung politischer Ideen". Als das Licht in der DDR verglimmt, geht Angela Merkel nicht für Frieden, Freiheit, Vaterland auf die Straße.

Aber als die Mauer fällt, rennt sie los, lässt ihre aufgestauten Energien überschießen. Sie geht raus aus der Lehre und rein ins Leben, will gebraucht werden, anpacken, loslegen, natürlich demokratisch, aber Hauptsache: Aufbruch.

Ein politisches Programm verfolgt sie nicht. Die SPD verabsolutiert das Soziale, die Grünen das Ego, die FDP die Freiheit vom Staat, die Bürgerbewegten den inneren Frieden. Angela Merkel ist das alles zu abstrakt, zu hochtrabend, zu kategorisch. Sie sucht ein Betätigungsfeld, keinen Bekenntnisort. Erste Lösungen, nicht letzte Antworten.

Und sie landet, wenn nicht zufällig so doch beiläufig, bei der CDU. Sie hat keine Ahnung, dass Konrad Adenauer seiner Partei 1946 ins Stammbuch schrieb, was sie das Leben lehrte: Politik soll keine Programme entwerfen, sondern Ziele erreichen. Sie hat Müller-Armack gelesen und damit die Vorzüge der sozialen Marktwirtschaft kennen gelernt, vor allem aber: sie war lange eingesperrt und will jetzt frei sein. Wenn Angela Merkel einen inneren politischen Wertekompass hat, so zeigt der auf Freiheit. Nicht die Freiheit zu überspannten Lebensäußerungen, sondern die praktische, nützliche Freiheit Ludwig Erhards. Seine soziale Marktwirtschaft will sie erneuern.

Im Kommunalwahlkampf von NRW 2004 schippert die Unschuld vom Lande auf dem Rhein-Herne-Kanal von Gelsenkirchen nach Oberhausen. 150 Leser einer Regionalzeitung sind an Bord, der Chefredakteur lädt zum Interview, es gibt Bockwurst für einen Euro fünfzig. Angela Merkel guckt aus dem Fenster und sagt, es gebe eine Menge Grün im Ruhrgebiet.

Eine Leserin will wissen, wie die CDU-Chefin ihre Freizeit verbringt. Angela Merkel erzählt formatiert und verschwiegen. Sie hat ein Wochenendhaus nahe Templin, mit Garten. Die Tomaten sind dieses Jahr nicht rot geworden. Die Bohnenernte war gut. Die Erbsenernte war ausreichend. Angela Merkel kocht Kartoffelsuppe und backt Pflaumenkuchen mit Hefeteig. "So", sagt sie, "das war?s." Das Boot legt an. Angela Merkel ist erleichtert. Endlich hat sie wieder festen Boden unter den Füßen.

Wie eine aufgedrehte Spielzeugente watschelt sie durch den Oberhausener Vergnügungspark, die Entourage kann kaum Schritt halten, ein paar Wortwechsel mit Passanten, ein strahlendes Foto mit Benjamin Blümchen, dann fängt es an zu regnen. "Schade", sagt Angela Merkel, "ich wär? so gerne Riesenrad gefahren."

Stattdessen kehrt sie nun ins Brauhaus ein, die CDU tischt Dixieland auf und zwei knappe Wahlkampfreden, ein halbes Hähnchen für jeden mit ganz viel Pommes. Angela Merkel gähnt und vergisst dabei, ihre Hand vor den Mund zu nehmen. Das Volkstümliche strengt sie an, das Bad in der Menge ermüdet sie gründlich. Endlich kommen die Pommes. Sie langt zu. Sie ist hungrig, wie immer.

Angela Merkel will schon lange Kanzlerin werden, keine Frage, unbedingt. Sie hat nicht am Gartenzaun gerüttelt wie Gerhard Schröder, aber sie verfolgt ihr Ziel genauso entschlossen. Angela Merkels Laufbahn hat sich in einer Art Schnittmenge vollzogen, irgendwo zwischen ihrem Willen zur Macht und der Macht ihres Schicksals. Ihren Aufstieg verdankt sie so gut der Fähigkeit, sich selbst herauszufordern wie der Fähigkeit ihrer Wettbewerber, sie hartnäckig zu unterschätzen. Angela Merkel hat es geschafft, weil sie ihrem Ehrgeiz folgte und weil die Partei es passieren ließ. Ihren Erfolg hat sie so machtvoll befördert wie er ihr gütig zugestoßen ist. Angela Merkel hat ihre Karriere betrieben, der CDU ist sie unterlaufen.

Das Laufwunder wird von Anfang an unterschätzt. Im Kabinett gilt Merkel als Kohls Mündel, von dero Gnaden Ministerin für Frauen/Jugend (1991- 1994) und Umwelt (1994-1998), doppelte Quote, doppelt belächelt: eine Frau aus dem Os- » ten. Erst der neue Parteichef Wolfgang Schäuble emanzipiert sie 1998 zur Generalsekretärin. Als Schäuble über die Spendenaffäre stolpert, steht Merkel plötzlich wie eine Ikone des Neuanfangs da. In der CDU-Führung regt sich Skepsis; die Spitzen wollen einen elder statesman für den Übergang, Kurt Biedenkopf oder Bernhard Vogel.

Angela Merkel weiß sich zu helfen. Sie erfindet die Regionalkonferenzen, gewinnt die Basis, sie wird für ihren diskursiven Führungsstil gepriesen und erzwingt den Vorsitz. Die CDU-Granden beruhigen sich; ist ja nur für den Übergang. Zum Jahreswechsel 2001/02 wird amtlich, dass die Union Angela Merkel mehr duldet als schätzt: Reihenweise kehren ihr Vorstände und Landeschefs den Rücken, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) geht ins Kanzlerrennen. Die verlorene Bundestagswahl 2002 ist für Angela Merkel ein Erfolg gegen die Union. Sie erobert den Fraktionsvorsitz. Sie steht auf, klopft sich den Staub vom Leib, rennt wieder los.

Mit Wahlsiegen in den Ländern festigt sie seitdem ihre Macht, mit Macht ihre Führungsrolle in Berlin. Ihren engsten Führungskreis hat sie wie einen weiblichen Geheimbund organisiert. Büroleiterin Beate Baumann ist ihre vertraute Einflüsterin, ein Gewittertierchen mit feinen Fühlern, immer als Spionin unterwegs im Land der parteiinternen Feinde.

Pressesprecherin Eva Christiansen systematisiert die Meinungskontrolle, lenkt, leitet, deutet die politischen Gassenhauer des Tages, synchronisiert Angela Merkels Standpunkte mit der öffentlichen Wahrnehmung und die öffentliche Wahrnehmung mit Merkels Standpunkten.

Auf Baumann und Christiansen kann Angela Merkel sich unbedingt verlassen. Wenn die drei nicht gerade aufeinander glucken, beackern sie ihre Mobiltelefone, senden sich Neuigkeiten, melden Wasserstände, taxieren die Debatten, tarieren sie in ihrem Sinne aus; auch Hildegard Müller, Merkels Lautsprecherin im Präsidium, darf zuweilen dabei mitmachen. Es kommt vor, dass Angela Merkel mit der Steuerung des tagespolitischen Geplänkels so sehr beschäftigt ist, dass sie bei öffentlichen Terminen an der Seite der Gastgeber plötzlich ungeniert anfängt, auf ihr Handy einzutippen. Das Simsen ist ihr zur Sucht geworden.

In der Fraktion sitzt sie wie eine Spinne im Netz; geschickt hat sie Kritiker verfangen und Skeptiker eingesponnen, die haben, was ihr fehlt. Helmut Kohl, den sie 1999 ins historische Museum stellte, zählt sie über Kohl-Freund Ronald Pofalla, den wirtschaftspolitischen Sprecher der Fraktion, zu ihren Beratern. Volker Kauder, der ihr 2002 noch die Eignung als Kanzlerkandidatin absprach, hat sie erst zum Geschäftsführer der Fraktion und dann zum Generalsekretär der Partei ernannt. Norbert Lammert, Urgestein der West-CDU, katholischer Schöngeist und moralische Autorität, hat sie mit kühlem Verstand für ihre Sache gewonnen. Hamburgs Oberbürgermeister Ole von Beust sieht in ihr die Garantin für eine gesellschaftliche Öffnung der CDU.

Selbst Skeptiker wie CSU-Landesgruppenchef Michael Glos haben sich nach und nach wie Metallspäne nach dem Machtmagneten Merkel ausgerichtet; ganz zu schweigen von notorischen Opportunisten wie Außenpolitiker Friedbert Pflüger, der noch zu jedem Zeitpunkt seines politischen Lebens auf 360 Grad anspielbar war.

Angela Merkel regiert und präsidiert die Union zugleich. Sie weiß, dass sie kein gern gesehener Gast in deutschen Wohnzimmern ist, im Fernsehen, sagt sie, "wirke ich oft zu ernst, fast griesgrämig". Ihre Stärke liegt im persönlichen Kontakt; wen sie persönlich kennen lernt, hinterlässt sie meist als Fan. Zu den Ortsverbänden unterhält sie einen direkten Draht; Regionalkonferenzen sind ihr als Begegnungsstätte so wichtig wie als Stimmungsbarometer und Machtinstrument. Kollegen aus der Partei übermittelt sie vor Fernsehsendungen beste Wünsche, Fraktionsmitgliedern gratuliert sie persönlich zum Geburtstag, Kritiker poussiert sie mit offenem Visier, Nörglern schmeichelt sie mit Aufmerksamkeit. Fast jeden Abgeordneten hat Angela Merkel schon einmal mit ihrem Interesse an dessen Meinung überrascht; ihre Audienzen werden nie sporadisch, immer gezielt, meistens telefonisch gewährt; aus der Distanz fällt ihr Nähe leichter.

Die meisten Wochenenden sind für Angela Merkel am Sonntagmittag zu Ende. Bis zum "Tatort" klärt sie telefonisch die Lage, hört in die Partei hinein, bestellt Gefälligkeiten für die nächste Vorstandssitzung. Als Merkel wegen ihres Versteckspiels vor der Kür Horst Köhlers zum Präsidentschafts-Kandidaten unter Beschuss steht, lässt sie ihre Kritiker mit einer organisierten Wortmeldung ins Leere laufen: Völlig un-erwartet steht plötzlich die Türkei-Politik im Raum - und Volker Rühe im Kreuz- feuer. Eine Stunde erhitzen sich die Gemüter, dann ist die Wut entladen, Wolfgang » Schäuble verhindert - und Angela Merkel fein raus: Die Medien bewundern ihre Durchsetzungskraft.

Die Medien. Grundsätzlich kann Angela Merkel auf ihr Wohlwollen zählen. Friede Springer, graue Eminenz des Axel Springer Verlags, Liz Mohn, Matriarchin bei Bertelsmann, Patricia Riekel, Chefredakteurin der "Bunte", und Sabine Christiansen, Vorsitzende des Fernsehparlaments, gehören seit Jahren zu ihrem Förderkreis. Liz Mohn projiziert und publiziert ihren eigenen Erfolg auf das gewachsene Format von Angela Merkel; Patricia Riekel hält ihre Redakteure gerne an, keinen Politiker ohne Frage nach den Vorzügen der CDU-Chefin zu entlassen; Sabine Christiansen ist Merkel von Frau zu Frau gesonnen und bei fast jeder Party ihr erstes Anlaufziel.

Zimperlich ist Angela Merkel nicht. Kohl, Schäuble, Koch, Stoiber, Merz - gestandene Männer pflastern ihren Weg. Und sie ist nachtragend: Eine Szene aus dem Januar 2002 hat sie nie vergessen. Magdeburg, Klausurtagung, Schäuble und Merz feiern in der Hotelbar die soeben beschlossene Kandidatur Stoibers, Merkel und Baumann arbeiten fünf Meter weiter ihre Niederlage auf. Merz und Schäuble johlen aufdringlich laut; sie feiern nicht Edmund Stoiber; sie verhöhnen Angela Merkel. Acht Monate später serviert sie Merz als Fraktionschef ab; später beerdigt sie Schäubles Hoffnung auf den Einzug ins Bundespräsidialamt. Zu oft hat Angela Merkel erfahren müssen, dass sie von ihren Landesfürsten nicht unterstützt wird, sich als CDU-Chefin von ihnen belehnt fühlt. Als Pfarrerstochter war sie der DDR, als ostdeutsche Protestantin bleibt sie der CDU verdächtig.

Das Entscheidende hat die CDU dabei noch nicht mitbekommen: Angela Merkel bewegt sich nicht ohne Ursprung, ohne Ziel; sie bewegt sich aus dem Nichts ins Offene. Deshalb ist sie ihrer Partei immer einen Schritt voraus: weil sie in der beschleunigten Moderne nicht auf absolute Klarheit wartet. Ihr langer Lauf endet nicht irgendwann in einer idealen Zukunft, sondern täglich in einer etwas besseren Gegenwart. So hat Angela Merkel gegen den Willen der Granden ihrer Partei die Kanzlerkandidatur geschafft und zugleich die Union für eine Regierungsübernahme flott gemacht: Indem sie die Union geöffnet hat für eine fragliche Moderne, für eine fragile Zukunft, für eine ungewisse Welt.

Angela Merkel hat mit Helmut Kohl das Patriarchat in der Union abgeschafft, mit Norbert Blüm die Illusionen des Sozialstaats eingeholt, mit Heiner Geißler die Unbedingtheit des katholischen Prinzips überrundet, mit Edmund (und Ehefrau Karin) Stoiber die traditionelle familiäre Gewaltenteilung auf der Strecke gelassen. Die ordentlichen Lebensentwürfe der Merz, Koch, Wulff zwischen Hausmusik und Kindersegen sind in der Merkel-Union weiter möglich, vielleicht die Regel, aber nicht mehr verpflichtend.

Angela Merkel hat die Union säkularisiert, sie zum Abschied vom Prinzipiellen bewegt. Am Beispiel ihrer selbst - zum zweiten Mal verheiratet und kinderlos - zwingt sie die Christdemokraten dazu, auch das Andere gelten zu lassen: die andere Geschichte, die andere Herkunft, die andere Tradition.

Die neue Unübersichtlichkeit ist für Angela Merkel etwas, was die CDU lernen muss, wenn sie erfolgreich regieren will. Die Welt ist polyperspektivisch zerborsten, die utopischen Energien haben sich erschöpft. Angela Merkel ist für absolute Attitüden nicht empfänglich; sie erhebt keine perfektionistischen Sollforderungen, glaubt nicht an die Beschwörung universaler Ideen, erhebt keinen Anspruch aufs Vollkommene. Himmlische wie irdische Heilserwartungen sind ihr suspekt.

Diese Welt ist unvollkommen, fehlbar, menschlich, endlich - und ständig im Umbruch. Als Naturwissenschaftlerin kann Angela Merkel sie hervorragend dekonstruieren und in ihre Einzelteile zerlegen. Der individualistische Fortschrittsoptimismus der Liberalen ist Angela Merkel so fremd wie der Krisenstolz grüner Politik, die sozialistische Herbeterei einer idealen Zukunft so fern wie die konservative Beschwörung einer großen Vergangenheit. Angela Merkel will Politik machen, hier und heute, prinzipiell richtig, prinzipiell gut, so familiär, subsidiär, liberal und selbstbestimmt wie möglich, so staatlich, institutionell, sozial und ausgleichend wie nötig.

In ihrer Indifferenz ist Angela Merkel ihrem letzten männlichen Rivalen, Kanzler Gerhard Schröder, übrigens ganz ähnlich. Allein ihre Indifferenz ist entschiedener als seine.

Quelle: WirtschaftsWoche

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